Forellen in der Kuhtränke

Liebe Gemeinde,

als ich in unserem Predigttext dieses Wort Jesu vom lebendigen Wasser las, da sah ich mich unversehens wieder als Junge in dem Wildbach stehen, der vor unserem Feriendomizil auf der Schweizer Alm vorbeifloss, nein vorbeirauschte und an manchen regnerischen Tagen auch vorbeitobte. Glasklar, kalt und lebendig war dieses Wasser und für uns Kinder war es das Kurzweiligste in den sonst meist kuhlangweiligen Sommerferien in diesem reißenden Wasser zu spielen, zwischen den kleinen und großen Steinbrocken, die der Bach auf seiner wilden Fahrt mitbrachte. In der Strömung konnte man sie bewegen, aufschlichten und für ein paar Stunden neue Strömungen und kleine Seen entstehen lassen. Am nächsten Morgen hatte der Bach die Unordnung für ein neues Spiel wieder hergestellt.

Aber nicht nur dieses Wasser war lebendig. In ihm lebte es auch. Und so stand eines morgens der Förster mit meinem Vater, der noch im Schlafanzug war, vor der Kuhtränke beim Haus und stellte Vermutungen an, wie Forellen in diese Kuhtränke kämen. Er fand das ebenso wenig erheiternd wie mein Vater, der nicht nur eine Strafe zahlen musste, sondern die auch noch in Schweizer Franken.

Seitdem kann ich mir unter lebendigem Wasser etwas vorstellen – und nehme es der Samariterin nicht übel, wenn sie mit dem Bild, das Jesus ihr anbietet, gar nichts anfangen kann. Einen eisklaren Wildbach gibt es in ganz Palästina nicht und sie trifft Jesus an einem Brunnen, an dessen Tropf ein ganzes Dorf mit seinen Menschen und Tieren hängt. Da glitzern nicht schäumende Stromschnellen im Sonnenlicht. Da poltert ein Eimer hinab in die Dunkelheit eines Erdlochs und jeder ist froh, wenn er dann nicht leer wieder heraufkommt. An den Inhalt werden erst in zweiter Linie Ansprüche gestellt. Hier geht’s nicht ums Spiel, hier geht es um elementare Bedürfnisse, ums blanke Überleben.

Wie halt in jedem Leben, liebe Gemeinde. Unsere Bedürfnisse sind uns am nächsten. Und in wie viele Brunnen lassen wir im Lauf unseres Lebens unsere Eimer hinab um unseren Durst nach Leben zu stillen? Und wie oft ziehen wir um so durstiger zum nächsten? Wie oft schauen wir einem anderen in die Augen oder schlingen unsere Arme um ihn und sagen mit oder ohne Worte: Gib mir zu trinken! Und wie oft ziehen wir um so durstiger zum nächsten?

In den Zeiten von BSE ist das Szenario vom Brunnen in der Wüste vielleicht bald aktueller denn je. Inmitten von Fleischbergen und Überfluss wird man vielleicht einmal nach dem, was man ohne Todesangst essen und trinken kann, suchen müssen, wie nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Ab einem gewissen Reichtum und Überfluss fängt offenbar das nächst größere Elend an. Die Quellen, aus denen die Väter, ihre Kinder und ihr Vieh getrunken haben, können auch den Tod bringen. Und das alles, weil wir unsere Bedürfnisse immer schneller und immer preiswerter bedienen wollten. "Christsein an der Ladentheke" fordert deshalb der Umweltbeauftragte der Landeskirche. Lebensmittel sind keine Ramschware, sondern Mittel zum Leben, deren Erzeugung ihre Zeit braucht und ihren Preis hat. Der Turbo gehört ins Auto und nicht in die Kuh. Und die hat es nicht verdient auf den Scheiterhaufen des Rindfleischmarktes verbrannt zu werden. Jeder kann nachfühlen, was in den Köpfen und Herzen von betroffenen Landwirten dieser Tage vor sich geht. Es sollte uns allen das Herz zerreißen und es sollte noch bluten, wenn wir nächstes Mal wieder an der Ladentheke stehen.

Wir alle wurden geboren als Wesen, die sich alles so schnell wie möglich einverleiben wollten, was sich vor ihren Augen fand, die Bauklötze und den kleinen Plastikelefant inklusive. Wie oft hat uns die Mutter falsche Sachen aus dem Mund genommen. Wenn wir erwachsen sind, nützt es uns nichts der Mutter oder sonst wem die Schuld zu geben. Wir sind verantwortlich für die Mittel zum Leben. Wir bleiben keine kleinen Kindern, sondern sind als Reisende zu dem Tag unterwegs, an dem wir nichts mehr in den Mund nehmen und mit offenen Händen und ohne Geldbeutel von dieser Welt Abschied nehmen.

Und da gewinnt die Frage nach den Mitteln des Lebens eine ganz andere Dimension. Da bekommt das Nachdenken über das zum Leben Notwendige einen tieferen Hintergrund. Wie an jenem Brunnen in Samaria, wo Jesus sich mit der Samariterin unterhält, die wie alle Tage zum Brunnen kommt, um wie alle Tage Wasser zu schöpfen, mittags um zwölf, wenn die Hitze und der Durst am größten ist. Um das Wasser, das jetzt zum Leben gebraucht wird, dreht sich das Gespräch am Anfang und wird zum Gespräch über das, was grundsätzlich für Zeit und Ewigkeit zum Leben gebraucht wird. Und das eine bleibt auf das andere bezogen.

Gib mir zu trinken, sagt Jesus zu ihr. Durst verbindet. So reden verbindet. Bedürfnisse verbinden. Wir haben sie alle. Mann hin, Frau her. Jude hin, Samariterin her. Aber Jesus wäre nicht der Christus wenn er bei diesen gemeinsamen Bedürfnissen stehen bliebe. Denn schließlich sie sind größer, als sie zu sein scheinen. Hör auf deinen Durst, meint Jesus. Ist in dem Schluck abgestandenen Brunnenwassers nicht die Sehnsucht nach dem Wasser aus einer sprudelnden Quelle? Ist in dem Schluck aus der sprudelnden Quelle nicht die Sehnsucht nach dem Wasser, das den Durst für immer löscht? Die Sehnsucht nach einem Wasser, das ganz Freude ist, ohne den Geschmack von Not? Wenn es das gäbe und ich hätte es, würdest Du mich darum bitten?

Was für eine Frage in dieser Runde am Brunnen in Samarien, wo man mittags um zwölf am Vertrocknen ist. Manchmal ist das Elend der Anfang von unermesslichem Reichtum und das allermenschlichste Bedürfnis ein Tor zur himmlischen Herrlichkeit. Die durstige Samariterin schaut dem Christus in die Augen, in dem der Schöpfer allen Lebens zur Welt gekommen ist um seine hungrigen und durstigen Kinder nach Hause an seinen Tisch zu holen. Alles was dort auf dem Tisch steht, ist Mittel zum Leben, ganz Freude, ohne den Geschmack von Not und vergeblicher Suche.

Da gehen wir hin, liebe Gemeinde, dem Christus sei Dank. An ihm sehen und lernen wir, dass die wahren Mittel zum Leben teuer erkauft sind. Sie kommen aus einer ewigen Geschichte der Liebe, in der Gott nicht einmal sein Bestes, sein eigenes Leben schont und gerade so dem Leben zum Sieg verhilft. So ist der Christus Wegweiser für eine Menschheit, die ihre Lebensqualität dadurch steigern zu können meint, dass sie das Leben auf diesem Planeten im Großen und Kleinen immer geschmierter und immer preiswerter verramscht. Dem vergänglichen Verbraucher des Lebens tritt der ewige Schöpfer entgegen, der sich in Liebe lieber zugunsten des Lebens selbst verbraucht. Vor Gott Ehrfurcht haben, heißt, seine Liebe für alles Lebendige teilen – auch an der Ladentheke.

Jesus ist sich nicht zu schade Essen und Trinken unsere allermenschlichsten Bedürfnisse in Beziehung zu setzen zur Herrlichkeit des Reiches Gottes. Wir sollten uns nicht zu schade sein, Essen und Trinken als etwas zu betrachten, auf das schon hier auf dieser Welt ein Licht der himmlischen Herrlichkeit fällt. Licht vom Essen und Trinken in der Ewigkeit, vom Brot des Lebens und dem Kelch des Heils.

Mich wird das Bild vom lebendigen Wasser freilich immer an den Gebirgsbach meiner Kindheit erinnern. An die sorglosen und selbstvergessenen Spiele an Tagen ohne Zeit. So stelle ich mir das lebendige Wasser vor, dass in die Ewigkeit quillt. Und ich kann mir sogar vorstellen, dass an seinen Ufern in den Kuhtränken Forellen schwimmen.

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