Ein Frühling mitten im Winter

Liebe Gemeinde,

zu einem wohlklingenden, poetischen Predigttext, ein wohlklingendes romantisches Gedicht von Ludwig Uhland:

Die linden Lüfte sind erwacht/ sie säuseln und wehen Tag und Nacht/ Sie schaffen an allen Enden./ O frischer Duft, o neuer Klang!/ Nun, armes Herze sein nicht bang!/ Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag./ Man weiß nicht was noch werden mag./ Das Blühen will nicht enden./Es blüht das fernste tiefste Tal: / Nun armes Herz, vergiss die Qual!/ Nun muss sich alles, alles wenden.

Ist das nicht schön, liebe Gemeinde? Doch schön wär’s! Ich wäre jetzt gewiss keinem böse, der mich auslachen würde. Ein Frühlingsgedicht mitten im Winter! Ich wäre keinem böse, der mich am Schlafittchen packen würde um mich vor die Tür zu bringen, damit der Prediger einmal einen Blick auf die wirkliche, kahle und graue Welt draußen werfen könnte.

Damit der Prediger einmal sieht, wie die Welt aussieht, wenn er Verschen von berstenden Knospen und Blüten aufsagt und von der Heilung zerbrochener Herzen predigt, von der Freiheit und der Gerechtigkeit, die Gott aufgehen lässt, wie Pflanzen und Bäume, vor allen Völkern der Erde wohlgemerkt, Heiden inklusive. Weltfremd ist doch beides. Na ja, das ist man in der Kirche ja schon immer gewöhnt.

Das gesagt zu bekommen ist auch der Prediger schon gewöhnt. Und deshalb würde er nicht böse sein und seine Hörer einmal in seinen Garten einladen. Dort steht kein einziger grüner Tannenbaum. Deshalb sieht der Garten auch zum Leidwesen des Predigers im Winter besonders kahl und trostlos aus. Die Büsche und Bäume recken ihre Kahlen Äste in einen grauen Himmel. Auf leeren Beeten stehen noch ein paar braune Halme. Das Laub fault und verrottet . Der Garten erinnert vor allem an Friedhof und Tod.

Der erfahrene Gärtner weiß natürlich bereits, wohin nun der Prediger seine Gemeinde führt. Zum Beispiel dorthin, wo am Rande der Büsche im Frühling das Leberblümchen und die Primel blüht. Auch eine Akelei steht dort. Nun entfernt der Prediger vorsichtig ein paar braune Blätter, die obenauf liegen und auch der erfahrene Gärtner staunt immer wieder nicht schlecht, was er da schon mitten im Winter zu sehen bekommt:

Saftige , sich fest zusammenhaltende hellgrüne Herzen, an denen schon alles dran ist, Blätter und Blüten. Was da mitten im Winter noch nicht angelegt ist, wird auch im Sommer nicht mehr. So führt der Prediger seine Gemeinde im Garten herum. Zu den Stauden, an denen unter der Erde schon dicke haarige Triebe sitzen, zum Krokus, das längst neue Wurzeln gebildet hat und einen hellen Trieb durch die Erde nach oben schickt.

Und so wird auch der absolute Naturignorant mehr und mehr begreifen, dass mitten im Winter, Frühling und Sommer schon da sind. Dass mitten im Garten, der nach Friedhof und Tod aussieht, das Leben in all seiner Pracht schon da ist. Noch verbirg es sich schützend. Aber es ist da und nicht mehr aufzuhalten. Das muss man gesehen haben.

Es ist also doch nicht ganz so abwegig, das Frühlingsgedicht mitten im Winter und vielleicht ist es sogar im Winter entstanden. Wir wissen es nicht. Aber der Dichter hat dieses Gedicht nicht etwa Frühlingserwachen genannt , sondern Frühlingsglaube. Schon mitten im Winter hat dieser Glaube seinen Platz. Wer sich bückt und drunter schaut unter die Decke aus Moder und Laub, findet für solchen Glauben Anhaltspunkte.

Nicht anders verhält es sich mit unserem heutigen Predigttext. Ja, er selbst bedient sich solcher Bilder aus der Natur. Wer sie verstanden hat, hat schon das wesentliche an diesen Bibelversen verstanden. Das ist der langen Vorrede kurzer, aber sehr wesentlicher Sinn.

Wenn auch die hymnischen Verse des Propheten sind in einer Art Winter geschrieben. Dass aus der babylonischen Gefangenschaft heimkehrende Volk Israel steht vor den Trümmern, die vor Jahrzehnten einmal sein Zuhause waren. Vor dieser Kulisse steht der Prophet zum Volk gewandt. Im Rücken eine Wirklichkeit, für die auch mancher unter uns noch sehr lebendige Bilder der Erinnerung hat. 1944. 1945. 1946. Und auch heute brauchen wir nicht weit zu gehen, um Vergleichbares und Schlimmeres zu finden. Gerade im Hinblick darauf stehe ich heute zu euch gewandt. Er, der Herr hat mich gesandt den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gebundenen, dass sie frei sein sollen, zu verkünden ein gnädiges Jahr des Herrn.

Das ist so weltfremd, wie ein Frühlingsgedicht im Winter, wie eine Vorfreude in dunkler Zeit, für die sich allerdings gute Gründe und Vorboten finden lassen. Das gnädige Jahr des Herrn beginnt auf dem Hintergrund dunkler Zeiten. Das Volk Israel hat das ganz konkret erfahren. Auch wir können uns aus den Problemen unserer Zeit auf vielen Gebieten nur eine dunkle Zukunft zusammen reimen. Wer kennt das nicht aus seinem ganz persönlichen Leben. Was für Zukunft ist da noch möglich in der Trauer über einen nahen und geliebten Menschen, der verstorben und fort ist? Was kann das neue Jahr schon bringen, wenn im alten wieder einmal die Erfahrung der eigenen Schwäche und Schuld zu machen war, der vergebliche und kläglich verlorene Kampf um die guten Vorsätze? Was kann noch werden, wenn das Leben eingeschränkt ist durch Krankheit und Behinderung?

Das Schlimmste an all diesen finsteren Erfahrungen sind nicht die Erfahrungen selbst . Das Schlimmste ist, dass sie uns früher oder später den Mut und das Herz brechen. Ein gebrochenes Herz hat die Fähigkeit zur Freude und zur Hoffnung verloren auch wenn die Zeiten besser werden.

Ein gebrochenes Herz kann auch dann nicht mehr sehen, wenn es heller wird. Ein gebrochenes Herz macht blind und bewegungslos. Zu einem gebrochenen Herzen gehört schon zu Lebzeiten ein toter Mensch. Aber gerade denen habe ich heute gute Botschaft zu bringen. Der Herr hat mich gesandt, die zerbrochenen Herzen zu verbinden. Damit beginnt nach Gottes Willen sein gnädiges Jahr.

Von mir aus kann ich natürlich zerbrochene Herzen nicht verbinden, liebe Gemeinde. Auch wenn ich mir Mühe gebe , dass alles was ich sage von Herzen kommt. Ansonsten hat mein Herz dem eueren ganz und gar nichts voraus. Auch mein Herz muss immer wieder einmal verbunden werden. Und dazu brauchen wir einander. Man kann sich zwar selber vielleicht den Daumen verbinden, aber keiner kann sein eigenes Herz verbinden, wenn es gebrochen ist.

Gebrochene Herzen kann eigentlich nur Gott verbinden. Denn nur er kann etwas Totes wieder lebendig machen. Und deshalb könnt ihr und ich zerbrochene Herzen nur verbinden, indem ihr durch Wort und Tat die Botschaft von dem bringt, der zerbrochene Herzen verbindet.

Und vielleicht hält er, der allmächtige Gott, dann einen erneuten Gang in den winterlichen Garten für keine schlechte Idee. Denn dort gibt es neben hoffnungsvollen Trieben über und unter der Erde noch Verblüffenderes zu sehen. Nämlich Blüten mitten im Winter.

Die Christrose lässt sich von allen Unbilden einer kalten und grauen Welt nicht davon abhalten ihre Blüte zu öffnen. Gerade recht zur Weihnachtszeit hält sie uns so eine Predigt von der Geburt und der Erscheinung des Christus. Wer sie sieht, freut sich an ihr; und in ihr schon an all den Blüten des Gartens, die noch kommen sollen. Wer die Botschaft von der Geburt des Christus hört darf sich an ihr freuen- und in ihr an all der Zukunft, die in der Ankunft des Gottessohnes schon beschlossen liegt; wie in den kleinen verborgenen Trieben des Winters schon alles beschlossen liegt, was der künftige Sommer entfaltet. Mit der Geburt des Christus ist das Reich Gottes schon da. Ist schon da was noch sein wird . Seid ihr schon das, was ihr sein werdet.

Schon darf gesagt werden, mitten im Winter dem wirklichen und dem übertragen gemeinten gesagt werden: Ich freue mich im Herrn und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott, denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.

Früher war es Brauch dem Täufling ein Westerhemd, ein weißes Kleid anzulegen, um so anzuzeigen, dass der kleine Mensch da, obwohl er noch den ganzen oft beschwerlichen, oft aussichtslosen Lebensweg vor sich hat, durch die Taufe schon der Mensch geworden ist, der er nach Gottes gnädigem Willen einmal sein soll. Und ebenso darf sich jeder von uns ansehen.

Schon seid ihr gekleidet mit den Kleidern des Heils. Es sind seine Kleider. Die Kleider Jesu Christi. So verbindet Gott zerbrochene Herzen. Er pappt kein Trostpflästerchen drauf. Er steckt den ganzen Mensch in seine Kleider. So sind wir unterwegs, seinem Frühling entgegen. Macht nichts, wenn wir seine Kleider auf diesem Weg noch öfters schmutzig machen. Mit den Kleidern des Heils angetan, braucht man nicht ängstlich auf Zehenspitzen durch die Welt zu schleichen. Und die Ärmel sind so gemacht, dass man sie hochkrempeln kann. Jesus der Christus hat uns das vorgemacht. Ja, je abgerissener diese Kleider einmal sein werden, desto herrlicher werden sie leuchten, wie ein Festkleid, voll Gold und Diamanten. Wenn es hineingeht zum Freudenfest des Herrn. Darum freut euch schon jetzt im Herrn und seid fröhlich in unserem Gott.

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