Die leere Krippe

Liebe Gemeinde,

im Weihnachtsbild der Glasfenster in der Kathedrale von Le Mans, so habe ich gelesen, ist alles zu sehen, was zu Weihnachten gehört, Maria und Josef, Ochs und Esel und der gemauerte Krippentrog. Nur: die Krippe ist leer!

Hat der Maler das Jesuskind einfach vergessen? Ist er mit seiner Arbeit nicht fertig geworden? Oder wollte er ausprobieren, ob diese Fehlen überhaupt jemand bemerkt? Ja, würde die Welt, die seit gestern Weihnachten feiert, das Fehlen des Christuskinds überhaupt bemerken? Wäre da auch nur eine Feier abgesagt worden? Haben das Christkind und Santa Claus die weihnachtliche Szenerie nicht schon so gehörig vernebelt, dass man gar nicht mehr richtig zur Krippe durchblicken kann? Ist der Krippentrog nicht längst zugemüllt mit einem überdimensionalen Haufen Geschenke und der Kindermund zugeplärrt von klingelnden Handys?

Wer könnte auf alle diese Fragen ein spontanes Nein sagen! Und deshalb ist es am 1. Feiertag höchste Zeit wieder den Durchblick zu finden zu dem, um den es an Weihnachten geht, zu dem der an Weihnachten als Kind in der Krippe liegt. Und dabei hilft uns unser heutiger Predigttext nicht allein dadurch, dass in ihm jegliches Weihnachtsambiente fehlt.

Von Himmel und Erde ist da die Rede, von Leben und Tod. Und diese Worte zeigen an, dass es an Weihnachten um mehr geht, als um eine wirtschaftliche oder kulturelle Veranstaltung. Vielleicht hat der Maler der Glasfenster von Le Mans das Krippenkind absichtlich weggelassen, als wollte er sagen: Haltet euch mit dem holden Knaben im lockigen Haar gar nicht erst auf. Das lohnt nicht. Verdrückt euer weihnachtliches Tränchen und wendet euere Aufmerksamkeit dem erwachsenen Jesus von Nazareth zu, der zum Christus für die Welt wird, in dem Gott und die Welt sich verbinden. Feiert das Weihnachtsfest nicht so, als hätte Jesus nur ein paar Stunden gelebt. Wenn ihr Mahatma Gandhi sagt, oder Martin Luther King, dann denkt ihr schließlich auch nicht an Säuglinge auf Krabbelfellen, sondern an Männer, die die Welt bewegten. Woran liegt das, fragt der Schriftsteller Joseph Reding, dass bei vielen Zeitgenossen die Vorstellung von Jesus Christus auf das Krippenkind zusammenschrumpft und die ersten Stunden seines Lebens so angestrengt und aufwendig abgefeiert werden? Und gibt die Antwort: Weil fast alles an seinem weiteren Wirken und Reden die Menschen irritiert (Josef Reding, Lebte Christus nur ein paar Stunden?).

Da ist was dran, liebe Gemeinde. Das Kind in der Krippe kann sich nicht wehren gegen all die falschen Wünsche und Vorstellungen, die an seine Krippe gebracht werden. Noch ist er ein Püppchen, dem man anziehen kann, was immer man will. Als Erwachsener wird er seinem glühendsten Anhänger Petrus ins Gesicht fahren und sagen: Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist (Mt.16,23).

Aus dem Jesuskind wird kein mächtiger König, kein Herr Kaiser für rundum freundlichen Versicherungsschutz, kein Ratgeber fürs Glück, kein Kai Pflaume, der die Nachricht vom Millionengewinn überbringt, nicht einmal der nette Nachbar von nebenan. Aus dem Jesuskind wird ein Provokateur der Reichen und Frommen, einer der schlecht fürs Geschäft ist, ein Konkurrent aller weltlichen Macht, einer den seine Regierung und seine Gesellschaft nicht für ein wertvolles Mitglied hielten und ihn deshalb schon zu entsorgen gedachten durch den Kindermord in Bethlehem (Mt 2,16) und schließlich durch die Todesstrafe am Kreuz.

An Jesus dem Christus scheiden sich die Geister. An Jesus dem Christus entscheiden sich Leben und Tod, Himmel und Hölle. Aus den Windeln der Weihnachtskrippe schaut uns der allmächtige Gott ins Gesicht. Wer an seine Krippe tritt, befindet sich in der Situation der Entscheidung, auf welche Seite er tritt; auf die Seite des Lichts oder der Finsternis, auf die Seite Gottes oder der Welt, auf die Seite des Lebens oder des Todes. Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen.

Pointiert formuliert das Johannesevangelium diese Summa der Sendung des Christus. Als das Christuskind die Augen aufschlägt ist sie da, die Krise der Welt, der Finsternis, des Todes und wie immer Johannes die Welt nennt, die sich in der Abkehr von Gott befindet, die ihm den Rücken zudreht. Gott kommt zur Welt, um sie wieder zu sich zu kehren. Er kommt zur Heimkehr der Welt. Der Christus ist deshalb der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Denn alle anderen Wege führen nicht nach Hause, sondern ins Nichts.

Auch an Weihnachten bleibt die Welt weltlich. Sie putzt sich heraus, legt ihr teuerstes Makeup auf. Und kommt doch gen Himmel nicht einen Meter voran. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Erde bleibt Erde auch wenn sie in höheren Chören redet und singt. Auch wenn des Menschen Geist wunderbares leistet und seine Seele Kräfte hat, die man bewundern muss. Am Ende wird dem allen am Grab zurecht Erde hinterhergeworfen. Erde bleibt Erde. Und von der gilt: Welt ging verloren, Christ ist geboren.

Das wohl bekannteste Weihnachtslied hat den Mut zur großen Theologie von der Welt, die sich nicht selbst retten kann und dem Gott, der zur Welt kommt, um sie nach Hause zu bringen. Und um alle Zweifel auszuräumen, dass diese Heimkehr auch gelingt, verweist das Johannesevangelium auf die innige Einheit Gottes mit dem Kind in der Krippe. Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß. Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. Maßlos, liebevoll und vollständig identifiziert sich der himmlische Vater mit seinem Sohn. Gott für die Welt!

Und niemand will ihn hören! Immer wieder steht der Evangelist fassungslos vor diesem Phänomen. Die Seinen nahmen ihn nicht auf. Es ist kein Raum in der Herberge. Der holde Knabe im lockigen Haar wird gefeiert, der, der die Bergpredigt hält niedergebrüllt. Der Krippensäugling löst Rührung aus, der die Händler aus dem Tempel treibt, wird ans Kreuz geschlagen. Vielleicht wollte der Maler der Kirchenfenster von Le Mans mit seiner leeren Krippe auch sagen: Das Jesuskind ist ohne den Christus nicht zu haben. Wer dem Christus den Rücken kehrt, muss auch vor der leeren Krippe stehen.

Da sollten wir heute nach Hause gehen in unser weihnachtlich dekoriertes Heim und hinter den Stapel von Geschenken, hinter Weihnachtsbaum und all die anderen Dinge schauen. Schauen, ob unsere Krippe nicht leer ist.

Wenn ja, dann kann es auch so sein, dass das herzige Jesuskind seine Krippe längst verlassen hat und als Christuskind unterwegs zu unseren Herzen ist. Und nur darauf wartet, dass wir es einladen, z.B. mit den Worten Paul Gerhardts:

Eins aber hoff ich wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen: dass ich dich möge für und für, in, bei und an mir tragen. So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein – dich und all deine Freuden. (EG 37,7)

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