Um Gott muss man sich keine Sorgen machen

Liebe Gemeinde,

Auch die Gemeinde in Korinth lebte im Advent. Sie wartete allerdings nicht auf die Ankunft des Christus, sondern auf die angekündigte Ankunft des Paulus. Und der kam nicht einen Tag zu spät, eine Woche oder einen Monat. Der Apostel Paulus kam überhaupt nicht. Stattdessen kam ein Brief, der zweite Brief an die Korinther und den wollten manche schon nicht mehr lesen. Paulus war für sie unten durch und erledigt und für so manchen auch seine Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus. War das nicht genauso unzuverlässig und unglaubwürdig wie der Apostel Paulus, der erst groß sein Kommen ankündigt und dann kann man warten, bis man schwarz wird?

Wer selbst als Botschafter des Evangeliums tätig ist, als Pfarrer, Kirchenvorsteher, Mitarbeiter und Gemeindemitglied, kann ein Lied davon singen. Oft scheint es ja so, dass die Menschen weniger erwarten, dass der Christus für sie Zeit hat, aber wir! Weniger dass ihnen der Christus zuhört, aber wir. Weniger, dass der Glauben ihnen hilft, aber wir! Und wenn wir nicht zur rechten Zeit zur Stelle sind, dann kann manchem gleich der ganze Glaube und die Kirche gestohlen bleiben. Ein falsches Wort, eine Schlamperei oder der vergessene Geburtstagsbesuch wird zur Krise des Glaubens und stellt die Kirchenmitgliedschaft in Frage. Da habt ihr den Salat!

Paulus hatte den Salat. Und er macht gar nicht den Versuch, sich da rauszureden. Immerhin hätte er als Grund für sein Fernbleiben einen ausgewachsenen Schiffbruch anführen können, den er und seine Begleiter um ein Haar nicht überlebt hätten. Aber selbst wenn er nicht überlebt hätte, gibt es ja wie in dem bekannten Witz noch immer welche, die sagen: Was soll das, der hat da zu sein!

Der ehemalige Verfassungsrichter Ernst Wolfgang Böckenförde hat einmal gesagt: "Der weltanschaulich neutrale Staat lebt von Vorraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Wir in der Kirche sind weltanschaulich nicht neutral, und doch gilt dieser Satz für uns in ganz radikalem Sinne. Kirche und Glaube leben immer von Vorraussetzungen, die wir selbst nicht garantieren können. Nur wenn uns das immer wieder bewusst wird, werden wir nicht an unseren Unzulänglichkeiten verzweifeln und untergehen. Wer sich von der Optimierung der kirchlichen Dienstleistungen mehr Glaubwürdigkeit für die Kirche oder ihre Botschaft erwartet, läuft Gefahr, eben das zu vergessen. Auch unser Bestes wird nicht gut genug sein um Kirche am Leben zu halten.

Paulus weiß das. Und darum gibt er sich nicht mit Entschuldigungen ab, redet nicht von all seinen Anstrengungen, die trotz bestem Willen gescheitert sind, sondern erinnert die Korinther an Gottes Treue, an die Anstrengungen Gottes, die immer heilsam enden, an das JA Gottes, das alles NEIN überbietet und überstrahlt.

Liebe Gemeinde, nicht wir stehen für die Botschaft Gottes, sondern sie für uns! Nicht auf uns gründet sich Gottes Treue, sondern wir in ihr! Nicht mit uns fällt Gott, sondern wir stehen durch ihn! Nicht wir sorgen für Gott, sondern er für uns! Um Gott müssen wir uns wirklich keine Sorgen machen. Und um uns auch nicht, wenn Gott für uns sorgt.

Ja, wenn! Sorgt er wirklich für uns? Kein Paulus, kein Pfarrer, kein Besuch, keine Mitarbeiter, kein Gemeindeleben! Wo bleibst Du Heil der ganzen Welt? So wird ja nicht nur im Advent gefragt. Heillos kann man sich nicht nur zur Weihnachtszeit vorkommen. Groß ist die Sehnsucht nach einer besseren Welt im 3. Jahrtausend.

Und auf allen Kanälen wummert uns in diesen Tagen das "vielleicht doch" der Optimisten und das "vielleicht doch nicht" der Pessimisten um die Ohren. Die einen malen die Zukunft in den schönsten Farben und hoffen auf den besseren Menschen, und die anderen erwarten das Ende der Welt, suchen verbissen nach Zeichen des Untergangs und prophezeien das Schlimmste. Als Reaktion auf einen Leserbrief von mir in der Frankenpost erhielt ich in diesen Tagen einen Brief von einem Menschen aus dem hintersten Vogtland, der mir mit Hilfe eines wüsten Konglomerats aus biblischen Gerichtssprüchen mein baldiges Ende samt ewiger Verdammnis vorhersagte. Das war natürlich nicht besonders nett, besonders weil meine besten Wünsche zur Weihnachtszeit gleich wieder zurückkamen. Annahme verweigert!

Das große JA!, das Gott an Weihnachten zu seiner Welt und ihren Menschen mit der Geburt des Christus als Menschenkind spricht, hat es nicht leicht bei uns anzukommen. NEIN!, sagt unsere Enttäuschung mit der Kirche, mit der Welt, mit anderen Menschen, mit uns selbst, mit Gott vielleicht sogar. Dagegen hilft nur eines: Dass wir das JA Gottes in dieser Adventszeit wieder neu hören. Dass wir ihm die Chance geben unser NEIN zu überstrahlen. Dass wir die Weihnachtsbotschaft für uns wieder neu annehmen und aufmachen und an uns heranlassen. Dass wir schließlich auf Gottes großes JA unser AMEN sprechen. Das ist das ganze Geheimnis. Dann wird Gott selbst dafür sorgen, dass zwischen sein JA und uns keine Enttäuschung, kein Leid, keine Schuld und kein Blatt Papier mehr passt. Denn in Jesus Christus ist das JA auf alle Gottesverheißungen (V 20). Das wollen wir uns gerne noch ein wenig auf der Zunge zergehen lassen. All denen zum Trotz, die im Laufe der Kirchengeschichte Gesetz und Evangelium, Gottes Gericht und Gottes Liebe immer als zwei Worte Gottes, als Ja und Nein Gottes traktiert haben. Bis heute rechtfertigen sie sich damit, dass man die Liebe Gottes nicht zur billigen Ware machen dürfe. Als müssten sie sich um Gott und sein Wort ernstlich Sorgen machen.

Wir fragen Euch: Hattet und habt Ihr in Wahrheit nicht Angst um Euere Herrschaft und Macht? Hattet und habt Ihr in Wahrheit nicht Angst, dass zwischen Gottes großes JA und uns keine Theologie, keine Kirche, kein Papst, kein Pfarrer, kein Prophet, kein Vermittler mehr passt? Habt Ihr Angst, dass wir vor Euch keine Angst mehr haben?

Jawohl!, sagen wir, das wird es sein! Denn in Jesus Christus ist das JA auf alle Gottesverheißungen, auf die Verheißungen des Gerichts und auf die Verheißungen des Heils und da müssen wir keinen anderen mehr fragen. Da bleibt uns nur durch ihn das AMEN zu sprechen, Gott zum Lobe.

Kirche ist kein Macht- und Herrschaftsinstrument über die Seelen und Herzen der Menschen und das Wort Gottes erst recht nicht. Als Machtfaktor ist die Kirche ein Auslaufmodell. Als Partei taugt sie nichts! Eine Gesinnungs- und Überzeugungsgemeinschaft ist sie nie gewesen!

Als Gemeinschaft der Glaubenden hat sie Zukunft. Als Gemeinschaft der vielen verschiedenen, die Gott gesalbt und versiegelt und ihnen als Unterpfand den Geist gegeben hat. Gemeinschaft der Getauften vom Christus selbst gestiftet und zusammengetan durch sein großes JA, das ist Kirche.

Ich denke, es tut nicht nur mir in der Seele weh, dass wir Evangelischen davon immer weniger wissen, wie die Austrittszahlen zeigen. Wir haben oft vergessen, dass wir nicht aus eigener Neigung, Überzeugung oder weil uns das Gesicht des Pfarrers zusagt, Mitglied unserer Kirche sind, sondern weil der Christus uns durch sein JA hineingestellt und dazugetan hat. Da können wir uns von den katholischen Glaubensgeschwistern eine Scheibe abschneiden, die besser wissen, dass das Mysterium der Kirche als Leib Christi, den Eiertanz ihrer Stab- und Talarträger bei Weitem überstrahlt.

An Weihnachten dürfen wir uns das große JA Gottes zu seiner Welt und seinen Menschen zusagen, grenzenlos und ohne wenn und aber! Das ist Gottes Wille und nicht unserer. Es ist Gottes JA und nicht unseres. Und dann darf klein werden, was uns enttäuscht hat, was uns unterscheidet, worüber wir gestritten haben. Darum sprechen wir durch ihn das AMEN, Gott zum Lobe.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, bewahre unserer Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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