Schenk IHM Dein Herz

Liebe weihnachtliche Gemeinde,

Ich darf Sie beglückwünschen. Toll haben Sie das mit den Weihnachtsvorbereitungen dieses Jahr hingekriegt. Die Vorbereitungslisten sind abgearbeitet, eine Punktlandung vor wenigen Minuten vielleicht, aber immerhin. Alle sind bedacht.
Aber halt mal. Sind Sie dabei selbst nicht ein bisschen zu kurz gekommen, die ganze Adventszeit schon? Ich meine, so ganz da innen drin.

Jetzt ist der Moment, das zu ändern, hier in der heimeligen Allerheiligenkirche, die zumindest zwei aktuelle Weihnachts-Tips durch all die Jahrhunderte für uns bewahrt hat.

So, wie viele Gedanken in den letzten Wochen um Ideen für Geschenke kreisten – es sei denn, wir frönten der Gedankenlosigkeit, Geld zu schenken, oder gar uns einzureden, es sei schick, gar modern, zu sagen: „Wir schenken uns dieses Jahr nichts.“ – Sei’s drum,
hier, jetzt, geht es um unser Geschenk, Gottes Geschenk an uns. Was leer geworden ist in unserer Seele, jetzt kann es gefüllt werden.

Da steht hier, Jahrhunderte lang, die kleine Weihnachtsfigur der Anna Selbdritt, Symbol für das Geschenk Gottes. Wir haben sie alle vor Augen: Anna, die Großmutter Jesu hat Maria vor sich und Maria hält das göttliche Kind. Doch hier hält sie das Kind nicht. Es ist dem Kunstwerk verloren gegangen, wie auch immer, und so ist es neu ein sprechendes Kunstwerk geworden: Das Geschenk Gottes verloren… Wo etwas sein soll, ist Leere.
So wie bei uns, in uns ???

Die Art wie wir leben, jeder von uns in seinem Beruf, jeder in seiner Lebensweise, in seinen Lebensumständen ist sehr strapaziös für unsere Seele, ja zehrt sie auf. Da droht in unserer Seele der Burnout des Glaubens.

Ich vermute, dass Euch dieses kleine Kunstwerk schon oft in dieser Kirche gezeigt und gepredigt wurde. Aber wir brauchen als glaubensmäßig so vergessliche Menschen die massive Erinnerung: Gott möchte uns mit dem Kind in der Krippe SEINE Liebe neu ins Herz legen, die Leere füllen. Das wäre Weihnachten. Und das tut ER alle Jahre wieder, gottlob mehr noch, jeden Tag wieder, jeden Moment wieder.

Aber dazu muss Gottes Botschaft, SEINE Liebe in unsere Seele hinein. Hier und jetzt und immer.
Die adventlichen Gebete und Lieder sprachen das an:
„Komm, o mein Heiland Jesus Christ…“
„Wie soll ich DICH empfangen…“
„…zieh in mein Herz hinein….“
Jetzt wäre so ein Moment, die Seele nachkommen zu lassen, sie sich füllen zu lassen, dem viele Momente folgen könnten.

Unsere Sinne sind dazu da, dass etwas in unsere Seele hineinkommen kann. Bilder, die wir sehen, Düfte, die wir riechen, Worte, die wir hören, etwas, was wir anfassen und „begreifen“, eine Berührung, die wir spüren. Manchmal braucht es so eine Art siebten Sinn, um Besonderes wahrnehmen zu können. Ein Riesenstrom von Eindrücken kommt da jeden Tag in unsere Seele, ungefiltert, oft gegen unseren Willen. Meist ist es keine hilfreiche Nahrung für die Seele.
Aber aktiv tun wir auch viel, um etwas in uns hineinzubringen, Informationen, Bildung, Kultur.
Zumeist jedoch bleibt nur ein klägliches Rinnsal, was als Nahrung für den Glauben dienen könnte.

Sich in Bereitschaft zu bringen, ist daher die Aufgabe der Stunde. Weihnachten ist die Chance, weil schließlich an diesem Fest, wie an keinem Fest, schier alle Sinne geschärft sind, um etwas Gutes für uns aufzunehmen und unsere Seele füllen zu lassen, weil tatsächlich die Türen unsere Seele offener stehen als gewöhnlich und der etwas bessere Mensch, als der, den wir im Alltag geben, sich regt.

Die Weihnachtsgeschichte ist so schlicht. Von ein paar Leuten am Rande der Weltgeschichte wird erzählt, Menschen in sozialer Schieflage könnten manche meinen, Namenlose. In diese schlichte Geschichte schreibt Gott SEINE Geschichte hinein, SEINE Geschichte mit uns, jedem von uns.
SEIN Geschenk legt ER uns in den Schoß. Das ist immer so bei IHM, ER schenkt zuerst. ER kommt auf uns zu, ER tut den ersten Schritt.
Alle Sinne sind bewegt. Die Botschaft klingt, die Engel rufen, Menschen kommen in die Allerheiligenkirche, um dabei zu sein, mehr zu hören, mehr zu spüren, etwas in sich aufzusaugen von den wunderbaren Worten, den wunderbarsten, die je gesagt wurden: Friede auf Erden.
Es ist zu spüren: wer an der Krippe ankommt, sich innerlich hinkniet, der merkt es auch: Friede in Dir, Gott hat Dich ganz lieb, ER ist Dir nahe. Wo diese Botschaft in uns hineinkommt, werden wir selbst zur Krippe der guten Worte und der Liebe Gottes und haben etwas für uns, unsere Seele gewonnen.
Die Anna Selbdritt hat sozusagen ihr heiliges Kind wieder.

Alles, was uns an Weihnachten so lieb ist, der Weihnachtsbaum, Zweige, Kerzen, der ganz besondere Duft der Weihnachtsmärkte, die Musik und die Lieder, die Geschenke, das alles ist wie ein wunderschöner Bilderrahmen für das Bild, das in unserem Herzen bleiben soll: „Gott kommt den Menschen so nah..“ Ein Bilderrahmen ist nie Selbstzweck. Er soll den Blick bündeln, zentrieren, hinführen, damit das Wesentliche erfasst wird.

Wenn wir dann in diesem Rahmen Weihnachten sehen, spüren und hören für uns und in uns, dann merken wir auch plötzlich, es ist nicht mit dem einfachen stimmungsvollen Vorbeigehen an der Krippe einmal im Jahr getan.. Wenn da etwas in uns bleiben soll, wonach wir uns ja sehnen, dann gilt es den stillen Ruf zu hören:
„…schenk IHM Dein Herz…“
Es soll doch etwas bleiben von den guten Gefühlen und Gedanken, von dieser Geborgenheit, der Liebe und dem Frieden.

Liebe Gemeinde, ich gestehe, dass ich an Weihnachten nicht auch noch, wie eigentlich jeden Tag, von Armut, Hunger, Katastrophen, Klimawandel, Angst und Terror hören will. Ganz egoistisch möchte ich etwas für meine Seele haben in einer Christvesper, das mich erfüllt und erbaut im besten Sinne des Wortes.

Aber ich weiß auch, dass ich mich dann unter der Weihnachtsbotschaft wegducke, denn was ich ersehne, ersehnen andere auch und was mir zugesprochen wird, gilt anderen auch. „Erst komme ich, und dann kommt lang nichts und dann kommen die anderen.“ So sagen wir manchmal flapsig, aber es steckt solches Denken auch tief in uns drin.
Damit setzt ein „Weihnachtsvernichtungsmechanismus“ in mir ein. Je mehr ich für mich will, desto leerer wird meine Seele wieder.

Das wunderschöne Altarbild dieser Kirche vom Apostelabschied ist kein Weihnachtsbild. Es zeigt wie die Jünger nach dem Heiligsten Moment ihres Lebens, erfüllt von ihrem HERRN, Jesus Christus, in die Welt ziehen, um anderen mitzuteilen, was ihr Leben erfüllt, wehmütig der eine, forsch nach vorn blickend der andere, noch schnell eine Stärkung jener, weit voran voller Eifer, dieser.

Mag auch dieses Kunstwerk für uns ein Weihnachts-Tip sein.
Große Momente, das Verweilen vor dem Heiligen, sind eben nur Momente. Der Weg von dort führt in den ganz normalen Alltag. „..und die Hirten kehrten wieder um…“
Und die Weisen „ziehen auf einem anderen Weg heim in ihr Land..“ Selbst wenn wir nicht gleich sagen: „Hoffentlich sind die Feiertage bald vorbei“, wissen wir doch,
natürlich kommt jenseits des Festes wieder der Alltag.

Wir jedoch habe etwas im Herzen mitzunehmen und zu pflegen, damit unsere Seele eben nicht übermorgen wieder leer ist und Weihnachten zurückbleibt wie eine Fata Morgana.
„..schenk IHM Dein Herz…“ Das ist der einfache Weihnachtsschlüssel für jeden Tag.
Was so poetisch klingt, ist alltagstauglich.

Die Ratsvorsitzende der EKD, Bischöfin Margot Kässmann hat neulich gesagt, wir sollten wieder konsequent die protestantischen Urtugenden praktizieren: beten und in der Bibel lesen.

Jeden Tag ein gutes Wort Gottes in unsere Seele bringen,
Gottes Geschenk an uns, frisch aktualisiert.
Und dann IHN im Gebet suchen,
so schenken wir IHM unser Herz
und füllen täglich unsere Seele, mit Liebe, Frieden und Gottvertrauen.
Und dann munter in den Tag, in dem
wir dem HERRN unser Herz schenken, wenn wir es öffnen für andere. „Jeden Tag eine gute Tat“ ist ein super Satz in einer Weltgesellschaft, um deren Solidarität wir fürchten. Es füllt unsere Seele, etwas für andere zu tun, die Jesus SEINE geringsten Brüder nennt. Dazu gehört heute auch der Eisbär auf der Scholle, der um seinen Lebensraum bangt.

Nehmt die Gedanken mit, wenn Ihr nun in diese weihnachtlichen Tage geht und schließlich wieder in Euren Alltag.
Vergesst das Atmen nicht.
Es ist der Strom des Lebens, wenn wir die Botschaft einatmen:
Gott schenkt Dir SEIN Herz
Und wenn wir ausatmen mit der Bereitschaft:
HERR, ich schenke Dir mein Herz.

Amen!

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