kritsch und heilsam

Liebe Gemeinde,

der liebe Gott sieht alles. So hört man manchmal. Kinder sollen – früher jedenfalls war das so – mit dieser Bemerkung auf Linie gebracht werden. Bei Erwachsenen attestiert man mit dieser Bemerkung eher augenzwinkernd eine bemerkte oder erwartete Grenzüberschreitung.
Ganz im Ernst, es ist so: Gott sieht alles!

Was da etwas schroff und abweisend formuliert ist, heißt eigentlich so: Das Wort Gottes stellt alles ins richtige Licht, nämlich ins Licht Gottes. Damit wird deutlich, was wirklich ist, ohne Retusche, war wirklich gemeint ist, wenn einer was sagt.

Das bedeutet, es lässt klarer sehen, als wir Menschen es können, unbestechlicher, entlarvender, so wie ein Lichtkegel der den letzten Rest Dunkelheit ausleuchtet, jeden Schatten bizarr heraushebt.
Da zerstiebt jede Heuchelei, jedes frommes Getue.
Da wird aber auch das Scherflein der Witwe in ein unter Menschen unerwartetes Licht gekleidet,
Da wird Machtgehabe in seinem hohlen Inneren entlarvt und Ohnmacht als Gotteskraft erkennbar.
Da werden gesprochene Worte als Wortgeklingel hörbar und das, was nicht ausgesprochen wird, tritt aufrichtig hervor.

Menschen gegenüber kann ich mich in jeweilig gewünschter Rolle bewegen. Da kann ich Worte sozialer Erwünschtheit sagen, wenn es mir von Vorteil ist. Da kann ich den Clown geben, obwohl mir zum weinen ist. Da kann ich der Rambo sein, um meine verletzliche Seele zu schützen. Viele Beispiele können wir an uns beobachten, mehr oder weniger ausgeprägt, mehr oder weniger bewusst.
Menschen lassen sich oft täuschen. Aber bei Gott bin ich immer, ich.

Das gerät manchmal in Vergessenheit, macht natürlich auch Angst, nach dem Motto „big brother is watching you“. Dahinter wird noch etwas ganz anderes sichtbar: Ich kann mich vor Gott nicht verstellen, aber ich brauche mich auch nicht zu verstellen, ich darf so schwach sein, wie ich bin, einfach so sein, wie ich bin.

Beides gilt: Gott sieht mich, nimmt mich wahr und durchschaut mich. SEIN Wort begegnet mir kritisch, mich korrigierend.
Und: Gott liebt mich, nimmt mich an und zeigt mir SEINEN Weg, den Weg Jesu. SEIN Wort begegnet mir heilend und aufbauend.

So ist es ein guter Start in einen neuen Tag, zu beten: „Führe mich, o HERR, und leite meinen Gang nach DEINEM Wort.“

Gottes Wort – manchmal erkennen wir es als Werkzeug Gottes, manchmal ist es fast wie ein Wesenszug Gottes, ja Gott selbst, der in seinem Wort spürbar wird.

Gottes Wort – es begegnet uns in der Bibel, darin hat es sich für uns manifestiert. Dort begegnen uns die Worte Jesu, in ihnen spricht Gott selbst. Worte der Propheten, die sagen: „So spricht der HERR“, aber auch Engelsmund und Menschenzungen, werden eingespannt, um das Wort Gottes zu sagen. Das Wort Gottes, gehört, gesagt, ausgesprochen, um in direkter Rede, einen Menschen zu erreichen.
Jede Predigt ist so ein reservierter Platz im Leben der Woche, wo Gottes Wort zur Sprache kommen soll, damit es SEINE kritische und korrigierende aber auch heilsame Wirkung in uns erzielen kann.

Mir kommen biblische Geschichten in den Sinn.
Schon auf den ersten Seiten der Bibel begegnet uns so ein markantes Wort aus Gottes Mund: „Adam wo bist Du?
Adam ist in seinem Fehlverhalten gestellt und entlarvt.
Ertappt, fängt er gleich an, die Schuld anderen zu geben: „Gott, DU bist schuld, die Eva ist schuld“ usw.
Das kommt mir aber bekannt vor. Tausend Szenen aus dem eigenen Alltag könnten wir beisteuern, um diese uralte Menschheitsgeschichte zu aktualisieren.
Die Frage Gottes: „Adam, wo bist DU“ ist SEIN Wort an uns, jeden Tag. Wir können auch ruhig unseren Vornamen einsetzen. Gott ruft nach uns, wenn wir im Begriff sind, vor IHM davonzulaufen, nicht nach SEINEM Willen fragen und das Glück auf eigene Faust suchen.
„Kain, wo ist Dein Bruder Abel“ Schon wieder. Gottes Wort legt den Finger auf die Wunde. Auch da kann leicht der Vorname gewechselt werden, unserer und der von Menschen, denen wir mitgespielt haben, wie auch immer.

Nathan erzählt David nach der Geschichte mit Bathseba ein Gleichnis. David plustert sich auf und beschwört Recht und Gerechtigkeit, um den Bösewicht zu verfolgen.
Erst als Nathan ihm ein göttliches Wort, ganz menschlich, von Mensch zu Mensch sagt: „Du bist der Mann!“ fällt seine künstliche Entrüstung über den vermeintlich anderen in sich zusammen.
Klar und eindeutig erreicht dieser Fingerzeig Gottes auch uns, wenn wir uns in den Konflikten des Alltags am Gesellschaftsspiel der Schuldverschiebung beteiligen.

Die Geschichte vom reichen Jüngling gehört auch hierher.
Bekanntlich war seine Frage: „Was muss ich tun….?“ Auf die Gebote verwiesen, kann er auf seinen ernsten Glauben verweisen, der die Gebote von Kindheit an hält. Da sagt Jesus: „Eins fehlt Dir, verkaufe alles…“ Dieses Wort Gottes aus dem Munde Jesu zeigt glasklar die Kluft zwischen Schein und Sein auf. Das hat der junge Mann nicht ausgehalten. Er wendet sich von Jesus ab.
Wir kennen das Gefühl, denn jeder hat in seinem noch so redlichen Glauben eine Schwachstelle, die dem Glauben entgegensteht.

Das Wort Gottes leistete uns mit seinem kritischen Blick den heilsamen Dienst, uns nichts vorzumachen, und Sünde in uns ernst zunehmen, wie in einem Spiegel zu sehen, wie wir wirklich sind. Sünde ist nicht das kleine Kavaliersdelikt, über das hinweg man doch schnell wieder zur Tagesordnung übergeht. Sünde ist die heimtückische Kraft, die uns von Gott wegzuziehen versucht. Dies zu sehen, reicht das
1. Gebot schon aus mit seiner Frage nach dem, was uns wichtig ist, nach dem, was in unserem Leben letztlich zur Priorität gemacht wird.

Meist wissen wir ganz genau, wo uns das Wort Gottes trifft, wo unser schwacher Punkt ist, wenn wir uns nicht wegducken unter dem Lichtkegel Gottes, der unser Leben mit SEINEM Wort ausleuchtet.

Zur Beichte, zum Abendmahl zu gehen ist ein guter Ort, dem Lichtkegel des Wortes Gottes und seiner Kritik standzuhalten. Luther rät: „Da siehe Deinen Stand an nach den 10 Geboten“ und Jesu Zusammenfassung: Gott lieben, den Mitmenschen lieben, sich selbst annehmen.

Die Erkenntnis folgt auf dem Fuß, für die die Abendmahlsliturgie Worte findet:

"HERR, ich bin nicht wert, dass DU unter mein Dach gehst, aber spricht nur ein Wort, so wird meine Seele gesund".

Ein Wort nur, kann alles lösen:
„Deine Sünden sind Dir vergeben, Gehe hin in Frieden.“

Gottes Wort taucht Leben in ein anderes Licht. Aber es will nicht vernichten, es will nicht an den Pranger stellen. Hinter der Kritik, die es enthält, wissen wir in Jesu Namen die Liebe des Vaters im Himmel. Die Kritik an unserem Leben möchte heilsam sein, betroffen machen und Umkehr ermöglichen.
Zu Beginn jedes Gottesdienstes werden wir aufgefordert, unser Leben mit seinem Glück und mit seinen Schatten der vergangenen Woche, oder, wenn wir schon länger nicht mehr hier waren, alles Bisherige vor Gottes Angesicht abzulegen. Das darf kein bloßes liturgisches Ritual sein, schnell vorbei, bis dann endlich die Predigt kommt. Hier lohnt es sich innezuhalten und sich innerlich freizumachen für das heilsame Wort Gottes.

Worte können viel ausrichten, wenn sie unsere Seele erreichen, erst recht das Wort Gottes.

Es ist befreiend, selbst die Erfahrung zu machen, die einst den Kämmerer beflügelte: „Er aber zog seine Straße fröhlich“

Machen wir die Probe aufs Exempel und vergegenwärtigen wir uns, in einer stillen Stunde nachher daheim, unseren Konfirmationsspruch. Ein Wort Gottes ist das schließlich, das uns einmal ganz persönlich zugesprochen wurde, vielleicht sogar hier an diesem Altar. Er wird einen Zuspruch enthalten, einen Auftrag vielleicht auch, aber zuvor einen Zuspruch Gottes für Dein individuelles Leben. Horchen wir ein bisschen hinter die Worte, die heilsamen Worte. Nehmen wir sie neu in unsere Seele:
„..ICH habe Dich bei Deinen Namen gerufen, Du bist MEIN“ , um nur eine Möglichkeit zu nennen.

Die Kritik und die heilsame Wirkung des Wortes Gottes werden wir immer wieder brauchen, eigentlich täglich wieder. Es gibt so viele Facetten des Lebens, die uns in den Sog der Sünde, der Gottferne zu bringen drohen.
Gottes Wort sagt uns, was Sache ist, je persönlicher wir das nehmen, desto besser. Aber Er, der HERR, wird keinen abweisen, der der Empfehlung Jesu folgt und sagt: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen“

Die allertröstlichste Stelle des Evangeliums ist für mich die Geschichte mit dem einen Schächer am Kreuz.
Ein total verkorkstes Leben, das nur noch sagen kann „HERR, denk an mich“ erfährt das gewaltigste Gotteswort überhaupt: „Heute wirst Du mit mir im Paradies sein“.

Danke, lieber Gott, für den kritischen und heilsamen Dienst DEINES Wortes an uns.

drucken