Eine ganz normale Geschichte

Liebe Gemeinde.

Da treffen sich zwei Frauen, an denen das Leben eigentlich vorbeigegangen ist und vorbeigeht. Elisabeth, die Frau des Zacharias, kinderlos und inzwischen eigentlich schon zu alt zum Kinderkriegen. Eine Frau, die von ihresgleichen gemieden wird. Auf die man herabschaut. Und Maria, von der Luther schreibt, sie ist unter ihren Nachbarn und Töchtern ein schlichtes Mägdlein gewesen, das das Vieh und Haus besorgt, ohne Zweifel nicht mehr als jetzt eine arme Hausmagd sein mag, die tun muss, was man sie im Haus tun heißt.

Als Kind habe ich noch einen Bauer gekannt, der mit seinem Pferdefuhrwerk an meinem Elternhaus vorbei aufs Feld fuhr. Er saß auf dem Bock, die kalte Zigarre im Maul. Nebenher lief die Magd, still und gebeugt, auf der Höhe des Hinterrads. Das passt zu Maria. Ein Aschenputtel, Gottes Aschenputtel.

Leid hat sie mir immer getan, jene Magd. Jetzt ist sie schon lange tot. Aber ihr Elend hat immer Gestalt und Gesichter überall auf der Welt und auch unter uns. Es schaut uns an in den Kindergesichtern jeden Tag kurz vor dreiviertel Sieben im Bayrischen Fernsehen. Sternstunden heißt die Aktion für Kinder in Not. Sie zu sehen, tut weh. Es tut weh gerade in der Weihnachtszeit, wo wir doch auf Harmonie und Liebe und Frieden eingestellt sind und wo wir dann schon vollauf damit beschäftigt sind, unser eigenes Elend und Leid ein wenig nach hinten zu drängen. Und gerade an Weihnachten oft mit besonders wenig Erfolg.

Deshalb raten in diesen Tagen Psychologen, wie der Weihnachtskoller und der Familienkrach zum Fest zu vermeiden sei. Man soll nicht zu viel von sich selbst erwarten und das eigene Glück nicht vom andern. Dem trauten Familienkreis werden Spaziergänge an der frischen Luft empfohlen, wenn die Stimmung unter den Nullpunkt sinkt, oder den Siedepunkt überschreitet.

Ein guter Rat und sehr realistisch. Und genauso realistisch dürfen auch wir Christen zusammen mit der Weihnachtsgeschichte sein. Sie beginnt und sie endet nicht in heilen Welten und sie verlangt deshalb von keinem von uns, sich selbst und anderen wenigstens an Weihnachten eine, ein bisschen heilere Welt zu schaffen.

Denn auch die Weihnachtsgeschichte beginnt nicht in besseren Kreisen. Die Niedrigkeit des Aschenputtels Maria ist nicht vornehme Untertreibung, sondern die einfache Wahrheit. Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit zwei Frauen, die von sich, von anderen und vom Leben nicht viel zu erwarten haben. Aber alles von Gott.

Aber alles von Gott, liebe Gemeinde. Zacharias der sich vor kurzem im Tempel in Gegenwart des Engels den eisgrauen Bart kopfschüttelnd strich: Meine gute alte Elisabeth und jetzt endlich schwanger? Der Zacharias muss noch eine Weile sprachlos herumlaufen. Aber aus Maria bricht es heraus. Sie sagt nicht ich, es ist etwas in ihr. Das singt. Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich an Gott, meinem Heiland.

Und in Elisabeth hüpft das Kind vor Freude, als höre und verstehe es das Lob Gottes, das aus Maria hervorbricht: Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf.

Natürlich ist das auch politisch gemeint, liebe Gemeinde. Denn der Lobgesang der Maria besingt nichts anderes als Gottes Politik mit uns Menschen. Einer Politik, in der sich Gott herabbeugt zu den Niedrigen. Eine Politik, die Gott nicht mit der kalten Macht der Gewalt, sondern mit der sanften Gewalt seiner Liebe betreibt. So tönt Gottes Revolution, die schon darum sympathisch ist, weil in ihr gesungen und nicht geschossen wird.

Und doch ist es ein gewaltiges und mächtiges Lied und es passt wie ein Schuh an den Fuß des Kindes, das an Weihnachten das Licht der Welt erblickt, um das Licht der Welt zu werden. So klein wird es sein, dass es in einen Futtertrog passt und sich selbst Niedrige, wie Maria und die Hirten zu ihm hinunter beugen müssen. Und Jesus von Nazareth wird es sein Leben lang mit den Niedrigen halten, mit den Kranken, Zöllnern, Sündern, mit Bartimäus, mit dem kleinen Zachäus, mit der armen Witwe, ja sogar mit dem Mörder, der neben ihm gekreuzigt wird. Der wird in seiner Bergpredigt die Armen, Hungrigen, Traurigen, Gehassten und Verstoßenen selig preisen. Ihnen wird das Reich Gottes gehören.

Und wenn wir Weihnacht feiern, dann sollten wir uns schon fragen, ob wir wirklich zu dieser Krippe treten wollen. Denn der, der darin noch so klein und harmlos liegt, wird uns einmal vor seinen himmlischen Stuhl treten lassen. Und dann wird er uns nicht fragen, ob wir auch traute und besinnliche Weihnacht gefeiert haben. Ob wir’s geschafft haben, wenigstens an Weihnachten etwas menschlichere Menschen zu sein. Nein er wird uns fragen, wie wir es gehalten haben mit den Niedrigen, den Armen, Hungrigen, Kranken, Traurigen, Ausgeschlossenen, den sozial Schwachen. Er wird uns fragen, ob wir uns seine Schuhe von ihm anziehen ließen, oder ob wir lieber unsere Stimme den Reichen und Gewaltigen gegeben haben, die gestern und heute ihre Standorte, ob sie nun Wirtschaftsstandort oder anders heißen, auf dem Rücken all dieser Menschen gesichert haben.

Und deshalb wird die Weihnachtsbotschaft dieses Jahres die Reichen und Mächtigen daran erinnern, das soziale Verantwortung kein Hobby ist, das wir dankbar von denen entgegennehmen, die nach den verdienten oder ererbten Millionen endlich meinen, etwas übrig zu haben. Eigentum verpflichtet. Und deshalb wird die Weihnachtsbotschaft uns alle daran erinnern, das Frieden, soziale Gerechtigkeit und Freiheit keine Güter sind, die man demonstrativ einfordern, oder mit Geld allein bezahlen kann, sondern für die wir alle auch eintreten und etwas teilen und tun müssen.

Auch daran erinnert das Kind in der Krippe. Es ist zwar noch klein, aber ihm gehört das Reich Gottes und die Zukunft der Welt und mit ihm der alten Elisabeth, dem Aschenputtel Maria, dem traurigen und dunklen Rest der Welt.

Und deshalb kann es wohl sein, dass in so mancher Traurigkeit, in so mancher Verzweiflung, in so mancher Träne, die zur Weihnachtszeit neben der Krippe geweint wird, die geballte Gewalt der Liebe Gottes ankommt. Und deshalb sollen wir unser eigenes Leid und Elend und das der anderen gerade an Weihnachten nicht verdrängen und verstecken, sondern zur Krippe bringen. Die ist ja nicht hoch und auch der kann hineinsehen, der am Boden zerstört ist. Deshalb sollen wir gerade an Weihnachten nichts von uns oder von anderen erwarten, sondern alles von Gott. Deshalb brauchen wir wie Maria in ihrem Loblied nicht einmal "Ich" sagen.

Sondern wir bitten Gott, dass er uns ein Lied schenkt, dass es anfängt in uns zu singen, wie in Maria. Dass er unsere Seele aufhebt und unser Geist das Lachen anfängt und trotz allem ins Gotteslob einstimmt: Welt ging verloren, Christ ist geboren. Freue dich du Christenheit.

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