Die kleine Kraft zählt!

Liebe Gemeinde.

Sind wir eigentlich die, zu denen da geredet wird. Wir sind ja nicht die Gemeinde zu Philadelphia, sondern die Gemeinde in Hof. Wir leben nicht am Ende des ersten Jahrhunderts, sondern am Ende des zweiten Jahrtausends. Wir leben in einer Demokratie und nicht unter der Diktatur des gottgleichen Kaisers Domitian, der sich auch dadurch einen Namen gemacht hat, dass er Christen konsequent verfolgen und grausam umbringen ließ. Wir genießen Wohlwollen, ja in vielen Bereichen Ansehen als Kirche und Gemeinde und müssen nicht in der Angst leben, von Leuten aus der Synagoge des Satans, von Frommen, die gar keine sind, denunziert und ans Messer geliefert zu werden. Uns geht es nicht ums nackte Überleben, wie der Gemeinde in Philadelphia. Wir leben allem Gejammer zum Trotz nicht schlecht.

Auf den ersten Blick sind wir es also nicht, zu denen da geredet wird. Und da ist die Frage schnell gestellt, ob denn zu uns so liebevoll und tröstlich geredet werden darf, wie zur Gemeinde in Philadelphia, oder ob für uns nicht etwas anderes angebracht wäre. Die harten und deutlichen Worte an die Gemeinde in Sardes zum Beispiel, die sich ganz in der Nähe unseres Predigttextes finden.

Liebe Gemeinde, wir wollen uns die Gerichtsworte der Bibel nicht ersparen. Aber uns dadurch die tröstlichen und aufrichtenden Worte nicht verdrängen, relativieren und niederschreien lassen.

Es muss wieder mehr Gesetz gepredigt werden, hört man hie und da aus berufenem Munde. Als ob wir entscheiden könnten, was Gott seiner Gemeinde sagt. Als ob wir die wären, die darüber befinden, ob der Gemeinde das Evangelium oder das Gesetz zu predigen wäre. Wir haben Gottes Wort zu predigen. Das mahnende und richtende und das tröstende und aufrichtende. Beides ist Gottes gutes Wort. Und nicht wir sind es, die es platzieren und ihm Sitz in unserem Leben geben, sondern der Geist Gottes selbst. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. Gott selbst will dafür sorgen, dass bei seiner Gemeinde, dass bei jedem einzelnen von uns das ankommt, was sein Geist zu uns sagt. Und da gibt es unter uns nicht nur die hartnäckige Hörschwäche für Gesetz und Moral, sondern auch die hartnäckige Hörschwäche für das Evangelium.

Deshalb wollen wir heute mit offenen Ohren hören, was der Geist Gottes uns durch die Worte an die Gemeinde in Philadelphia sagt. Auch wenn wir in einer anderen geschichtlichen Situation leben.

Nicht vereinzelt und verstreut, wie damals. Allein in unserer bayrischen Landeskirche gibt es 1500 Gemeinden. Aber die sind nicht alle Gemeinden mit glitzernder Fassade und einem überquellenden Gemeindeleben. Dort gibt es die vielen anderen. Gemeinden, wie Philadelphia, in denen die Überlebensfrage gestellt wird. In denen der einstmals aktive Mitarbeiterkreis längst ein Altenkreis geworden ist. In denen die bescheidenen Erfolge die großen Niederlagen und die Sonntag für Sonntag mehr oder weniger leeren Kirchenbänke bei weitem nicht aufwiegen. Gemeinden, die in ihrem Dorf, in ihrem Stadtteil mit seinem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben längst zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken sind. Gemeinden, denen immer mehr Mitglieder den Rücken kehren. Wir dürfen uns getrost wiedererkennen.

5000 Menschen gehören zu unserer Gemeinde. Was sind das für Menschen? Reiche, Erfolgreiche, Gerechte, Glückliche? Oder Selbstgerechte, Ungerechte, Faule, Bequeme und Desinteressierte? Heilige und Scheinheilige? Corpus permixtum, Eintopf aus allem, das ist Gemeinde Gottes immer gewesen und wird es immer sein. Und wir gehören bald hierhin und auch einmal dorthin.

Unser heutiger Predigttext denkt an die, die wir leicht übersehen. An die Menschen, die nicht mehr mitkommen, die eigene Lasten und Lasten ihrer Angehörigen tapfer tragen; die nicht in der Zeitung stehen und nicht geehrt werden; von denen niemand weiß. Menschen, auf denen Schwermut, Trauer und Traurigkeit lähmend liegt. Menschen, für die Hoffnung und Zukunft Fremdwörter geworden sind und der nächste Tag eine schier unlösbare Aufgabe; gedemütigte und gebeugte Menschen. Gebeugt von der Angst um die Gesundheit, den guten Ruf, den Arbeitsplatz. Der Angst um das Wohlergehen der Menschen, die sie lieben. Menschen, gelähmt von der Angst um die Zukunft unserer Kinder und unserer Welt.

Menschen, die still in die Kirche kommen und still wieder gehen, weil sie nichts Erfreuliches, sondern nur ihren Schmerz zu teilen hätten. Die nicht wissen, ob das, was sie in die Kirche treibt, mit dem Wort Glauben überhaupt zutreffend beschrieben werden kann. All die dürfen heute hören, was der Geist Gottes der Gemeinde sagt:

Ich weiß, was du tust. Ich weiß was du durchmachst. Ich habe deinen Schmerz ermessen und deine Tränen erwogen. Ich weiß, sie wiegen schwer. Ich kenne die Steine, die dir nicht mehr vom Herzen fallen wollen. Was in keiner Zeitung steht, was keiner weiß, worüber kein Wort verloren wird, was selbst am Grab unerwähnt bleibt: Ich dein Gott hab’s gesehen und gespürt.

Das ist die Sprache der Liebe. Das ist die Sprache der Liebe Gottes. Jeder von uns darf und soll sie hören. Bei jedem von uns will sie ankommen. Advent heißt Ankunft: Ich dein Gott hab’s gesehen und gespürt.

Du hast eine kleine Kraft. Wie wahr! Aber weil das in der Sprache der Liebe gesagt ist, klingt es ganz anders als üblich. Hier meint die kleine Kraft nicht wie in der Schule: gerade noch ausreichend, ungenügend, mangelhaft. Hier meint die kleine Kraft nicht wie in unserer Leistungsgesellschaft: ungeeignet, nicht leistungsfähig, nicht vermittelbar. Hier wird die kleine Kraft, die bleibt, hoch und wertgeachtet. Von Gott hoch und wertgeachtet! So geht Gott mit seiner Gemeinde um. Wann lernen wir den Umgang Gottes mit uns auch im Umgang miteinander und mit uns selbst. Mag’s in der Welt zugehen, wie es will. Mag dort gefordert und überfordert werden über die Grenze des Menschlichen hinaus. Hier im Raum der Gemeinde genießt auch die kleine Kraft Ansehen. Das Ansehen Gottes.

Gott sieht nicht auf das, was uns sofort ins Auge fällt. Für ihn zählt nicht die Masse und nicht die Klasse, nicht die große kirchliche Veranstaltung, nicht das religiöse Spektakel. Er blickt auf das, was in kirchlichen Lobreden meistens fehlt: Du hast mein Wort behalten und meinen Namen nicht verleugnet. So einfach ist das und so wenig vorzeigbar. Und doch für Gott das Entscheidende. Du hast trotz allem was du durchmachst, die Verbindung zu mir nicht abgebrochen. Du hast mein Wort behalten.

Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgemacht und niemand kann sie zuschließen. Eine offene Tür nach draußen aus den Gefängnissen von Angst, Trauer, Schwermut und Schmerz und wie immer solche Gefängnisse heißen. Eine offene Tür in die Zukunft und in den morgigen Tag. Eine offene Tür zum Heilwerden, zum Trost finden, zum Glauben, zu Gott.

Da heißt es einmal nicht: Macht hoch die Tür! Macht Gott selbst erst einmal die Tür auf. Bereitet euch vor. Da steht ja so mancher hilflos da gerade in der Vorweihnachtszeit. Macht hoch die Tür ist leicht gesagt, wenn man feststellen muss, dass man die Schlüssel für die Türen, hinter denen man sitzt längst verloren und längst nicht mehr verfügbar hat. Was soll’s! Gott selbst macht die Tür auf und ermuntert uns auf dem Weg in die Weihnachtszeit den Schritt durch diese Tür zu wagen. Keine Angst, sie fällt nicht vor oder hinter uns ins Schloss. Sie bleibt offen und niemand kann sie zuschließen. Nicht der Kaiser Domitian, nicht dein böser Nachbar, nicht einmal du selbst. Wer durch diese Tür geht macht einen Schritt der Hoffnung, einen Schritt des Glaubens.

Und dann lasst uns nicht gleich wieder sagen, der Schritt zum Glauben wäre ein großer Schritt, weil das ein großer Glaube und eine große Hoffnung ist.

Du hast eine kleine Kraft. Sie genießt Gottes Ansehen. Du machst in dieser Adventszeit einen kleinen Schritt auf die Tür zu, die Gott für dich aufmacht. Du fasst eine kleine Hoffnung, aber eine, die in deinem Herzen ankommt und sich dort ausbreitet. Behalte sie dort. Eine kleine Hoffnung zu behalten ist besser, als die großen Hoffnungen zu verfehlen.

Das nennt der Brief an die Gemeinde in Philadelphia überwinden. Und wer so überwindet hat nach Gottes Einschätzung und nach seinem Willen eine große Zukunft.

Der wird zum Pfeiler des himmlischen Gottestempels. Denn die sind nicht aus dem Holz, aus dem die Starken, die Selbstsicheren, die Mächtigen und Erfolgreichen sind. Diese Pfeiler sind vielmehr aus dem Holz, aus dem die sind, die eine kleine Kraft haben und doch unter all ihren Lasten durch Gottes Liebe stark sind.

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