Werden wir hören?

Liebe Gemeinde,

Mit der Geschichte von den Weingärtnern hat es eine besondere Bewandtnis. Jesus erzählt ein Gleichnis. Und in allen seinen Gleichnissen geht es Jesus um ein Thema: Das Reich Gottes. Das Reich Gottes, das mit Jesu Leben und Reden im Begriffe ist, in die Welt zu kommen.

Und weil dieses Reich Gottes im Kommen ist, weil es also auf unserer Welt noch keinen Ort gibt, wo es schon zu besichtigen wäre, deshalb benutzt Jesus Bilder, um uns davon zu erzählen. Von Gott und seinem Reich kann man nur in Bildern reden.

Weil aber dieses Reich im Kommen, also in Bewegung ist, deshalb reichen Bilder nicht aus. Auf einem Bild bewegt sich nichts. Aber das Reich Gottes kommt und mit ihm ist Gott in Bewegung. Deshalb erzählt Jesus davon nicht nur in Bilder, sondern in Geschichten:

Mit dem Reich Gottes verhält es sich, wie mit einem Menschen der einen Weinberg anlegte …

Ein treffliches Bild für Gott findet Jesus in diesem Gleichnis. Es ist ebenso schön und richtig, wie das Bild vom guten Hirten und vom liebenden und gütigen Vater. Jesus vergleicht Gott mit einem Menschen, der einen Weinberg pflanzt.

Also nicht Getreide und Kartoffeln, und was der Mensch noch so zum Leben braucht wird hier erzeugt. Im Weinberg wird angebaut, was das Leben angenehm macht. Und wenn im Jesajabuch Gott gar sein auserwähltes Volk Israel mit einem Weinberg vergleicht , dann ist das Hinweis darauf, dass Kirche und Gemeinde Gottes vor allem eine Aufgabe hat: Zur Freude ihres Gottes und zur Freude ihrer Mitwelt da zu sein. Kirche und Gemeinde als Ort, an dem man froh sein darf und froh werden kann, das wäre in der Tat eine erfreuliche Zielvorgabe unseres kirchlichen Handelns. Gott, der im Gleichnis einen Weinberg pflanzt, hat jedenfalls genau das im Sinn. All denen zum Trotz, die die Welt als Jammertal begreifen, in dem es sich durch Verachtung weltlicher Freuden für himmlische Freuden zu bewähren gilt. Was im Weinberg Gottes wächst und erarbeitet wird, darf auch genossen werden.

Ohne Angst genossen werden. Denn der Herr des Weinbergs behält ihn nicht für sich. Er gibt ihn an seine Pächter her. Er vertraut ihn uns an. Und dieses Vertrauen ist ehrlich. Der Weinbergbesitzer zieht außer Landes. Er schaut seinen Pächtern nicht ständig mit gerunzelter Stirn über die Schulter. Gott hält uns nicht ständig am Gängelband, wie so manche christliche Gruppe das mit ihren Mitgliedern tut. Gott ist nicht kleinlich, wie wir das untereinander oft sind. Das Bild dieses großzügigen Firmenchefs hat einen Ehrenplatz im Weinberg verdient.

Wir kennen solche Bilder. Ein Bild des Firmengründers hängt im Büro der Fabrik. In manchen Schulen und Rathäusern hängen die Bilder der Bundespräsidenten seit 1945. Man schaut sie im Vorbeigehen an. Vielleicht mit einem Anflug von Dankbarkeit. Ihnen haben wir viel zu verdanken. Sie stehen für Recht und Freiheit. Aber die meisten sind lange tot. Auf ihren Chefsesseln sitzen heute andere.

Mit dem Bild vom Schöpfer dieser Welt scheint es genauso zu gehen. Die Meisten glauben noch an ihn. Auch die Wissenschaft kann nicht erklären, warum die Welt geworden ist, wie und was sie ist. Das Staunen darüber hat noch kein Ende. Aber auf Gottes Chefsessel sitzen heute wir. Ist Gott nicht längst tot? Mag sein Bild hängen bleiben, schon aus kulturellen Gründen. Es stört uns nicht beim Herrschen.

Das denken auch die Pächter im Gleichnis. Da tauchen die Boten des Besitzers auf. Da erweist sich der Herr des Weinbergs als lebendig. Da erweist sich, dass die Pächter das, was ihnen großzügig anvertraut wurde, unter ihre eigene Herrschaft gebracht haben. Und diesem Konflikt geht der Besitzer nicht aus dem Weg. Diesem Konflikt entkommen die Pächter nicht.

Ich denke, so mancher Firmengründer würde sich wohl auch heute mit seinen Enkeln anlegen, wenn er sieht, was sie mit ihrem Geld und Kapital anstellen. Wenn er sieht, dass sie offensichtlich vergessen haben, dass Geld und Besitz nicht allein dazu da sind, Geld und Besitz zu mehren, sondern auch dazu da sind, Menschen in Arbeit und Brot zu bringen und sie leben zu lassen.

Daran werden die Pächter des Weinbergs erinnert. Der Weinberg wirft etwas ab für den Herrn und für andere. So wie der Herr, den Weinberg zu Nutzung hergibt, so haben auch die Pächter etwas übrig zu haben für den Herrn und für andere.

Aber wie kommen die Boten daher, um solches zu fordern? Wie kommen die Boten daher, durch die Gott seinen Herrschaftsanspruch fordert? Sie kommen allein, schutzlos und unbewaffnet. Sie haben nichts, als das Wort ihres Herrn. Und so wird der Herrschaftskonflikt von den Pächtern gelöst, wie es auf Erden Gang und Gäbe ist: mit Gewalt! Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist gepflastert mit den Leichen seiner Boten.

Und als Gott seinen Sohn schickt, in Jesus von Nazareth um der Welt sein Reich und seine Herrschaft zu verkünden, da nehmen sie ihn gefangen, krönen ihn mit Dornen, rufen Heil dir du König und nageln ihn ans Kreuz. Ach, wie gefährlich kommt Gott selbst daher, um seinen Herrschaftsanspruch an seine Welt zu stellen. Welch leichtes Spiel haben die Pächter seines Weinbergs mit ihm. Welch leichtes Spiel haben die Gewaltigen weltweit mit dem Recht, der Menschenwürde, der Wahrheit und dem Glauben. Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg.

Bleibt eine Frage. Bleibt eine Frage unter dem Kreuz von Golgatha. Bleibt eine Frage zwischen den Baracken von Auschwitz. Bleibt eine Frage auf dem Platz des himmlischen Friedens. Bleibt eine Frage zwischen den Baumstümpfen abgeholzter Regenwälder, im Seufzen sterbender Kreatur:

Was wird der Herr des Weinbergs tun?

Im Laufe der Überlieferung ist das Gleichnis um die einzig logische Antwort auf diese Frage erweitert worden. Er wird komme und die Pächter umbringen. Sie haben ihre letzte Chance ausgeschlagen. Sie haben nichts begriffen. Nicht aus Schwachheit hat der Besitzer ein ums andere Mal einen neuen Versuch unternommen. Nicht aus Schwachheit hat er auf Gewalt verzichtet und mit Bitten gekämpft. Nicht aus Schwachheit, sondern aus Geduld und Gnade.

Was wird der Herr des Weinbergs tun?

Jesus hat dieses Gleichnis am Ende seiner Wirksamkeit erzählt. Mit dieser Frage ist er ans Kreuz gegangen. Und so steuert diese Geschichte auf den Karfreitag zu, an dem sich Gottes Liebe und Geduld und menschliches Nein zu ihm treffen. Mit dem Todesschrei Jesu ist unser Schicksal verwirkt. Und es kam eine Finsternis über das ganze Land. Er wird kommen und sie umbringen.

Gott hat es nicht getan. Das ist das Wunder von Ostern, dass der Karfreitag nicht das Ende der Geschichte Gottes mit uns ist. In der Auferweckung Jesu gibt Gott unserem Nein nicht recht, sondern überbietet es durch sein Ja, auf das alle, die an seinen Namen glauben nicht verloren gehen.

Jesus hat uns heute ein Gleichnis von Gott und vom Kommen seines Reiches erzählt. Am Ende ist das Gericht über die Pächter vorherzusehen. Ostern nicht. Das schlimme Ende unserer Herrschaft über den Weinberg Gottes ist vorherzusehen. Das Reich Gottes nicht. Aber Gottes Reich ist im Kommen und noch immer kämpft Gott mit Bitten um unser Einverständnis in seine gute und gnädige Herrschaft. Sein Sohn ist gesandt. Wie viel wäre mit seinen Worten zu sagen zu den Problemen unserer Zeit. Aber auf den Sohn werden sie hören.

Werden wir?

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