Weltgeschichte

Liebe Gemeinde

„Erst hinterher und oft viel später wird man wissen, wo entscheidende Weichen der Weltgeschichte gestellt worden sind, ohne dass dies ein Mensch ahnen konnte. Hätte die Malerakademie in Wien die Bewerbung des stellungslosen österreichischen Amateurmalers Adolf Hitler seinerzeit nicht abgelehnt und wäre er diplomierter Künstler geworden, die Weltgeschichte wäre ganz anders verlaufen. Wäre die Frau des Eisenacher Stadtmusikers Ambrosius Bach nach sieben Kindgeburten der achten nicht mehr gewachsen gewesen, die Kultur Europas hätte ein anderes Gesicht. Kein Chronist jener Jahre konnte die Bedeutung jener Ereignisse erkennen

Zwei Jahrtausende später sehen wir, welch ein historisches Ereignis die Überfahrt der kleinen Gruppe von Troas nach Neapolis tatsächlich gewesen ist: Das Christentum wandert in Europa ein und wird sein Denken und seine Geschichte, seine Kämpfe und seine Werteordnung in den kommenden Jahrtausenden maßgeblich beeinflussen und prägen. Und diejenigen, die bei der Gestaltung der Europäischen Union heute für einen Hinweis auf diesen christlichen Ursprung in der geplanten Grundordnung eintreten, beziehen sich in letzter Konsequenz auf diese Frau und ihre kleine Hausgemeinde.“ (Klaus-Peter Hertzsch, GPM, 4/2007, Heft 1, S. 109,111)

Wer hätte das gedacht. Wer hätte gedacht, wie die Geschichte Gottes mit den Seinen sich Bahn bricht in der Weltgeschichte. Wir müssen sagen, trotz all der Pläne, die sich seine Apostel machen und ohne die zu fragen, die die Geschicke unserer Welt vermeintlich bestimmen. Wir sollten das tröstlich finden und solche Geschichten denen erzählen, die mit der Leitung ihrer Kirche hadern und wegen deren Fehlleistungen und Unfähigkeit gar erwägen, aus der Kirche auszutreten. Nicht die, die jeden Tag in der Zeitung stehen, bestimmen die Weltgeschichte und die Kirchengeschichte. Nicht die Leitungsfiguren halten die Kirche im Innersten zusammen.

Richtig!, ruft Paulus uns zu, es ist der Geist Jesu Christi, der uns den Weg weist und durch sein Wort und Sakrament seine Kirche baut. Dazu fällt mir eine Geschichte ein.

Als wir damals auf unsere zweite Missionsreise gingen, Silas, der junge Timotheus und ich, hatten wir ziemlich klare Anweisungen von den Ältesten in Jerusalem, wo wir predigen sollten. Der Masterplan der Kirchenleitung sah vor, dass wir in dem Land bleiben sollten, das ihr heute Türkei nennt. Der Beginn dieser Missionsreise lässt sich mit drei Worten einfach umreißen: Pleiten, Pech und Pannen. Es ging gar nichts zusammen. Timotheus maulte schon rum, ob denn die Kirchenleitung in Jerusalem überhaupt wüsste, was sie da beschlossen hatte. Silas betete eines Nachts, der Herr Jesus Christus möge uns vor dem Teufel beschützen, der so offensichtlich alle Anstrengungen durchkreuzte. Wir zogen scheinbar ziellos in der Gegend herum.

Es könnte auch unser Herr Jesus Christus selber sein, sagte ich eines Morgens so unvermittelt beim Frühstück, dass Silas der Mund offen stehen blieb. Der Geist Jesu Christi! legte ich nach und es dauerte noch ein Weilchen, bis bei ihm der Groschen fiel. Du meinst, es geht uns wie den Jüngern Jesu in dem Dorf der Samariter, das sie nicht aufnehmen wollte? Ich nickte. Wenn der Geist Jesu Christi nicht mit uns ist, kannst du predigen bis du schwarz wirst. Das ist genau das, was wir im Moment machen.

In der Nacht hatte ich einen Traum. Ich hatte ihn mehrmals. Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat mich: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Woher weißt du, dass der Mann aus Mazedonien war, fragte Timotheus, nachdem ich meinen Traum erzählt hatte. Silas schaute ihn verständnislos an. Das spielt doch keine Rolle! Die Richtung ist klar. Wenn die uns hier nicht zuhören wollen, dann predigen wir eben in Griechenland. Die Männer von Mazedonien warten auf uns.

Es war eine gemütliche Reise. Wir setzten über auf den Kontinent, den ihr Europa nennt. So kamen wir nach Philippi und lagen erst einmal ein paar Tage auf der faulen Haut. Vergesst nicht, das hier ist Römerland und wir sind römische Staatsbürger, schärfte ich den beiden ein. Mission ist hier verboten. Wir müssen also vorsichtig vorgehen und erst einmal alles kennenlernen. Es soll hier eine kleine jüdische Gemeinde geben, die zwar keine Synagoge hat, aber sich am Sabbat am Fluss zum Gebet trifft. Da gehen wir morgen hin.

Auf zum Strand, sagte Silas am anderen Morgen gutgelaunt; und so machten wir uns auf den Weg. Schon von Weitem sahen wir am Ufer des Flusses eine Gruppe von Menschen. Da sind sie, sagte ich zu den beiden. Aber bald entpuppte sich die Menschengruppe als Frauengruppe. Die Männer von Mazedonien warten auf uns!, feixte Timotheus und Silas fügte hinzu: Glaubst du vielleicht Paulus wäre gegangen, wenn der Mann aus Mazedonien eine Frau gewesen wäre? Da konnte ich nicht anders als mitzulachen. So stolperten wir lachend auf die Damen zu.

Und wir lernten sie kennen, Lydia, die Frau aus dem kleinasiatischen Lydien, die man in Philippi nur die Lydierin nannte. Fast jeder kannte sie, weil sie mit Purpur handelte, jenem Farbstoff, der die Mäntel der Cäsaren und Senatoren schmückte. Timotheus lies sich haarklein erklären, wie viele Purpurschnecken man brauchte um ein Gramm dieses violetten Goldes herzustellen. Lydia hatte die Lizenz zum Handel mit Purpur und damit zum Gelddrucken.

Und so war es auch an Timotheus, uns vorzustellen. Wir sind unterwegs im Namen des Herrn, fing Timotheus an. Dann hatte ich seine Faxen dicke und bedeutete ihm, dass ich weiterreden wollte. Lydia hörte aufmerksam zu und wir alle spürten, dass der Geist Jesu Christi wieder bei uns war und durch unsere Worte hindurchging und der Lydierin mitten ins Herz. Wer hätte das gedacht?

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine kleinasiatische Frau die erste europäische Christin werden würde. Eine aus dem Morgenland war die erste Vertreterin des christlichen Abendlands. Sie ließ sich taufen mit ihrem ganzen Haus. Da war es schon Abend und die untergehende Sonne spiegelte sich im Wasser des Flusses.

Zeit fürs Abendessen, sagte die erste Christin Europas und ihr seid natürlich meine Gäste. Ich wollte schon ablehnen, da kam mir Timotheus zuvor. Liebe Frau Lydia, hob er an, unser Paulus nimmt solche Einladungen nicht an, weil er besonders stolz darauf ist, dass er für seine schwere Arbeit im Auftrag des Herrn keine Almosen annimmt, sondern seinen Lebensunterhalt selbst verdient. Und dann sah er mich an und fügte hinzu: Im Prinzip.

Im Prinzip, fügte Lydia hinzu, spielt das hier keine Rolle. Paulus ist ein Kind Gottes und ein Jünger Jesu Christi und ich bin nun ein Kind Gottes und eine Jüngerin Jesu Christi. Es gibt keinen Grund, warum ihr heute nicht in meinem Haus zu Gast sein solltet. Es ist das Gemeindehaus der Gemeinde von Philippi. Und im Übrigen hat Silas erzählt, dass auch Jesus gerne bei einer gewissen Maria und ihrer Schwester Martha zu Gast war.

Ich gab mich geschlagen. Was wir dann so alles auf dem Tisch hatten und in welchem Ambiente wir Abendmahl feierten und eine wirklich angenehme Zeit verbrachten, habe ich Petrus nie erzählt. Der braucht auch nicht alles zu wissen. Später haben wir Philippi noch näher kennengelernt, sogar das Gefängnis von innen. Das ist eine andere Geschichte.

Aber eines steht fest: Es ist der Geist Jesu Christi, der uns den Weg weist und durch sein Wort und Sakrament seine Kirche baut. Wann und wo er will, mit Männern aus Mazedonien, die eigentlich Frauen sind, fängt Timotheus schon wieder an. Und deshalb, fällt Paulus ihm leicht genervt ins Wort, gibt es keinen Grund der Kirche Jesu Christi den Rücken zu kehren, es sei denn sie ist von allen guten Geistern, besonders vom Heiligen Geist verlassen.

Aber, so kommt uns in den Sinn und vielleicht gar in den Mund, genauso kommt uns die Kirche manchmal vor.

Papperlapapp! fährt uns Paulus übers Maul. Wer so denkt und redet wird niemals Weltgeschichte schreiben. Auch durch euch nimmt Gottes Geschichte ihre Bahn. Steht ihr nicht im Weg.

Und da bleibt uns nur noch zu sagen: Amen

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