Über den Horizont hinaus

Liebe Gemeinde, der zweite Sonntag der Passionszeit heißt auf lateinisch: „Reminiszere“. Es ist der Beginn des Psalmwortes für diesen Tag. Auf Deutsch übersetzt heißt es: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ Und wir haben vorhin im Introitus die Bestätigung dazu gesungen: „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.“

Es sind alttestamentliche Glaubenseinsichten, die sich durchtragen bis ins Neue Testament hinein und von denen die Glaubenspersönlichkeiten durchdrungen sind, deren Schriften wir bis heute lesen. Zu diesen Persönlichkeiten zählt natürlich auch Paulus, der große Missionar, durch dessen Eifer die Frohbotschaft von der Versöhnung Gottes mit den Menschen bis an das Ende der Welt gelangt ist.

Nicht zu vergessen: Paulus hat an eigenem Leibe diese Frohbotschaft gespürt – sie hat sein Leben verwandelt. Gehörte er doch früher zu den eifrigsten Verfolgern dieses neuen Glaubens in Christus Jesus! Aber die Begegnung mit Gottes Geist und seiner Liebe hat ihn verwandelt und ihn vom Verfolger zum Verkündiger werden lassen.

Alle Briefe, die wir von Paulus lesen können, sind Briefe an Gemeinden, die er einst selbst gegründet hat. In ihnen erkundigt er sich nach ihrem Wohlergehen und nimmt Stellung zu Problemen, die in den Gemeinden aufgetreten sind. Nur ein Brief ist davon ausgenommen. Paulus schreibt ihn, bevor er die dort bereits existierende Gemeinde besucht. Es ist der Brief an die Römer – eine Art Empfehlungsschreiben und Erklärung seiner Theologie. Und somit Ausdruck seiner Glaubensfreude und ein Loblied Gottes. Es ist sein größter und längster und vielleicht auch sein schwierigster Brief. Er will sich absichern, nichts falsch machen, deutlich erklären, wo er steht und was ihm wichtig ist.

Und wovon handelt dieser große Brief? Wieder von dem, was er selbst erlebt hat und was er in Grundzügen immer wieder seinen Gemeinden verkündet: nämlich, dass Gottes Gerechtigkeit gilt für Juden und Heiden. Gott macht gerecht, Gott schenkt Gerechtigkeit, Gott versöhnt die Welt mit sich selbst. Das heißt: Vor Gottes Augen zählt nicht Deine Geburt, nicht Dein Volk, nicht Deine Familie, nicht Dein Ansehen, nicht Dein Geld. Sondern: Gott macht Dich gerecht, er macht Dich heil. So wird er die ganze Welt mit sich versöhnen. „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.“ Und dies tut er durch Christus Jesus, der für uns am Kreuz gestorben ist und in welchem wir das Wesen Gottes erblicken können: seine Liebe zu uns. Diese Gewissheit im Glauben ändert unser Leben radikal: Wir sehen die Welt mit neuen Augen. Davon erzählt uns der Abschnitt, der uns als Predigtwort gegeben ist. Hören wir also von der Hoffnung für unser Leben – als dem Stand der Versöhnung zwischen Kreuz und Auferstehung. Wir lesen aus dem Brief des Paulus an die Römer im fünften Kapitel, die Verse eins bis elf:

[TEXT]

Wir können uns nicht rühmen, liebe Gemeinde, dass wir aus eigener Kraft vor Gott gerecht geworden sind. Das schaffen wir nicht, denn wir sind gefangen wie in einem Spinnennetz in der Sünde dieser Welt und so sehr wir uns auch abstrampeln – wir bleiben immer an neuen Verstrickungen kleben. Wir können daraus nicht entfliehen. Als Christen wissen wir das und bekennen es deshalb in jedem Gottesdienst am Anfang neu: „gesündigt mit Gedanken, Worten und Werken – nicht fähig, uns aus eigener Kraft von unserem sündigen Wesen zu erlösen.“ In Christus aber ist dieses uns fesselnde Netz grundsätzlich niedergerissen. Wir haben einen neuen Grund für unser Leben bekommen. Christus, so heißt es an anderer Stelle, schafft eine Sphäre der Gerechtigkeit für alle, die ihm zugehören. Und deshalb bekennen wir ebenfalls zu Beginn eines jeden Gottesdienstes: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“

Wenn wir die Passionszeit ernst nehmen und sie gelten lassen als eine ruhigere Zeit, eine Zeit der Besinnung und des Nachdenkens über unser eigenes Leben, dann werden wir oft genug erschrecken über all das, was nicht gelingt. Über all das, wo wir versagt haben, wo wir uns Gott entgegen gestellt haben und unserem Nächsten nicht in Liebe zugewandt waren. Dann hilft es, zu dieser Taufzusage zu fliehen, so wie es Luther empfohlen hat, und sich selbst diese Worte vorzusagen: „Wir sind gerecht geworden durch den Glauben, wir haben Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.“

In den Stürmen des Lebens darf dies unser Anker sein, ein Hafen für unsere Seele: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Wir haben Frieden mit Gott: Das ist unser Grund. Nicht als Ziel, sondern als neuer Anfang. Von hier aus gehen wir in das Leben, das uns bestimmt ist. Von hier aus treten wir der Welt gegenüber, auf die wir in diesem Leben angewiesen sind. Wie aber soll das gehen? Was unterscheidet denn einen Menschen, der an Christus glaubt von einem, der Christus nicht kennt oder nicht anerkennt? Es ist die Frage, wie wir unser Leben gestalten dürfen aufgrund dieser Gewissheit der Gnade Gottes.

Und erst hier, liebe Gemeinde, wird die Sprengkraft dieses christlichen Glaubens überhaupt richtig offenbar. Denn Glaube passt sich nicht der Welt an. Die Welt mag sich fragen: Leistung soll sich wieder lohnen. Eine Frage des Glaubens ist das nicht. Glaube fügt sich nicht nahtlos in die Alternativlosigkeit ein, die wir so oft zu hören bekommen, wenn wir unsere aktuellen Probleme betrachten. Glaube fragt nicht nach Leistungsgerechtigkeit, sondern nach dem, was ein Mensch tatsächlich zum Leben braucht – und das ist viel mehr und oft ganz anderes, als nur das Materielle. Der Glaube fragt nach der Würde des Menschen, er fragt nach der Gottesebenbildlichkeit, die er bereit ist, in jedem Kinde Gottes zu erkennen. Glaube handelt deswegen oftmals anders, als es die Welt erwarten würde. „Unvernünftig“ vielleicht in den Augen der Welt: Schenken etwa, wo es doch bei einem selber weniger wird. Einen Neuanfang wagen, wo doch alles so verfahren ist. Dem Bösen mit Liebe begegnen und nicht noch einmal Gewalt auf Gewalt setzen.

Wie aber soll das gehen?

Paulus verweist auf die Hoffnung, die dem Glauben geschenkt ist. Denn wir stehen tatsächlich in dieser Zwischenzeit. Zwischen dem Kreuzestod Jesu als dem Beginn seines neuen Reiches und der Auferstehung als der Vollendung eines jeden Einzelnen in der neuen Schöpfung am Ende der Zeit. Pilger sind wir in der Zeit, Reisende zu Gott hin.

Und Paulus wagt sogar noch mehr zu sagen. Er macht einen Dreischritt: wir stehen in Bedrängnis in dieser Zwischenzeit, sagt er. Aber das sei in Ordnung, denn Bedrängnis schaffe Geduld. Geduld aber gebiert Bewährung. Bewährung schließlich aber Hoffnung. Und zwar eine Hoffnung, die nicht zuschanden werden kann.

Vielleicht erinnern Sie sich?! Wir haben uns schon oft darüber unterhalten, wie es sein kann, dass bei uns das Bewusstsein über dieses Geschenk des Glaubens so sehr nachlässt. Und ein Hinweis auf die Ursache war stets die fehlende Bedrängnis. Gehören wir tatsächlich bereits zu denen, die „doch so sicher leben“, dass sie das Hoffen verlernt haben? Das frühe Christentum und Paulus selbst wissen noch sehr genau, was Bedrängnis ist. Angst zu haben um sein Leben, wenn man für eine bestimmte Sache einsteht. Es ist das Gegenteil von Bequemlichkeit und Trägheit. Hoffnung, so schreibt es Paulus, erwächst wohl aus diesem Bewusstsein, dass das Leben nicht so einfach gegeben und sicher ist, sondern dass es stets gefährdetes Leben ist.

Viele, die heute hier sind, haben es selbst erlebt: Krankheit und Tod des geliebten Nächsten, unerwartet, plötzlich. Alles scheint auf einmal gefährdet und unsicher: wie soll es, wie kann es weitergehen? Mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen! Dort setzt diese Hoffnung im Glauben an: Der Tod hat nicht das letzte Wort, es gibt eine Verwandlung hin zu einem neuen Menschen in einer neuen Welt, ohne Leid, ohne Schmerz, ohne Tod. In dieser Hoffnung tragen wir unsere Toten zu Grabe. Das ist keine bloße Jenseitsvertröstung, liebe Gemeinde. Denn diese Hoffnung reicht in die Gegenwart hinein. Sie prägt das Leben und lässt etwas von dem Licht leuchten, das uns in Christus Jesus selbst begegnet ist.

„Ein protestantischer Missionar arbeitete schon jahrelang bei den Papuas in der Südsee. Bei der Bibelübersetzung in die Sprache der Einheimischen fand er nicht den rechten Ausdruck für das Wort "Hoffnung". Er suchte lange nach diesem Begriff, bis er eines Tages sein neugeborenes Kind zu Grabe tragen musste. Ein Papuajunge, der zusah, wie der Vater seinen Sohn begrub, sagte zu dem Missionar: "Ich sehe dich gar nicht weinen." Darauf der Vater: "Warum denn, wir werden uns wiedersehen. Unser Kind ist bei Gott." Und der Junge für sich: "Ja, ich hörte es. Ihr Christen schaut über den Horizont hinaus."

„Über den Horizont hinausschauen…“ – jetzt wusste der Missionar, wie er das Wort "Hoffnung" zu übersetzen hatte.“

„Wir sind gerecht geworden durch den Glauben und haben Frieden mit Gott durch Christus Jesus. So dürfen wir uns rühmen der Hoffnung dieser zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.“ Sie verändert unser Leben hier.

Treten Sie mit ein, liebe Gemeinde, in dieses Rühmen und „gedenken“ Sie daran, was Gott uns zugesagt hat: „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.“

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es manchmal sehen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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