Sprache, die ihre Not kennt

Liebe Gemeinde.

"Es entkräftet die ganze Sprache, wenn es keine Worte mehr gibt, die um des Unaussprechlichen willen gesprochen werden. Sprache, die ihre Not nicht kennt, ist beim Menschen ein Ausscheidungsprodukt unter anderen geworden."

Bei Botho Strauß habe ich dieses Zitat gefunden. Und bestimmt fallen uns dazu eine Menge Beispiele ein. Tagtäglich werden wir zugelabert vom Dauertalk auf allen Kanälen. Wirklich jeder kann heute zu wirklich allem seine Meinung vor Publikum zum Besten geben. Alles gleichwertig, alles gleichgültig, alles gleich wurscht.

Der Raum der öffentlichen Rede ist zur Folterkammer des Wortes geworden. Dort herrscht galoppierende Wortinflation, Redeschwindsucht, Sprachverschleiß, der schließlich zur Verachtung des Wortes führt. Alles nur Gerede, alles nur leere Worte. Wort und Wahrheit werden inkompatibel. Sie sind nicht mehr füreinander bestimmt. Politische Parteien stehen heute ganz unverhohlen im Wettkampf, bei wem sich am schönsten die Balken biegen. Schließlich will das Volk belogen sein. Seht, können sie sagen, so ehrlich sind wir, dass wir euch zugucken lassen, wie wir unsere Lügen auskochen. Und wir dürfen dann mit diskutieren, welche Form der Täuschung wir am cleversten finden. Und fühlen uns womöglich noch ernst genommen!

Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, wenn sie die tägliche Berichterstattung vom Kosovokrieg sehen. Wenn dieser nette englische Natosprecher vors Mikrofon tritt und wieder einen neuen Kollateralschaden beklagt. Was klingt, wie ein Kratzer in der Autotür, meint zerfetzte Menschen, deren grausiger Tod leider nicht zu verhindern ist, leider auch nicht in einem Krieg der zum Schutz der Menschenrechte geführt wird.

Ist nach 8 Wochen der Bombardierung nicht eine Pause des Nachdenkens angebracht? Was hatten wir vor, was wollten wir erreichen und was ist dabei herausgekommen? Ideologiekritik nennt man das. Eine Absichtserklärung, ein Vorhaben wird gemessen an seinen Ergebnissen. Aber Ideologiekritik findet nicht statt, nicht in diesem Krieg, nicht in der Politik, nicht in unserem eigenen Leben. Vom Geist der Wahrheit weit und breit keine Spur.

Vielleicht reden wir deshalb so viel belangloses Zeug, wie es Menschen oft hartnäckig reden am Bett eines Todkranken. Sie reden um die schlimme Wahrheit herum, wie um den heißen Brei. Worte wie Sand, in den wir den Kopf stecken. Alles lackierter Staub. Sprache, die ihre Not nicht kennt und nicht kennen will.

Vom Geist der Wahrheit weit und breit keine Spur. Das ist die bittere Wahrheit, in deren Abgrund wir zu diesem Pfingstfest blicken müssen, liebe Gemeinde. Rudolf Augstein in der neusten Ausgabe des Spiegel: "Jede, nicht nur die christliche, Theologie, sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass Religion, … , keine Zukunft mehr hat, mit welchem Gott auch immer." Hören wir ruhig hin am Geburtstag der Kirche, statt selbst dagegenzutönen mit frommem Geräusch und Geburtstagsgeplauder.

Vielleicht haben die Jünger damals beim Abschied von Jesus genau das gemacht. Geplaudert über Gott und die Welt. Sprache, die ihre Not nicht kennt. Von selbst fragen sie Jesus nicht die entscheidende Frage: Was wird sein wenn Du fort bist. Wo gehst Du hin? Wo kann man Dich dann finden? Haben wir überhaupt Zukunft?

"Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?", sagt Jesus in einer Sprache, die die Not der Jünger kennt, besser als sie selbst. Ist doch nicht wahr, dass der christliche Glaube Antwort auf unsere Fragen gibt. Denn unsere Fragen sind oft genug Fragen, die ihre Not nicht kennen, die nicht wissen, was sie fragen sollen. Als wüssten wir die Wahrheit über uns und die Wahrheit über Gott gibt der Glaube dazu. Die unendliche Vielfalt auf dem religiösen Markt unserer Zeit ist nicht zuletzt Ausdruck einer Sinnsuche, die nicht weiß nach welchem Sinn, nach welcher Wahrheit sie suchen soll! Mag sein, dass die Menschen heute weniger als früher wissen, wer Gott ist. Genauso wahr ist, dass die Menschen heute weniger als früher wissen, wer sie selbst sind. Das eine hängt mit dem anderen aufs Engste zusammen!

Unser Predigttext macht deutlich, wie Jesus seinen Jüngern hilft, die richtigen Fragen zu stellen, die sie nicht nur zur Wahrheit über Gott, sondern auch zur Wahrheit über sich selbst führen. "Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch in alle Wahrheit leiten."

Aber zunächst in die Traurigkeit. Der Abschied Jesu von seinen Jüngern eröffnet ihnen den Blick auf eine Welt ohne Heiland, ohne Erlöser, ohne Christus. Anfechtung ist das Wort, das die Christenheit dafür geprägt hat. Anfechtung ist der Blick in eine Welt ohne Gott. Dieser Blick tut weh. Vielleicht kann man ihn überhaupt nur im Glauben ertragen; nur unter großer Not aussagen und beschreiben. Ihn in menschliche Worte zu fassen, ist eine ohnmenschliche, unaussprechliche Aufgabe.

Groß ist die Nacht, in die wir da hineinschauen. Und Gott sei Dank passt sie nicht auf unsere Fernsehschirme. Und weil sie so groß ist, geht Jesus zu seinem himmlischen Vater. Er geht fort, um gewaltiger dazusein.

Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Was für eine Verheißung für eine Welt, die in Tränen zerfließt und sich in Hoffnungslosigkeit selbst zerstört. Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun …

Mir gehen die weinenden Menschen in den Flüchtlingslagern im Kosovo nicht aus dem Kopf. Was haben die Mörder ihrer Familienangehörigen an Schuld auf sich geladen! Wer will die Wunden heilen, die an Seelen und Herzen der Opfer angerichtet wurden! Wer könnte ihr Therapeut sein und wie groß müsste seine Couch sein, damit alle Schmerzen darauf Platz hätten? Da hilft nur noch Beten! Gebet ist Sprache, die ihre Not kennt!

Gebet ist deshalb Rede im Geist der Wahrheit. Im Geist der Wahrheit über uns selbst und im Geist der Wahrheit über den Christus, der als der abwesende um so gewaltiger anwesend ist als der Tröster. Nicht der Vertröster, sondern der Hoffnungsstifter, Heiler und Versöhner. Nicht von Ungefähr nennt Paulus das Gebet, die Sprache, die ihre Not kennt, eine Gabe des Heiligen Geistes, "denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen."

Vielleicht regt uns das dieses Jahr an, ein stilles Pfingstfest zu feiern. Einmal den Strom der Quasselei in uns und um uns abreißen zu lassen und dem Geist unseres Herrn Jesus Christus zu lauschen. "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."

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