Predigt zur Senkung der kirchlichen Planungsmoral

Liebe Gemeinde,

am 29. Januar berichtete Eberhard Rathgeb in der FAZ aus Wittenberg und schrieb: „Was meint denn der liebe Gott zur Zukunft der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)? Man darf ja, wenn es um die EKD geht, so direkt und unverblümt fragen. Und tatsächlich: „Gott ist sehr gespannt auf das, was uns gelingen wird.“ Ich weiß nicht, wie es einem Erwachsenen ernsthaft gelingen kann, einen solchen Satz zu sagen, und zwar nicht so für sich dahingemurmelt oder den Kindern abends erzählt, sondern vor dreihundert gleichfalls erwachsenen Zuhörern. Wahrscheinlich erfüllt sich in dieser trotzigen Naivität für manches frohe Herz schon der ganze Protestantismus. Den Satz sagte eine Landessuperintendentin in ihrer Morgenandacht am zweiten Tag des Zukunftskongresses, zu dem die EKD nach Wittenberg 308 ihrer Mitglieder eingeladen hatte.“ Zitat Ende.

Ja wenn das schon die Kinder dieser Welt von der FAZ merken, kann man sich vorstellen, wie Gott in diesem Moment in die Runde seiner himmlischen Heerscharen schaut, in denen schon ein erstes Glucksen zu hören ist, bevor das Gelächter aufbrandet von einem Ende des Himmels bis zum andern. „Gott ist schon sehr gespannt, was uns gelingen wird.“ So erheiternd kann der deutsche Protestantismus sein und im Himmel ist man wirklich schon auf den nächsten Lacher gespannt.

Wir haben die Worte des Propheten Jesaja noch im Ohr, in denen der Satz der Landessuperintendentin gerade umgedreht und nur umgedreht Sinn macht. Nicht Gott ist gespannt, was uns gelingen wird; sondern wir dürfen gespannt sein, was Gott gelingen wird. Denn „so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, sein: ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ Und genauso gilt: Wir Evangelischen sollen nicht die Clowns zur Belustigung der himmlischen Heerscharen sein, sondern Gott will uns trösten und froh und zuversichtlich machen. „Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ Gott will dafür sorgen, dass das Lachen auf unserer Seite ist. Wenn wir ihn nur lassen. Gott will, dass wir bei Trost bleiben, bei seinem Trost. Wenn wir ihn nur lassen.

Was uns dabei im Weg steht, ist oft nicht das Böse, sondern das Gute. Was uns dabei im Weg steht, ist oft nicht das, was uns nicht gelingt oder gründlich falsch läuft, sondern das, was uns gelingt. Was uns dabei im Weg steht, sind oft nicht unsere Schwächen, sondern unsere Stärken.

Die Worte des Propheten richten sich an ein Gottesvolk, deren Beste, deren Gebildete sich seit Jahrzehnten im babylonischen Exil befinden. Man hatte sich in der zweiten und dritten Generation eingerichtet. Man hatte das Beste daraus gemacht. Man hatte sich integriert in die Welt und in die Zeit. Kinder wuchsen auf, die über ihre Kindheit hätten schreiben können, was Albert Camus über seine Kindheit in Algerien schrieb:

„(Wir waren) Kinder, die von Gott nichts wussten und von denen Gott nichts wusste, unfähig, sich das zukünftige Leben vorzustellen, weil ihnen das gegenwärtige Leben unter dem Schutz der gleichgültigen Gottheiten Sonne, Meer oder Elend so unerschöpflich erschien.“ (zitiert nach Kerstin Vocke, GPM, Heft 1, 4/2006, S. 104)

Ist er nicht lebensklug, der Mensch, der sich mit den Gegebenheiten seines Lebens und den Gottheiten seiner Zeit arrangiert und sich einrichtet in seiner Freude und in seinem Leid. Ist es nicht lebensklug törichte Hoffnungen und vergeblichen Glauben hinter sich zu lassen, wie den Konfirmationsanzug und das Hochzeitskleid? „Lass gut sein!“, sagt der weise Alte zum jungen Weltverbesserer. „Lass gut sein!“

Gott freilich findet solche Arrangements nicht gut. Ist das zum Aushalten, dass Gott ausgerechnet sein aus der Heimat vertriebenes Volk gottlos nennt? Können wir es hören, dass Gott die im Volk, die im Denken und Handeln das Beste aus der Situation machen wollen, Übeltäter nennt? „Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN!“ Der, der darauf hofft, was ihm unter den Bedingungen seiner Zeit gelingt, soll sich bekehren zur Hoffnung auf das, was Gott und seinem Wort unter den Bedingungen der Zeit gelingt.

Karl Steinbauer, als Pfarrer im 3. Reich von der Bayerischen Landeskirche mit Predigtverbot belegt, ins KZ Sachsenhausen verfrachtet, an der russischen Front schwer verwundet, nach einer Weihnachtspredigt wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt, nach dem Krieg vom bayerischen Landesbischof mit dem Verbot belegt, sich politisch zu äußern, zu Lebzeiten hartnäckig überhört und doch unvergessen, schrieb:

„0 wahrlich, der Unglaube weiß Bescheid! Er kennt sich aus bis ins Kleinste. Die Riesen kennt er alle genau mit Namen und Ortsangabe: ‚So wohnen die Amalekiter im Land gegen Mittag, die Hethiter und Jebusiter und Amoriter wohnen auf dem Gebirge, die Kanaaniter aber wohnen am Meer und um den Jordan’ – Ja, der Unglaube weiß genau Bescheid, er ist ‚informiert’. Die Schuhnummern der Riesen kann er dir angeben, wenn du sie wissen willst. Aber dass der Herr auferstanden ist…, dass ihm gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden, dass er zugesagt hat: ‚Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende’, davon weiß er nichts zu erzählen. Wenngleich solcher Unglaube durchaus in der Lage ist, etwa im theologischen Examen korrekt nach Schrift und Bekenntnis über die ‚Auferstehungstheologie’ zu prüfen, aber gar kein Gefühl dafür hat, dass er im Umgang und bei den kirchenpolitischen Verhandlungen mit den Riesen von diesen geprüft wird, ob er an den Auferstandenen glaubt …. Der Unglaube schaut weg von Gott, weg von Gottes Wort und Gottes Verheißung und Zusage. Wer aber von Gott und Gottes Wort wegschaut, verliert den rechten Maßstab für die Wirklichkeit. Im angstvollen Stieren und Gaffen auf die ‚gegebenen Tatsachen’ fangen diese plötzlich zu wachsen an und wachsen uns schließlich zu unserem Schrecken über den Kopf, und wir werden von ihnen gebannt wie der Frosch von der Schlange…. Wenn wir’s doch sehen könnten, wie der Unglaube Riesen züchtet.“ (Johannes Rehm (Hg.), „Ich glaube, darum rede ich!“ Karl Steinbauer: Texte und Predigten im Widerstand, Tübingen, 2. Aufl. 2001, S. 86f.) Zitat Ende.

Das ist der tiefe Grund der Gottesschelte an sein gebeuteltes Volk: Dass uns die Zeit, in der wir leben, mit ihren Gegebenheiten und Gottheiten nicht über den Kopf wächst. Der Unglaube züchtet Riesen und versucht, es dann auch noch mit ihnen aus eigener Kraft, mit den eigenen Plänen, mit den eigenen Innovationen aufzunehmen. Da braucht Gott nicht gespannt sein, was dabei herauskommt. Man wird erst Zuflucht nehmen zu Einfluss, Macht und Gewalt. Man wird möglichst hierarchisch und effizient und medienwirksam in den Kampf ziehen – und geschlagen, ausgelacht, verbittert und gottlos enden.

Es war die Elite des Gottesvolks, die ins babylonische Exil musste. Es sind die Starken, die die Kirche zu allen Zeiten hat, die ihr den Weg aus dem Elend weisen wollen – und in der allergrößten Gefahr sind, verzweifelt, verbittert und gottlos zu enden, wenn sie sehen, wie wenig sie ausrichten gegen die „gegebenen Tatsachen“. Wer dann solchen Schaden erleidet, braucht für den himmlischen Spott nicht zu sorgen.

„Lass gut sein“, sagt Gott zu seinem Volk. Kehre um zur Hoffnung auf das, was meinem Wort gelingt. „Es wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ Denn erstens mach’ ich’s anders und zweitens, als du denkst. Nur so wird es gut. Der frühere Leiter unserer Kirchenverwaltung sagte den Satz: „Planung ist der Versuch, das Chaos durch den Zufall zu ersetzen.“ Ich halte das für einen Satz tiefen Glaubens. Was ist der Bauer, der auf seinem Feld werkelt, ohne die Hoffnung, dass im Himmel schon an den Schleusen gedreht wird, und der Schnee und der Regen schon am Fallen sind? Oder mit Jesus gesprochen: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Matthäus 6/33) Freut euch drauf.

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