Mission auf erfreuliche Weise

Liebe Gemeinde,

noch steht das Christentum in den Kinderschuhen da, da ist es schon mit den Gebildeten unter seinen Verächtern im Gespräch. Vom Marktplatz, wo sich auch die Kirche nach dem Willen der Marketingstrategen tummeln soll, hat man sich auf dem Areopag ein stilleres Plätzchen gesucht. So beginnt die Mission ihren Weg in die Welt. Und das soll eine erfreuliche Angelegenheit sein. Wir hören unseren Predigttext ja am Sonntag Jubilate. Auch wenn wir gleich zugeben müssen, dass diese Aktion des Paulus von nicht gerade durchschlagendem Erfolg gekrönt war, wie so manche Kirchenaktion auch.

Erfreulich an dieser Rede des Paulus auf dem Areopag ist aber auf jeden Fall, dass sie sich von den Wegen und Methoden wohltuend unterscheidet, die die christliche Mission in den folgenden Jahrhunderten leider oft genug benutzt hat. Man denke nur einmal an die Mission der Sachsen durch Karl den Großen. Der ließ den Sachsen nur eine Alternative: Taufe oder Tod. Und vielleicht haben Sie selbst schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sie als Mensch unter Kanzel und Katheder, unter dem Podium der Zeltmission erst einmal zur Sau gemacht wurden, wo doch hier das Evangelium angekündigt war. Auch eine unerfreuliche Art der Mission.

Erfreulich, dass das offensichtlich nicht der Stil des Apostels Paulus ist. Er beginnt nicht mit Heulen und Zähneklappen: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr in allen Stücken gar sehr die Götter fürchtet. Paulus knüpft an, positiv, im Guten. Und er hat sich dafür vorher einmal Zeit genommen, um sich die Menschen anzuschauen, ihre Stadt, ihr Leben, ihre Kultur, ihre Religion. Ich bin umhergegangen und habe mir alles angesehen, sagt er. Achtung vor den Menschen und ihren Glaubenshaltungen kommt da zum Vorschein. Diese Achtung verbietet gleich auf alles dem eigenen Glauben Fremde einzudreschen. Wo das heute noch unbesehen geschieht, da kommt der Hochmut und die Ignoranz des eigenen Glaubens und die heimliche oder besser unheimliche Angst des Glaubens vor allem Fremden zum Vorschein. Es könnte ja der Teufel dahinter stecken.

Paulus beginnt mit guten Worten. Er knüpft im Guten an. Bei einem Altar. Dem unbekannten Gott steht darauf. Ich bin fast sicher, dass jeder sich so einen Altar irgendwann in seinem Herzen baut, um dann und wann niederzufallen und zu beten: Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann… Ein Ausdruck der Sehnsucht ist dieser Altar. Der Sehnsucht, die hinausgeht über den griechischen Götterhimmel, in dem ja alle und alles bekannt waren, die Götter mit ihren Geschichten und Geschichtchen, Skandalen und Affären. Sehnsucht, die mehr und weiter hofft, als solche Götter hoffen lassen. Dem unbekannten Gott.

Und heute, wo sich ein leerer Himmel über die Erde wölbt, ohne Götter und Gott, wo sich längst unten leben lässt, wie Gott nicht nur in Frankreich, wo es vor allem um Geld geht und Macht? – wer hat sich da noch nicht verschämt und im Herzen jenen Altar der Sehnsucht gebaut: Das kann doch nicht alles gewesen sein. Dem unbekannten Gott. Dieser Sehnsucht gilt die Achtung des Apostels Paulus. Sie ist ein Stück unserer Menschenwürde. Dieser Sehnsucht gilt unsere Achtung, in welcher Religion sie sich auch artikuliert, auch wenn Menschen ihr nach in die Irre gehen, ausgebeutet werden, ihr dort nachsuchen, wo es nun wirklich nichts zu finden gibt und es erst viel zu spät merken. Auch, wenn diese Achtung durch Selbstmordattentate und den Wahnsinn des Terrors auf schreckliche Weise hinterfragt wird. Denn diese Achtung entspricht der Liebe Gottes, die es mit uns ja wohl auch mit suchenden Menschen zu tun hat. Solche Menschen sind wir ja auch.

Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen. Die Beantwortung dieser drei Fragen hat der Philosoph Immanuel Kant als den Inhalt der Philosophie bezeichnet. So oder ähnlich fragen Menschen überall auf der Welt. Es sind Fragen, die hinter die diesseitige oft genug banale Seite der Welt dringen wollen. Dem unbekannten Gott entgegen. Da knüpft Paulus an. Und er nimmt seine griechischen Zuhörer damals und uns heute ein Stück auf dem Weg mit, der von uns unten dem unbekannten Gotte entgegen führt. Paulus zeigt die Schöpfung, die Welt und das Universum, den gestirnten Himmel über uns und den Menschen, zu dem es offensichtlich gehört, dass er Gott sucht, ob er ihn wohl fühlen und finden möchte. Wenn Paulus so spricht, regt sich kein Widerspruch damals und heute. Auch heute glaubt die Mehrheit der Menschen, dass es etwas gibt, was Gott genannt zu werden verdient. Und selbst der Atheismus hat es in seiner Leugnung immer noch mit Gott zu tun.

Nein, die Existenz Gottes ist ja nicht das eigentliche Problem. Was ist denn gewonnen, wenn auf die Frage, ob es Gott gibt eindeutig geantwortet werden kann. Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen, lauten die Fragen. Welche der drei Fragen wird durch die bloße Existenz Gottes beantwortet? Gar keine! Dass er so unbekannt ist, das ist das Problem.

In ihm leben, weben und sind wir. Fürwahr er ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns. Aber halt doch zu fern, als das die Sehnsucht, die ihm entgegenstrebt, ihn erreicht. Der unbekannte Gott bleibt Ahnung. Und so zwingend manchem diese Ahnung sein mag. Ahnungen taugen nicht um Antwort auf Fragen zu geben. Der Gott, den der Mensch im Spiegel der Welt und des Universums, im Spiegel der eigenen Seele erahnt, hat kein Gesicht oder unendlich viele.

Deshalb, so lautet die Botschaft des Paulus, hat Gott sein Gesicht gezeigt durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn auferweckt hat von den Toten. Der unbekannte Gott hat seine Unbekanntheit selbst aufgehoben. Er hat in Jesus von Nazareth sein Gesicht gezeigt. Weil unsere Ahnungen nicht weit hinaufreichen, deshalb ist Gott ganz unten in unserer Welt angekommen. Deshalb hat er sich mit dem Menschen Jesus von Nazareth identifiziert, um in ihm bei und unter uns zu sein, damit wir umgekehrt durch diesen Menschen ganz zu Gott kommen und ganz bei ihm sein können.

Die Auferweckung des drei Tage im Grab liegenden Jesus von Nazareth versteht Paulus in seiner Rede nicht als Happy end einer beeindruckenden und traurigen Geschichte, sondern als deren Inkraftsetzung. Was Jesus durch Wort und Tat von Gott verkündet hat endet nicht im Nichts des Todes. Davon darf nicht gesagt werden: Es war einmal. Durch die Auferweckung Jesu bekennt sich Gott zu den Worten und zur Geschichte Jesu Christi und setzt sie für alle Ewigkeit in Kraft. In diesem Jesus von Nazareth darf erkannt werden, was wir von Gott wissen können, was wir tun sollen und was wir für unsere persönliche Zukunft und die Zukunft der Welt erhoffen dürfen.

Da hatten natürlich etliche ihren Spott und haben ihn heute noch. Wir wollen dich davon ein andermal hören. Es gibt eine intellektuelle Achtung vor der Religion, die ganz zufrieden ist mit der Unbekanntheit Gottes und gerne möchte, dass sich daran möglichst wenig ändert und die menschliche Vernunft sich weiter selber feiern kann. Auch in kulturprotestantischen Kreisen.

Deshalb mögen die Spötter bedenken, wie weit sie dem unbekannten Gott eigentlich entgegengekommen wollen, und ob sie von dem unbekannten Gott, dem sie gern Altäre bauen nicht besser schweigen müssten. Ob die Gebete und die Opfer und die Fragen, die zu jenem Altar gebracht werden, denn Antwort finden sollen. Und dann mögen wir das alles abwägen gegen das Wagnis des Glaubens. Gegen das Wagnis des Vertrauens in die Botschaft von Jesus Christus, in dem Gott uns ganz nahe kommt und uns sein Gesicht zeigt. Denn dann, und nur dann, wird Gott uns nicht ohne ein Zeichen seiner Nähe lassen.

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