Leben im Widerschein

Liebe Gemeinde,

es gibt so Momente, da möchte man sich am liebsten unter der Kirchenbank verkriechen. Letzten Sonntag war ich in einem Konfirmationsgottesdienst auf dem Land. Und der Pfarrer gab doch allen Ernstes einer Konfirmandin den Spruch: Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn (Philipper 1/21). Und das war dann auch das Motto seiner Predigt: Die ewige Herrlichkeit und wie man am besten dorthin kommt, indem man glaubt und bestimmte Dinge tut oder auch nicht. Und er entließ die Konfirmandenschar mit der bangen Frage im Herzen: Gibt es auch ein Leben vor dem Tod?

Da war sie, die kleine, bedeutungslose, überflüssige Kirche, die sich freiwillig an den Pranger der Religionskritik stellt, den es ja immerhin schon 150 Jahre gibt und sich abwatschen lässt von Ludwig Feuerbach und Karl Marx: Religion ist Opium fürs Volk, Betäubung der Sinne für die Realität, Vertröstung aufs Jenseits, damit die Leute hier in diesem Leben duldsam den Mund halten und machen, was man ihnen sagt. Die Kirche als Versammlung von Menschen, die schon nach dem Leben nach dem Tod schielen, statt dem Hungernden ein Stück Brot zu geben. Aus, vorbei, erledigt ist eine solche Kirche und mit ihr auch unser heutiger Predigttext: zeitliches Leiden, ewige Herrlichkeit. Der Gebildete unter den Verächtern der Religion lächelt wissend und verlässt die Kirche auf Nimmerwiedersehen …

… um sich weiterhin aufs Diesseits vertrösten zu lassen. Er wird nach Hause gehen und auf die Fernbedienung drücken und sich Werbung mit kurzen Filmunterbrechungen ansehen. Dort sieht er dann optisch bereinigte junge, erfolgreiche und gesunde Menschen und es wird ihm gepredigt, wie er selber so ein herrlicher Mensch wird, indem er der Werbung glaubt und sich etwas kauft, oder etwas zu sich nimmt und bestimmte Dinge vermeidet. Und wenn er das dann getan hat, schaltet er seinen Computer ein und entschwebt in virtuelle Welten, die von virtuellen Wesen bevölkert sind, die immer gleich aussehen und nie alt werden und den Gebildeten unter den Verächtern der Religion vergessen lassen, dass sein Hals schon faltig geworden ist seit 1968 und er nicht ewig lebt und in Eritrea die Menschen immer noch verhungern. Also nein, denkt er sich, dass es so was in der Kirche heute noch gibt und schaut herab auf das blöde Kirchenvolk im Sonnenschein seiner Modernität und Aufgeklärtheit und macht brav, was sein Computer ihm sagt.

Es ist schon wie mit des Kaisers neuen Kleidern. Freilich, anders als für die Vertröstung auf das Jenseits, ist für die Vertröstung auf das Diesseits, für all diese modernen sekundären Welten und ihren falschen Versprechungen, der Pranger noch nicht gebaut. Wir alle huldigen mehr oder weniger dem elektronischen Schaugewerbe, dass uns die Welt in nie da gewesenem Illusionismus vorführt. Wir werden abgerichtet auf die modernen Frequenzen. "Was einmal die dumpfe Masse war, ist heute die dumpfe aufgeklärte Masse", so der Schriftsteller Botho Strauss lapidar. (Botho Strauß, Der Aufstand gegen die sekundäre Welt, Hanser 1999, S.68) Der geistige Fortschritt des modernen Menschen erweist sich bei näherer Betrachtung als Propaganda oder als Glaubensbekenntnis.

Und vielleicht müssen wir erst maßlos Enttäuschte werden, die merken, dass das Diesseits mit seinen Versprechungen einfach nicht halten kann, was man ihm an nach Verabschiedung des Jenseitsglaubens an Heilserwartungen aufgelastet hat. Vielleicht fragen wir dann einfach wieder nach unserem wirklichen Leben und Sterben, nach dem wirklichen Menschen. Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Vielleicht bekommen wir dann wieder Lust auf den Geruch der Erde, der wir alle entgegenfallen seit unserer Geburt.

Sehr realistisch beschreibt Paulus diesen äußeren Menschen, der wir alle sind. Und doch wird der innere von Tag zu Tag erneuert. Wie das geht? Stellt Euch vor, wie der Mensch, den ihr liebt lächelt und euch lächeln macht. Erinnert euch, wie jemand einen Witz erzählt und euch lachen macht. Ihr wisst wie das ist, wenn ihr einen Satz hört oder lest, der euch froh macht. Heute, wo mehr als zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, ist der auferstandene Christus in unserer Mitte und sagt: Fürchte dich nicht! Wir leben im Widerschein – bis zuletzt. Und der innere Mensch, wie Paulus ihn nennt, das sind wir im Widerschein des auferstandenen Christus.

Nicht das Leiden, nicht das Glauben und Tun, nicht die erschrecklichste oder erwecklichste Jenseitspredigt schafft die über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit. Die schafft Gott selbst und er allein ist es, der unsere Trübsal zum Verblassen bringt. Und drum möchte ich nach meinem Tod auf keinen Fall schauen, was ich geglaubt habe und verbitte mir derartigen Blödsinn auf der Traueranzeige. Ich möchte dort schauen, was Gott verheißen hat und hier, was er geschaffen hat. Beides ist unendlich viel größer, als mein Verstand und mein Glaube fassen kann. Das nicht selbstverständlich zu wissen ist Größenwahn, und der ist leider beim frommen Bescheidwisser und beim modernen Wissenschaftler in gleicher Weise verbreitet.

Der Glaube vertröstet sich nirgendwohin, nicht ins Jenseits und nicht ins Diesseits. Er darf dort wo er ist, ganz da sein. Getröstet da sein im Widerschein des Christus. Er darf aufhören sich etwas zu versprechen, weil ihm von Gott alles versprochen ist. Wer der Sonne entgegengeht, hat seinen Schatten immer hinter sich.

Darum werden wir nicht müde, liebe Gemeinde. Müde wird, wer im Widerschein des Leids und des Todes lebt. Dem Tod entgehst du nicht und das Leid ist unendlich! So wird die Welt bevölkert mit finsteren Menschen, mit hilflosen Helfern, mit müdem Bewusstsein, ja mit Hass auf sich selbst, auf andere, auf das Leben. Was der Widerschein des Christus vermag habe ich einmal erlebt am Bett einer Sterbenden, die mich getröstet hat. Ich habe ihren Tod betrachtet und sie war dem Christus zugewandt. Und von dort war ihr innerer Mensch ganz neu, so kam es mir vor, während ihr äußerer dahinfiel. Und das war eine bessere Predigt über die Worte des Paulus, als sie mit Worten gehalten werden kann. Im Widerschein des Christus ist Leben – hier und dort.

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