Gottes nächste Menschen

Liebe Gemeinde.

"Eine junge Frau erhob die Stimme und sagte: Nietzsche erklärte: Gott ist tot. Sie verkünden das Ende des Menschen. Ist das nicht Inhumanismus?

Ich meine nur, so gab ich zur Antwort, es wäre vielleicht besser gewesen, nicht Gott zuerst zu stürzen, feig wie wir sind, sondern den Menschen zuerst. Kein Individuum würde um den Tod der Menschheit trauern. Kein Einzelner empfindet etwas für das Schicksal seiner Rasse. Es ist banal und unbegreiflich, das Ende von allem. Das tolle Gebarme um den Untergang (der Menschheit) stammt von Menschen, die nicht trauern können. Es gibt nur den Tod des nächsten Menschen. Dein eigener Tod zählt nicht und der aller anderen auch nicht." (Botho Strauß, Fragmente der Undeutlichkeit, Hanser, S. 29)

So, liebe Gemeinde, lässt ein zeitgenössischer Dichter seine Figuren sprechen. Sagen sie nicht die Wahrheit? Wie berührt uns der Tod des Jesus von Nazareth, seine ungerechten Umstände eingeschlossen? Wie berührt uns der Tod von Menschen in Nordirland oder Algerien, Frauen und Kinder eingeschlossen? Wie berührt uns der Tod eines entfernten Verwandten oder Bekannten? Alles in allem: Gar nicht!

Nirgendwo hält der überzeugte Humanist, seinen Humanismus krampfhafter vors Gesicht, nirgendwo tut sich die innere Leere offensichtlicher auf, als an Gräbern von Menschen, die einem nichts bedeuten. In aufrichtiger Anteilnahme! Wo schon das Wort "aufrichtig" kaschieren muss, dass man zu solcher Anteilnahme gemeinhin nicht fähig und auch nicht willens ist. Oder wer wollte an der Trauer, an dem Leid oder an dem Tod eines anderen wirklich Anteil nehmen, d.h. seinen Anteil davon abbekommen? In bedauerlicher und selbstverständlicher Gleichgültigkeit. Ehrlicherweise.

Ehrlicherweise findet sich ja auch unter dem Kreuz Christi keine andere Wahrheit über uns Menschen. Unter dem Kreuz wird gewürfelt. Da versuchen welche ihr Glück, während über ihnen qualvoll gestorben wird. Und das Volk stand uns sah zu.

Auf der Autobahn kommt es nach Unfällen zu Staus in der Gegenrichtung. Gaffen und Glotzen kostet sei neustem 50.000 Mark Strafe. Was hilft’s? Die Fernsehteams sind schon vor Ort und am Abend kommt es im Fernsehen. 8000 Menschen sterben jährlich auf unseren Straßen, aber richtig Mitleid hat der deutsche Automobilist erst beim Gedanken an einen Benzinpreis von 5 Mark, und dann mit sich selbst. Angesichts drängender Probleme wird auch dieses Wahljahr zwei Dinge wieder besonders ans Licht bringen: Billiges Selbstmitleid, dessen andere Seite die totale Mitleidlosigkeit mit dem anderen Menschen und der bedrohten Schöpfung ist.

Und es ist in die falsche Richtung gedacht, wenn Intellektuelle sagen, man müssen in einer Zeit der allgemeinen Gleichgültigkeit, wenigstens die Kräfte des Selbstmitleids mobilisieren. Noch mehr Mitleid mit uns und noch weniger mit anderen.

Wie der eine der neben Jesus am Kreuz hängt. Der sich noch einmal selbstmitleidig aufbläst in Spott und Hohn, in Herabsetzung und Demütigung dessen, der in der gleichen Situation ist. Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Fürchtest du dich nicht wenigstens vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten wert sind; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

So verdichtet sich links und rechts vom Kreuz Jesu das Gespräch der ganzen Menschheit über sich selbst. Wo sich auf der einen Seite das Selbstmitleid austobt, fängt auf der anderen Selbsterkenntnis an. Dort, wo aus Selbstmitleid, Selbsterkenntnis wird, könnte aufrichtige Anteilnahme anfangen. Fängt sie an? Kein Einzelner empfindet etwas für das Schicksal der Menschheit.

Und deshalb lautet die Botschaft des Karfreitag: Gott fängt sie an. Gott fängt sie an, liebe Gemeinde. Der Christus empfindet etwas für das Schicksal der Menschheit. Er hat Tränen der Trauer für sein gefallenes Jerusalem . Dein eigener Tod zählt und der aller anderen auch.

Auf dem Hügel von Golgatha, wo die Wahrheit über uns Menschen so bloß liegt, richtet Gott seine Wahrheit über sich auf. Ein Kreuz. Aufgerichtete, aufrichtige Anteilnahme.

Seht den Gekreuzigten. Während er seinen letzten Weg geht, den wir vielleicht zurecht für den einsamsten halten, wendet er sich zu, nicht nur dem Mann am Kreuz nebenan. Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Seid ihr schon einmal über diesen Satz gestolpert. Leicht geht er nur ein, wenn aus ihm die mitleidige Duldsamkeit spricht, die man mit Idioten hat. Lass ihn, er weiß ja nicht, was er tut. Aber kann man solchen vergeben? Setzt Vergebung nicht ein Mindestmaß an Einsichtsfähigkeit voraus?

Hört welch ein Wort! Vater vergib ihnen, obwohl sie noch nicht und vielleicht nie wissen, ermessen, begreifen, ergründen, was sie tun. Nie wirklich der ganzen schrecklichen Wahrheit über sich selbst ins Auge sehen.

In diesem Satz kommt Gottes voranlaufende Barmherzigkeit zu uns. In diesem Wort deutet sich das Leiden und Sterben Jesu als Gottes aufrichtige Anteilnahme, als Übernahme aller Anteile unserer menschlichen Schuld- und Todesgeschichte. Im Sterben des Christus bekommt Gott Anteil an unserem Leiden und Sterben. Dabei verhüllt das Kreuz noch gnädig die ganze Einsicht in die zeitliche und räumliche Allgegenwart unserer Verlorenheit. Es stirbt der Christus an ihr, bevor sie uns tötet.

Der Gekreuzigte breitet seine Arme aus, bis all unsere böse Wahrheit in Gottes guter Wahrheit untergeht. All unsere bösen Worte in seinen guten. All unsere Schuld in seiner Güte. All unser Hass in seiner Liebe. All unsere Gleichgültigkeit in seiner Leidenschaft. All unsere Grobheit in seiner Zärtlichkeit. All unsere Schwachheit in seiner Kraft. All unsere Finsternis in seinem Licht. All unser Tod in seinem Leben.

Es ist das Paradies nicht weit vom Kreuz auf Golgatha. Es ist das Paradies nicht weit vom Ort, der Gottverlassen scheint. Wenn der Christus die Augen schließt und hineinfällt in die Hand seines himmlischen Vaters, dann hat sich Gottes Herrlichkeit geschlossen um alle Geschichte im Zeichen des Todes. Dann hat sich Gottes Hand geschlossen um das verpfuschte Leben jenes Mörders, um seine Schuld und seinen wohlverdienten Tod. Dann hat sich Gottes Hand geschlossen um dein und mein Leben und um deinen und meinen Tod.

Der ewige Gott nimmt seine verlorene Schöpfung, seine verlorenen Kinder in seinen Schoß. Aus dieser Geborgenheit dürfen wir leben. Die lässt uns standhalten, standhalten auch der Wahrheit des Dichters. Dein eigener Tod zählt nicht und der aller anderen auch nicht. Es gibt nur den Tod des nächsten Menschen.

Aber unter dem Kreuz Jesu dürfen wir sagen: Wir sind Gottes nächste Menschen. Wir zählen. Keinem von uns ist Gott fern.

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