Gott richtet her!

Liebe Gemeinde!

Ein ganz erstaunliches Lied des Volkes Israels aus finsterer Zeit. Aus der Zeit des Exils, die die Israeliten als Zeit des Zornes Gottes, als Zeit des Gerichts begriffen haben. Da waren sie ausgerissen mit all ihren Wurzeln und mussten in der Fremde leben. Da war ihr gewohnter Lebenszusammenhang gänzlich unterbrochen. Und die Zukunft, ja hatten sie überhaupt noch eine?

Ich denke jedem von uns fallen Erfahrungen ein, die zu der Situation des Volkes Israel passen. Situationen, in denen wir ausgerissen werden und vertrieben werden aus gewohnten Lebensumständen. Aus einer geliebten Wohnung, von einem scheinbar so sicheren Arbeitsplatz. Jetzt 50 Jahre nach Kriegsende sehen wir im Fernsehen wieder die Bilder von Menschen, die ihre Heimat für immer verlassen mussten und mit einem Leiterwagen voll Habseligkeiten unterwegs waren in eine ungewisse Zukunft. Ja, hatten sie und mit ihnen das ganze Deutschland überhaupt noch eine Zukunft? Am 8. Mai 1945 war der gewohnte Lebenszusammenhang eines ganzen Volkes unterbrochen. Und wir heutigen sagen zurecht und hoffentlich alle: Gott sei Dank.

Sprechen wirst du an diesem Tag: Ich danke dir Gott, dass du gezürnt hast. So liebe Gemeinde, kann nicht jeder sprechen. Auch in diesen Tagen nicht. Da wird nach wie vor versucht, das eine Unrecht, das eine Verbrechen, das Leid der einen gegen das Leid der anderen aufzurechnen. Was für ein trostloser Versuch für die einen, wie für die anderen.

Das Volk Israel hat sich angesichts der leidvollen Unterbrechung seiner Geschichte damals mit solchen Versuchen nicht aufgehalten. Es hat seine Geschichte im babylonischen Exil als Gericht Gottes begriffen. Und das gibt uns heute Grund, über unsere eigene Geschichte nachzudenken. Es gibt uns Grund, darüber nachzudenken, wie wir mit leidvollen Unterbrechungen unserer gemeinsamen und unserer persönlichen Geschichte umgehen.

Was tun wir, wenn eine Krankheit uns aus unserem gewohnten Leben reißt, wenn unsere Familie zerbricht und alle Versuche der Rettung ins Leere gehen. Wenn es aus welchen Gründen auch immer nicht mehr so weitergehen kann?

Wir versuchen zu retten, was zu retten ist. Wir versuchen vor Gott und den Menschen wenigstens das Gesicht zu wahren, will sagen, die Fassade in Ordnung zu halten. Wir tun das, indem wir – wie im Großen, so im Kleinen – Schuld zuweisen und Schuld aufrechnen. Und so halten wir durch und niemand weiß um die Angst und die Hoffnungslosigkeit, die wir hinter einem Lächeln verbergen.

Und wir kommen gar nicht auf die Idee, dass hinter solchem Zerbrechen auch Gottes Hand stehen könnte; Gottes Gericht, das sicher auch das tut: Herausreißen, zerschlagen, unterbrechen. Aber das ist nicht das Ziel des Gerichtshandelns Gottes. Gott unterbricht und zerschlägt, um zurechtzurichten und herzurichten. Gott richtet das Schlechte um Platz zu machen für das Bessere. Gott unterbricht Lebenszusammenhänge, die uns und andere kaputtmachen, ja oft genug seelisch und körperlich krank machen, um uns dem Leben wieder zu schenken. Ja es gibt sogar Menschen, die eine tödliche Krankheit aus ihrem Alltag reißt, und die auf ihrem Sterbebett bekennen, dass eben diese Krankheit ihnen ihre letzte Zeit als erfüllte Lebenszeit geschenkt hat. Menschen, die Gott danken für diese Zeit, in der sie gelebt, gesehen, gefühlt haben, wie noch nie.

Ich danke dir Gott, dass du mir gezürnt hast: Dein Zorn kehrt um und du tröstest mich. Da: Der Gott meiner Freiheit. Dichter und kürzer kann man die Einsicht nicht formulieren, dass der richtende niemand anders als der liebende Gott ist. Sein Gerichtshandeln ist nicht Widerspruch, sondern Teil seines liebevollen Handelns mit uns. Dieses Handeln kennt nur ein Ziel, denn Gott hat nicht Lust am Tode des Sünders, sondern dass der Sünder sich bekehre und lebe. Durch finstere Zeiten führt er ins Licht. Dorthin wo wir mit den Worten des Propheten mit Wonne Wasser schöpfen aus den Quellen der Freiheit.

Aber bis dahin ist’s noch ein weiter Weg. Das Loblied auf Gott erklingt mitten in finsterer Zeit. Es ist ein Loblied auf eine Zukunft, die noch gar nicht angefangen hat und für die es noch nicht die geringsten Anzeichen gibt. Die einzige Brücke, die es von hier nach dort gibt ist Gott selbst. Oder sagen wir es mit den Worten des Evangeliums: Die einzige Brücke, die aus leidvoller, schuldbeladener, vom Zorn Gottes überschatteter Zeit in ein neues Leben führt, wird von den Arme des gekreuzigten Christus gespannt. Dort, wo unter dem Zorn Gottes alles menschliche Leben an seine Endstation gelangt scheint, geht es ins Leben.

Und deshalb entfaltet die Kantate, der Christushymnus, das Gotteslob gerade in dunkler Zeit seine Kraft, weil es den besingt und herbeisingt, der allein Zukunft eröffnen, Schuld bewältigen, und neues Leben ermöglichen kann. Nach Martin Luther hat bekanntlich Choralsingen die Macht, alle Hoffnungslosigkeit, ja selbst den Teufel in die Flucht zu schlagen. Tobe Welt und springe, ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in Acht. Erd und Abgrund muss verstummen. Ob sie noch so brummen. So heißt es im Choral: Jesu meine Freude (EG 396,3). Und wer mag da nicht irgendwann einstimmen, bei so viel Geborgenheit im schlimmsten Unwetter und Weltuntergang, und wer spürt nicht, wie die Mutlosigkeit zumindest kleiner wird und der Gedanke aufkeimt, dass Gott mich schon zu bewahren weiß, auch wenn ich nicht weiß, wie.

Nicht wissen wie, keine Zukunft sehen, hilflos sein, das war nach dem Krieg vor 50 Jahren die Grundbefindlichkeit vieler Menschen. Und sie ist es in diesen Tagen wieder bei der Aufgabe, sich zu erinnern an die Schuld und Mitschuld an der Ermordung von 6 Millionen Juden. Sich zu erinnern an die Schuld an einem Krieg, der insgesamt 60 Millionen Tote forderte.

Nein, liebe Gemeinde, Schuld zuweisen und Schuld aufrechnen hilft niemanden. Sich auf die Unschuld der Nachgeborenen zu berufen, macht diese Vergangenheit nicht ungeschehen. Sie war nicht die Geschichte der Nachkriegsgeborenen, aber ihre Vorgeschichte. Auch das Volk Israel hat das babylonische Exil nicht vergessen und verdrängt, sondern hat über Jahrhunderte und darüber hinaus die Erinnerung daran gesichert.

Nicht durch die Erinnerung an die Zahlen der Opfer und die Schwere ihres Leids. Nicht durch die Reflexion der politischen Umstände und der Schuld anderer. Das Volk Israel hat, obwohl Opfer dieses Exils, über seine eigene Schuld nachgedacht und seine Geschichte als Geschichte des Zornes Gottes begriffen.

Und genau das ist es, was uns in diesen Tagen des Erinnerns an den 2. Weltkrieg gut ansteht: Dass wir über unsere Schuld nachdenken und nicht über die anderer. Und dass wir in dieser Erinnerung nach Gott fragen. Nach dem Gott der zerschlägt und zerbricht um herzurichten und zurechtzurichten. Wir danken, dir Gott, dass du gezürnt hast , dein Zorn kehrt um und du tröstest uns.

Nur wer so reden kann, liebe Gemeinde, kann sich auch seiner dunklen Geschichte erinnern, ohne sie leugnen, umdeuten und vergessen zu müssen. Er weiß sie im Gericht Gottes aufgehoben und in seiner Gnade geborgen.

Und nur der wird auch fähig, anderen zu verzeihen und zu vergeben. Denn er kann auch die Schuld des anderen dem Gericht Gottes anheim stellen und muss nicht seinerseits den anderen mit seiner Schuld identifizieren und behaften, um sich selbst zu entlasten.

Das gilt im Großen, wie im Kleinen. Und wenn wir dann selbst herausgerissen sind aus unserem gewohnten Leben; wenn es nicht mehr weitergeht wie bisher, dann lasst uns unsere Schuld daran betrachten und von unserer Schuld reden und nicht von der anderer. Dann lasst uns nach unserer ganz persönlichen Geschichte mit Gott fragen und nach den Punkten wo Gott uns zurechtrichten und herrichten will, um uns dem Leben wieder zu schenken durch seine Gnade. Ja, die ist mächtig, wie sein Gericht, denn beide fließen aus der einen Quelle seiner Liebe. Und deshalb bleibt es auch unter uns ein sinnloses Unterfangen, wenn wir einander auf unsere Schuld festlegen und behaften wollen, nur um selbst ein bisschen besser dazustehen. Das bringt nichts und das hat keine Zukunft. Die Zukunft gehört dem Gott, der uns alle dorthin führen will, wo wir mit Wonne Wasser schöpfen aus den Quellen der Freiheit.

Dorthin kann es manchmal ein weiter Weg sein, und es kann gut sein, dass wir keinen blasen Schimmer haben, wie wir je dorthin kommen sollen. Aber Gott weiß es.

Und deshalb ist es angebracht , schon jetzt ein Lied darauf zu singen. Bis im Herzen schon zu leuchten beginnt, was im Text und in den Tönen strahlt. Da, der Gott unserer Freiheit. Darüber freut euch liebe Christen g´mein.

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