Glauben ist keine Weltanschauung

Liebe Gemeinde.

Vom Sehen, vom Leben und vom Dienen haben wir heute mit den Worten Jesu zu denken und zu reden. Und wenn möglich auf erfreuliche Weise, denn das Motto des heutigen Sonntags lautet Lätare: Freut euch!

Nun ist die Hälfte der Passionszeit vorbei, die Hälfte des Fastens vollbracht. Und die restlichen drei Wochen "ohne" kriegen wir auch noch hin. Drei Wochen bis Ostern. Dann darf wieder gefeiert werden.

Für den Evangelisten Johannes fängt freilich die Freude schon auf dem Weg zum Kreuz an. Wir befinden uns erst im 12. von 21 Kapiteln dieses Evangeliums und schon ist Jesus in Jerusalem eingezogen. Schon beginnt sein Weg zum Kreuz. Und Jesus tut den ersten Schritt dorthin mit den feierlichen Worten: Die Zeit ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht werde.

Als seien die kommenden Ereignisse erfreuliche Ereignisse! Einschließlich des Leidens und Sterbens. Johannes schreibt darüber, wie über ein Happy end. Jesus wird erhöht ans Kreuz. Dort sehen wir mit allen Glaubenden Menschen guten Willens seine Herrlichkeit.

Wie die Menschen am Straßenrand des Kaisers neue Kleider. Bis ein kleines Kind sagt: Aber er hat ja gar nichts an. Verhält es sich nicht so mit der Herrlichkeit des Gekreuzigten? Beim besten Willen! Da hängt ein zerschlagener und gescheiterter Mensch ohne Zukunft. Und auch beim längeren Hinsehen wird aus ihm kein anderer.

Ob es den Griechen in unserem Predigttext anders ging. Sie wollen Jesus sehen. Richtig sehen, sich ein Bild machen, begreifen, verstehen, vielleicht sogar an ihn glauben. Sie haben Zeit mitgebracht und ein offenes Herz und jede Menge guten Willen.

Was ist schon leichter als Sehen. Es passiert einfach. Die Welt bildet sich ab. Und drum halten wir Sehen auch für den glaubhaftesten unserer Sinne. Schließlich haben wir es mit unseren eigenen Augen gesehen. Und das glauben wir und meistens nur das.

Ja, wenn wir ihn sehen könnten, diesen Jesus und vielleicht nur einen Zipfel seiner Herrlichkeit … Der Wunsch dieser Griechen hat unsere Sympathie. Aber was passiert ihnen, diesen Zeitgenossen von Jesus. Sie müssen erst einmal von Pontius zu Pilatus, von Andreas zu Philippus. Und als ihr Anliegen dann endlich vor Jesus kommt, sind sie aus der Geschichte verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Oder anders: Als diese Griechen mit ihrem Anliegen Jesus zu sehen zu ihm vordringen, werden sie unsichtbar. Dann füllt er den Horizont, dann ist nur er zu sehen. Nur so ist Jesus zu sehen.

Wenn wir Jesus sehen wollen, liebe Gemeinde, führt kein Weg an seinen Jüngern vorbei. Es gibt keinen direkten Zugang zu Jesus an diesen Menschen, an ihren Erfahrungen, an ihrem Glaubenszeugnis, das sie in der Bibel niedergeschrieben haben, vorbei. Jesus selbst will es so und dieser Wille ist Ausdruck der MENSCHWERDUNG Gottes.

Wer ihm dann freilich so begegnet, der muss sich gefallen lassen, dass sein Anblick das ganze Auge, das ganze Herz, die ganze Welt ausfüllen will. Es ist deshalb verlorene Mühe ihn einzubinden in unser Weltbild, in unsere Lebensweisheiten, in unsere Moral. Ein "Jesus auch", ein "Jesus und" bleibt eine kaum greifbare Figur der Weltgeschichte an der unsere guten Absichten, unser Humanismus, unsere Träume von einer besseren Welt kleben, wie die Fliegen am Leim und genauso hilflos. Die alten Griechen, der Geist, die Geschichte wird unsichtbar, verschwindet, wenn der Christus in den Blick kommt. Das ist sein Wille und dieser Wille ist Ausdruck, dass uns in diesem Menschen Jesus von Nazareth GOTT begegnet.

Wo Gott sichtbar wird, werden wir unsichtbar. Wird unser Anblick, unser Leben, unsere Geschichte aufgehoben in seine. Nein, weg sind wir nicht, aber wir werden etwas anderes. Unser Sehen wird etwas anderes. Unser Leben wird etwas anderes. Etwas Gutes, etwas erfreuliches, liebe Gemeinde.

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Mit diesem Gleichnis redet Jesus vom Leben, wie Gott es will und versteht. Aber wer von uns will schon in die Erde fallen und sterben zum Wohl zukünftiger Frucht?

Wir kriegen noch nicht einmal die Sicherung der Renten der zukünftigen Generation auf die Reihe. Wir verbrauchen immer schneller die Lebenskraft unseres Planeten. Wir sind wie wohlhabende Kinder, von denen jedes laut schreit, wenn ihm die einen oder anderen Spielsachen weggenommen werden sollen und wenn es im Blick auf die Zukunft noch so vernünftig wäre. Und wir haben ja Eltern und Autoritäten, die sagen, Na dann eben nicht, dann machen wir halt so weiter.

Von oben betrachtet sehen auch Kastorbehälter wie Spielsachen aus. Sie wurden letzte Woche in ihr Zwischenlager gefahren. Sie strahlen 50.000 Jahre. Aber Frau Merkel schaut bestimmt alle tausend Jahre mal nach, ob noch alles in Ordnung ist. Und die Kraftwerksbetreiber haben die Stellplätze schließlich gemietet. Ob sie im Voraus bezahlt haben?

Ob wir einmal etwas in die Erde bringen, dass so lange Heil bringt und Frucht? Ja, das wäre herrlich. Da wäre schon heute Freude und Mut und Gemeinschaft unter uns und wenn es auch Opfer kosten würde. Und wenn es nur für 100 Jahre wäre.

Aber dazu müssten wir wieder mit dem Leben verständigt sein. Dazu müssten wir wieder mit dem Christus verständigt sein. Dazu müssten wir bereit sein loszulassen, das gewohnte Leben, die vermeintlichen Sicherheiten, die eingefahrenen Geleise.

Andererseits, liebe Gemeinde, wir bleiben ja eh nicht. Auch das Weizenkorn, dass nicht in die Erde fällt, zerfällt. Es bleibt allein, sinnlos, vergessen. Es vergammelt.

Auch deshalb geht der Christus für uns den Weg des Leidens und Sterbens. Und wer dem Christus nachfolgt, wird am Leiden und Sterben nicht vorbeikommen. Denn wo ich bin, sagt Jesus, da soll mein Diener auch sein.

Aber darauf liegt eine große Verheißung. Wer in die Leidens- und Sterbensgeschichte des Christus eingebunden ist, vergammelt nicht. Er ist und er bleibt nicht allein. Er mag unsichtbar werden, aus der Erinnerung der Nachwelt oder schon seiner Zeitgenossen verschwinden. Aus Gottes Herzen verschwindet er nicht. Aus Gottes Leben verschwindet er nicht. Ihm scheint das Licht des Ostermorgens und der zukünftigen Welt.

Deshalb versucht der Evangelist Johannes uns die Herrlichkeit Gottes schon am leidenden und sterbenden Christus zu zeigen, weil er weiß, dass aus dem gescheiterten und zerschlagenen Menschen am Kreuz ein anderer wird. Einer, der nicht im neuen Kleid daherkommt, sondern aufersteht in die Fülle der Freude und Herrlichkeit Gottes.

Dort möchte der Christus uns auch haben. Die Miete ist im Voraus bezahlt. Und schließlich werden auch wir es mit unseren eigenen Augen sehen und glauben und uns freuen.

Liebe Gemeinde, warum nicht schon jetzt?

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