Du bist ein Kind Gottes!

Teile der Predigt sind entnommen aus: e-pistel – die neue Form der Predigtvorbereitung!
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Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger … des neuen Himmels und der neuen Erde,

2006 wird viel von uns erwartet. Das kann man schon seit ein paar Wochen in den Zeitungen nachlesen. Und auch unsere Bundeskanzlerin hat in ihrer Neujahrsansprache dezent darauf hingewiesen: Neue Ideen braucht das Land, in zehn Jahren soll es wieder an der Spitze Europas stehen. Die Regierung hat sich an die Arbeit gemacht, jetzt sind – bitteschön – wir dran.

Schließlich schaut die ganze Welt auf Deutschland, und das nicht nur, weil die Fußballweltmeisterschaft vor der Tür steht und unsere Jungs ganz oben auf dem Treppchen stehen sollen. Wir sollen herausfinden, was in uns steckt und noch ein wenig mehr als bisher vollbringen. Will heißen: strengt euch mal an, damit wir den Karren Deutschland aus dem Dreck ziehen können. Also: Reiß dich zusammen, nimm den Fuß von der Bremse und gib Gas, damit wir endlich wieder auf der Überholspur des Wirtschaftswachstums landen.

Leistung ist also gefragt, liebe Mitgläubige, und zwar in allen Bereichen unseres Lebens: in der Familie und im Beruf, in der Forschung und Ausbildung, im Sportverein und in der Schule, bei der Arbeit und während unserer Freizeit. Ganz oben auf dem Treppchen stehen, ganz egal bei welcher Tätigkeit, das ist das anvisierte Ziel. Und wenn es am Ende nicht reichen sollte und wir Ende des Jahres nicht besser geworden sind, – wenn wir also immer noch arbeitslos sind, in Mathe immer noch keine Zweier nach Hause bringen, bei der Weltmeisterschaft schon in der Vorrunde rausgeflogen sind, keinen Nobelpreis gewonnen haben und immer noch bei einem Prozent Wirtschaftswachstum herumkrebsen, – dann, ja dann haben wir uns halt nicht genug Mühe gegeben.

Deutschland, Europa, die ganze verglobalisierte Welt ist und bleibt leistungsorientiert – heute mehr denn je. Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich, das zählt nicht mehr. Vielmehr bist du, was du leistest: du bist der Laden, der laufen soll, du bist die Hand, die anpackt und sich schmutzig macht, du bist Ludwig Erhard, du bist Albert Einstein, du bist Michael Schuhmacher, du bist August Thyssen, ja, ob du es glaubst oder nicht, du bist sogar Beate Uhse, du bist der Leistungsträger, du bist das Wirtschaftswachstum, du bist Deutschland, ja du bist das Wunder von Deutschland! Also: "Frage dich nicht, was die anderen für dich tun", sondern "bring die beste Leistung, zu der du fähig bist und wenn du damit fertig bist, übertriff dich selbst!"

Dieser Spot, der seit geraumer Zeit über unsere Mattscheiben flimmert, mag gut gemeint sein. Aber er ist eine schallende Ohrfeige für all jene, die unserer Hochleistungsgesellschaft nicht gerecht werden können, an ihr leiden und daran zugrunde gehen. Denn er vermittelt – zwar schön verpackt und mit eingängiger Musik unterlegt – das Gefühl, dass nur der etwas ist, der etwas zum – wirtschaftlichen – Wohle des Vaterlandes beitragen kann. Die Gefahr dabei ist, dass man sehr leicht auch den Umkehrschluss ziehen kann: Wer nichts leistet, der ist eben nicht Deutschland. Da wundert es einen auch nicht, wenn der Slogan „Du bist Deutschland“ – schon die Nationalsozialisten im Dritten Reich für ihre Propaganda missbraucht haben. Sollte uns das nicht zu denken geben?

Was ich persönlich für ebenso bedenklich halte ist, dass diese Kampagne uns eine Gemeinschaft vorgaukelt, die es in der Wirklichkeit so nicht gibt. Marcel Reich-Ranitzki, Günther Jauch und Oliver Kahn auf der einen Seite und die namenlose Klofrau, die namenlose kinderreiche Familie im Sozialplattenbau und der namenlose obdachlose Zeitungsverkäufer auf der anderen reden hier einträchtig nebeneinander. Aber reden die im wirklichen Leben auch einmal miteinander? Leben sie nicht in völlig verschiedenen Welten?

Nun wäre es dumm zu glauben, man könnte soziale Unterschiede einfach aus der Welt schaffen. Aber bietet die Ausrichtung auf wirtschaftlichen Erfolg wirklich eine Grundlage, um eine Gemeinschaft zu bilden, in der diese Unterschiede keine Rolle mehr spielen? Werden nicht da, wo Wirtschaftswachstum zum Ziel ausgerufen wird, Hilfebedürftige, diejenigen also, die darauf angewiesen sind, dass andere etwas für sie tun, nicht schnell zu unliebsamen Wachstumsbremsern abgestempelt, die man so schnell wie möglich aus der Mannschaft nimmt?

Ich finde, es ist notwendig, einer solchen Lebenseinstellung und einem solchen Menschenbild entgegenzutreten und eine Alternative zu schaffen, Raum zu bieten für eine Gemeinschaft, die eine andere Basis besitzt als das Leistungsprinzip. Wir brauchen Zeiten und Orte, wo es keinen Unterschied mehr macht, ob ich Bettler oder Millionär, Sozialhilfeempfänger oder Manager bin, Zeiten und Orte also, wo sich die Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen können, unabhängig davon, was sie zu leisten im Stande sind.

[TEXT]

Paulus sieht in der christlichen Gemeinde diesen Ort. Weil hier jeder von sich und seiner Leistungsfähigkeit, seiner gesellschaftlichen Stellung oder Bildung, seiner Herkunft und Gehaltsklasse absehen kann. Weil hier der Botschaft eines Mannes gefolgt wird, der die gültigen Verhältnisse nicht nur in Frage gestellt, sondern geradezu umgekehrt hat! Paulus sagt mit seinen Worten ja nichts anderes, als das, was Jesus ein paar Jahre vor ihm so formuliert hat: Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten. "Was töricht ist vor der Welt … und was schwach ist vor der Welt … und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt"!

Lassen wir das doch einmal in unseren Ohren nachklingen und stellen wir uns einmal die Menschen vor, die in unserer Gesellschaft töricht und schwach sind und für gering erachtet und verachtet werden. Für diese Menschen, die vielleicht schon ihr Bestes gegeben haben und trotzdem gescheitert sind, ist unsere Kirche, sind wir als Kirche da. Ihnen unter uns einen Ort zu geben, an dem sie sich nicht ausgeschlossen fühlen müssen, an dem sie Anteil am Leben haben dürfen, das sollte unser Ziel sein.

Die „Du-bist-Deutschland“-Kampagne wird übrigens begleitet von einer Plakatwerbung, in der uns gesagt wird, wer wir sind oder besser: wer wir zu sein haben. „Du bist Franz Beckenbauer“, „Du bist Alice Schwarzer“, „Du bist Albrecht Dürer“ … Auch da steckt mehr Anspruch als Zuspruch drin. Uns werden Idole, erfolgreiche, ja geniale Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart vorgehalten, denen wir nachfolgen sollen. Ich weiß, dass dahinter die Absicht steckt, uns zu Höchstleistungen zu motivieren. Aber was ist, wenn ich diese Leistung nicht bringe? Bin ich dann einfach „nur“ Andreas Reinhold?

Ich bin deshalb froh darüber, dass wir heute von Paulus Worte hören, die auf einer ganz anderen Wellenlinie liegen. Hier, an diesem Ort, bei diesen Menschen dürfen wir alles, was uns stark und leistungsfähig macht, ruhig einmal beiseite lassen und unsere Schwächen getrost zulassen. Sie sind es, denen sich Gott annimmt. Bei ihm habe ich einen Namen, der so viel wert ist, dass er sogar im Himmel geschrieben steht.

Das tut nicht nur uns ganz persönlich gut, sondern lässt uns – hoffentlich – auch unsere Leistungsgesellschaft mit anderen – kritischeren – Augen sehen und die Menschen entdecken, die nicht auf den Siegertreppchen stehen. Denn sie sind – wir sind mehr, viel mehr als das, was wir zu leisten im Stande sind.

Am Ausgang gibt es darum für jeden und jede eine Visitenkarte. Die kann man ins Portemonnai stecken oder weiterverschenken. Auf der einen Seite sind die Motive der Deutschlandkampagne zu sehen. Auf der anderen der Zuspruch Gottes: Du bist nicht das Wunder von Deutschland. Du bist Gottes wunderbares Geschöpf, geliebtes Kind, gesegnete Tochter, gesegneter Sohn unseres himmlischen Vaters. Nur das zählt.

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