Das Gebet von der Stange, auf der wir alle sitzen

Liebe Gemeinde,

kennen Sie schon den? Ein Missionar wird in Afrika zu seiner neuen Missionsstation geschickt. Zu Fuß macht er sich auf den Weg durch die Steppe. Plötzlich bemerkt er zwei Löwen, die mit weit aufgerissenen Mäulern auf ihn zustürzen. Er schaut sich um. Kein Baum weit und breit. So sinkt er auf die Knie, faltet die Hände zum Gebet und spricht: Lieber Gott, mach, dass diese Löwen fromm werden! Und in der Tat, auf einmal ist es ganz still. Kein Getrampel, kein Brüllen, Knurren und Fauchen. Vorsichtig öffnet der Missionar die Augen einen Spalt weit. Da sitzen die Löwen vor ihm auf ihren Hinterteilen, haben die Vorderpfoten zusammengelegt und die Augen geschlossen und einer fängt an: Komm Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast…

Gebete gehen in Erfüllung, aber manchmal anders als man denkt. Und vielleicht hätte der wackere Missionar sich daran erinnern müssen, dass unser himmlischer Vater weiß, was wir bedürfen, bevor wir ihn bitten. Und lieber die Klappe gehalten.

Unser Predigttext lässt erkennen, dass Jesus auch manchmal dieser Meinung ist. Heiden, die nicht wissen, was sie glauben sollen, haben zu seiner Zeit alle ihnen bekannten Götternamen hintereinander heruntergeleiert. Der richtige wird sich dann schon angesprochen fühlen und helfen. Und auch heute knien viele – besonders im christlichen Abendland – auf Gebetsteppichen, die aus den Flicken aller möglichen Religionen ganz individuell zusammengewebt wurden. Patchworkreligion heißt der Fachausdruck dafür, oft genug Ausdruck größter Verlegenheit: Lieber Gott, wenn es dich gibt, rette meine Seele, wenn ich eine habe.

Mein Gott, mein Jesus, mein Glaube. In dieser Form spricht man ganz selbstverständlich im Zeitalter der Selbstverwirklichung. Bloß keinen Glauben von der Stange. Bloß nicht den angeblich farblosen Glauben, wie man ihn in der Volkskirche findet. Bloß nicht den, den jeder hat. Auch auf religiösem Gebiet fährt man gerne den Mercedes mit dem guten Stern auf allen himmlischen Straßen. Wenn Willigis Jäger spricht ist die Hütte voll. Denn da predigt der größte lebende Mystiker und nicht der namenlose Pfarrer aus der eigenen Kirche. Da kann man sich ausnahmsweise schon mal religiös beschallen lassen. Exklusive Frömmigkeit als Statussymbol? Warum nicht?

Um Gottes Willen nicht! Glaube ist nicht dazu da, um andere zu beeindrucken, nicht einmal Gott selbst. Und auch Gebete sind nicht dazu da, sich in den Vordergrund zu stellen, eine Predigt zu halten oder gar von der so eingenommenen hohen Warte aus Mitbetern die Leviten zu lesen, wie das Jesus im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner erzählt hat (Lukas 18/9-14). „Ich danke Dir Gott, dass ich nicht so bin, wie dieser.“

Solchen Gebeten und dem frommen Ego, das sich in ihnen aufspielt, fährt Jesus übers Maul. Und mag das Abba noch so kindlich wie Mama und Papa klingen. Nicht jedes Gebet geht Gott allein schon deshalb ins Herz. Dieses Abba ist nicht die Aufforderung, sich beim Beten auf die Entwicklungsstufe eines Einjährigen zu begeben. Abba, Vater, so kann man auch zu einem Menschen sagen, zu dem man aufgrund seiner Autorität vertrauensvoll aufblickt. Einer Autorität, die nicht aus der Macht kommt, sondern aus der Größe und Weisheit einer Person. Die Kirche hat zu allen Zeiten geistliche Mütter und Väter gekannt, bei denen alle Anliegen gut aufgehoben waren, die einen guten Weg für das Leben weisen konnten und denen man deshalb mit Respekt begegnete. Vater – im Himmel – fügt Jesus deshalb hinzu, damit wir uns bewusst machen, dass wir uns beim Beten nicht auf irgendwelchen Krabbelfellen herumtreiben.

Denn kleine Kinder denken vor allem und fast ausschließlich an sich selbst. Ich will aber!, ist so ein Satz, der selbst die geduldigsten Eltern manchmal aus der Fassung bringt und aus der Fassung bringen sollte. Es scheint heute ein von immer weniger Eltern zu leistender Kraftakt zu sein, diesem Willen ihrer Kinder bei geeigneter Gelegenheit auch einmal entschieden zu widerstehen. Wer nicht lernt, dass man nicht immer alles kriegen kann, was man gerade will und wer nicht lernt, damit dann auch fertig zu werden, kann nicht erwachsen werden. Eltern haben es dabei heute sehr schwer, weil auf allen Kanälen das Gegenteil behauptet wird. Die Werbung möchte, dass wir möglichst nie erwachsen werden: Geht nicht, gibt’s nicht! – nicht nur beim Heimwerken.

Das Vaterunser ist deshalb ein Gebet für Menschen, die erwachsen sind oder erwachsen werden wollen. Denn so sehr wir auch suchen, das Wort „ich“ oder „mein“ kommt in diesem Gebet gar nicht vor. Nichts in diesem Gebet gehört mir allein. Und wir sehen daran schon, dass wir in diesem Gebet zu einem Vater reden, der gerne möchte, dass seine Kinder erwachsen werden. Den himmlischen Vater gibt es nicht ohne alle seine Kinder. Den Draht nach oben gibt es nicht ohne die Gemeinschaft mit allen Geschwistern auf Erden. Die Beziehung zum Himmel verlangt, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Keine Bitte ist da zu finden, die nicht zugleich eine Fürbitte ist. Mein täglich Brot ist nur als das Brot erhältlich, das auch dem anderen zukommen soll. Wer das Vaterunser betet, betet stellvertretend für alle. Es ist das Gebet von der Stange, auf der wir alle sitzen. Wer es spricht, versammelt die Welt um sich her und bringt sie vor Gott.

Vielleicht ist das der Grund, warum das Vaterunser so viel Zustimmung findet und man es nicht so leicht wieder vergisst. Bei Taufen wird von ehr kirchenfernen Eltern gerne zum kleinen weißen Zettel gegriffen, den wir vorsichtshalber zum Glaubensbekenntnis auslegen. Beim Vaterunser kommen alle auswendig mit. Und auch Kirchenentwöhnte kennen den Impuls, zu diesem Gebet aufzustehen, um Gott und diesem Gebet die Ehre zu erweisen.

Denn nicht nur Gott, sondern auch dieses Gebet hat es verdient, in angemessener Haltung gesprochen zu werden. In ihm ist nicht zuletzt das „Maß des Menschlichen“ enthalten. Wenn eine bekannte Persönlichkeit stirbt, stehen vorne am Grab vielleicht immer noch die „Großkopferden“. Aber wenn dann das Vaterunser angestimmt wird, dann sind sie doch alle gleich. Wie anders sollte der Blick in ein offenes Grab unter dem „glitzernden Spott der Sterne“ (Botho Strauß) überhaupt erträglich werden? Vater unser im Himmel

Das „Uns“ des Vaterunsers erinnert uns so auch daran, dass das Recht auf Leben, Freiheit und Gerechtigkeit gerade darum unteilbar und die Würde des Menschen gerade darum unantastbar ist, weil wir entweder alle an diesem Recht und dieser Würde teilhaben oder niemand. Wir alle, von der einen Zelle bis zum letzten Atemzug unserer Existenz! Wer menschliches Leben im Embryonalstadium oder im letzten Stadium des Sterbens von diesem Recht ausschließt, verwirkt früher oder später sein eigenes. Daran darf nicht gerüttelt werden und niemand von uns sollte sich hier von hehren Motiven und phantastischen Versprechungen blenden lassen.

Zum zweiten macht das Vaterunser deutlich, wer der Vater ist, wessen Wille zu geschehen hat und wem das Reich gehört, die Kraft und Herrlichkeit. Es lehrt uns, wie Rudolf Bohren schreibt: „gegen alles Kirchenwesen um die Heiligung seines Namens, gegen alles Staatswesen um das Kommen seines Reichs und gegen allen Menschenwillen um das Geschehen des Gotteswillens zu beten.“ (zitiert nach Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, GPM 1, 2007, Heft 2, S. 226) Das Gebet von der Stange, auf der wir alle sitzen, hat mehr kritische Kraft, als alle Weltverbesserungsreden. „Ich hingegen“, heißt es bei Botho Strauß, „trage über dem Arm einen viel zu weiten leeren Mantel auf meinen Wegen. Mir scheint es ist die abgezogene Haut von diesem Ungetüm der besseren Welt.“ (ders. „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“, Hanser, 2004, S. 156)

In der Freiheit der Kinder Gottes dürfen wir diesen Mantel getrost ablegen und uns unserem himmlischen Vater zuwenden. Er hält, was er verspricht, auch wenn es nicht immer das ist, was wir gerade unbedingt haben wollen. Aber schließlich sollen wir erwachsen werden und bleiben. Vater, sagen wir aber auch deshalb zu ihm, weil dieser Vater jedes seiner Kinder genau kennt und weiß, was es braucht. Vater unser, sagen wir zu ihm. Fürchte Dich nicht. Du bist mein, das sagt ER, in Ewigkeit.

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