Bitte Platz zu nehmen!

Liebe Gemeinde,

an Pfingsten feiern wir den Geburtstag der Kirche. Und weil das ein so hoher Geburtstag und schon der tausendneunhundert und soundsovielste ist, wird er auch zwei Tage lang gefeiert.

Vielleicht geht es uns mit diesem Geburtstag, wie mit vielen Geburtstagen, vor denen die Zahl der Jahre immer höher wird. Da werden dann die Feste stiller. Und die Gedanken lassen sich immer weniger wegschieben. Die Gedanken an all die unerledigten Lebensaufgaben. Und mancher horcht still in sich hinein und nimmt wahr, um wie viel seine Kraft und Gesundheit weniger geworden ist.

Wenn sie kommen, all die beschwerlichen Gedanken, kann man sie deshalb an einem solchen Tag besonders schwer wegschieben. Kein Wunder, dass so mancher an seinem Geburtstag den Anrufbeantworter einschaltet und still die Flucht ergreift. Auch vor allem wohlgemeinten Trost: Das wird schon wieder, Kopf hoch, nur Mut! Geburtstagskindern hat es gut zu gehen, auch wenn sie sich kaum noch auf den Beinen halten können.

Mit dem Geburtstag der Kirche scheint es sich ähnlich zu verhalten. Jedenfalls nach den Predigten, die ich zu unserem heutigen Predigttext gelesen habe. Kirche, wie geht’s dir?, wird gefragt. Aber der Fragende auf der Kanzel wartet die Antwort nicht ab und sagt der Kirche die vermeintliche Wahrheit gleich ins Gesicht: Kirche, dir geht es schlecht! Und hat sofort – Pfingsten im Rücken – den ungebetenen Klaps auf die Schulter parat. Nur Mut! Wer rastet der rostet. Setzt euch in Bewegung ihr müden Christen.

Und so war ich auf eine angestrengte Predigt zu einem anstrengenden Geburtstag gefasst, aber als ich den Predigttext las, habe ich erst einmal tief durchgeatmet und mich zurückgelehnt. Aber hört selbst was Paulus schreibt:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, dieser einzige lange Satz spannt die ganze Kirche auf, wie eine große hohe und schöne Kathedrale. Betrachtet die Säulen und Bögen: Apostel, Hirten und Lehrer, Diakone, Männer und Frauen, die für andere da sind, Einheit des Glaubens, Erkenntnis Gottes, Wahrheit, Liebe, Kraft, Wachstum. Dieser Satz spannt die ganze große Kirche auf und – o Wunder – es gibt sie seit 2000 Jahren. An ihrem Geburtstag überbringt uns dieser Paulussatz deshalb nichts anderes, als die Einladung, in ihr Platz zu nehmen.

Bitte Platz zu nehmen!, lautet die freundliche Einladung am Geburtstag der Kirche. Wir haben uns also heute gerade nicht noch angestrengter nach der Decke zu strecken und mühsam eine gute Figur zu machen. Denn die Decke der Kirche, all ihre schweren Bögen, Stützen und Pfeiler liegen nicht auf unseren Schultern, sondern er, Jesus der Christus selbst, hat all das errichtet und gebaut. Darum gilt in der Kirche und besonders an ihrem Geburtstag zuerst und vor allem: Bitte Platz zu nehmen! Lasst Euch sein Werk, lasst euch seinen Dienst, lasst euch "Gottes Dienst" gefallen.

Diese Einladung unterscheidet sich wohltuend von allen trostlosen Geburtstagsreden und ihren noch trostloser machenden Appellen. Hier wird ein pfingstlicher, ein tröstlicher Ton angeschlagen. Nicht von ungefähr hat Jesus den Heiligen Geist den Tröster schlechthin genannt. An Pfingsten zieht eine getröstete Jüngerschar in die Welt hinaus. Kirche ist die Versammlung derer, die sich Gottes tröstenden Dienst gefallen lassen. Kirche, die nicht mehr zu trösten vermag, ist geistlos geworden. Eine Kirche ist eben nicht der erhobene Zeigefinger Gottes, sondern ihre offenen Türen laden ein: Bitte Platz zu nehmen!

In Hof ist es Brauch geworden, dass an den Samstagen, wenn draußen am Maxplatz der Markt in vollem Gange ist, die Türen der Michaeliskirche offen sind und eine Orgelandacht angeboten wird. In bekannten Touristenorten ist das nicht anders. Sie werden sich wundern, wer da alles in die Kirche geht. Aber nur solange Sie es noch nicht selbst ausprobiert haben.

Vom Marktplatz wegkommen, mit all seiner Hektik und seinem Geschrei – dem Gedränge entfliehen – eintreten in eine andere Welt – Platz nehmen, den Blick schweifen lassen, zur Ruhe kommen, aufatmen. So kann man diese Erfahrung beschreiben, zu der uns die Kirche einlädt.

Und wir Christen werden uns diese Einladung nicht nehmen lassen, auch wenn heute am Pfingstmontag, wie schon am Himmelfahrtstag die Zocker ihre Order übers Börsenparkett brüllen. Wir sagen den Politikern, ob sie nun das hohe C im Namen führen oder nicht: Wir wissen jetzt, was euere Sonntagsreden von der Hochschätzung des Christlichen wert sind. Und wir wissen, vor wem ihr in die Knie geht und dass ihr notfalls alles denen opfert, die gerne jeden Tag als Markttag hätten! Wir lassen uns nicht länger von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben, durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen, wie Paulus das ausdrückt (V 14). Mit dem Geist der Wahrheit, der an Pfingsten ausgegossen wird, kann man vielleicht keine Politik machen. Gegen ihn aber auch nicht, wenn wir nicht in geistlosen und damit trostlosen Verhältnissen leben wollen.

Gerade am Geburtstag der Kirche, wollen wir uns nicht sagen lassen, wir hätten die Einladung des Christus, in seinem Werk Platz zu nehmen, nicht überbracht und hätten nicht alles darangesetzt, damit dafür Platz in unserem Leben bleibt.

Am Geburtstag der Kirche sind wir hereingebeten, wie vom Marktplatz in die Kathedrale. Wir dürfen Platz nehmen und unsere Blicke schweifen lassen. Vielleicht auch einmal zur Decke. In der Hospitalkirche (in Hof) ist das etwas ganz Besonderes. Man kann durch die Decke hindurchschauen. Es gibt Löcher in der Decke. Das sind Bilder, die die Geschichte Gottes mit uns von Anfang an erzählen. Diese Bilder machen deutlich, dass die Decke der Hospitalkirche, ja die Decke der größten Kathedrale nicht das Ende der Kirche ist, sondern dass sich über jeder Kirche – auch der armseligsten – das Firmament der Geschichte Gottes spannt.

In dieser Geschichte dürfen wir Platz nehmen. In dieser Geschichte darf unser Erfolg und unser Scheitern, unsere Freude und unser Leid, unser Geborenwerden und Sterben aufgehoben und geborgen sein. Das ist das tröstliche Geheimnis, in das der Tröster, der Heilige Geist, seit Pfingsten führt.

Am Geburtstag der Kirche werden wie an jedem anderen Geburtstag Erinnerungen wach. Erinnerungen an die Geschichte Gottes von Anfang an. Aber im Unterschied zu mancher Geburtstagserinnerung hat die Erinnerung an die Geschichte Gottes Zukunft. Wo die Kirche sich an Jesus Christus erinnert, hat sie Zukunft. Darum sollen wir in diese Erinnerung immer mehr hineinwachsen durch Wort und Sakrament.

Deshalb dreht sich am Geburtstag der Kirche gerade nicht alles um das Geburtstagskind, sondern um den Herrn der Kirche, der ein gnädiges Auge auf sie hat und sie durch die Geschichte baut, ja zusammenfügt wie die Glieder eines lebendigen Körpers. Der ihr den Heiligen Geist, den Tröster gibt, der sie daran erinnert, was sie aufgrund der Vergangenheit Jesu Christi noch Großes für die Zukunft erhoffen darf.

Darum braucht vor diesem Geburtstag keiner ängstlich die Flucht ergreifen. Hier wird keiner an seine Armseligkeit erinnert und den Ansturm der Jahre. Mag man zurecht oder zu unrecht über die Kirche reden und klagen. Mag man über sie sagen, was man will. An Pfingsten darf uns das piepegal sein. Bitte Platz zu nehmen! Am Geburtstag der Kirche darf uns freuen, dass auch in unser Leben und in unsere Gemeinde ein Bogen der großen Kirche, ja des neuen Himmels und der neuen Erde hineinreicht, die Jesus Christus schafft und erbaut. Und wir dürfen dabeisein.

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