Auf Wiedersehen in Kalkutta?

Liebe Gemeinde,

„Auf Wiedersehen in Kalkutta!“ Diesen Abschiedsgruss konnte er sich einfach nicht verkneifen. Sie hatten wieder einmal über Gott und die Welt debattiert. Und waren zu später Stunde bei reichlich Wein beim letzten Thema gelandet. Zu dämlich, dieser Glaube an die Wiedergeburt, fand er. Den konnten nur wohlgenährte Amerikaner oder Mitteleuropäer verlockend finden. 50 %, wusste einer, glaubten inzwischen daran. Die meisten von ihnen verbanden ihre Unsterblichkeit anscheinend gleich noch mit dem Glauben an die so genannte geographische Reinkarnation. Ein Amerikaner wird als Amerikaner wiedergeboren und ein Deutscher als Deutscher. „Wie wär‘s denn mit Kalkutta“, warf er ein. Kalkutta, dieser indische 11 Millionen-Moloch, dessen glänzende Wohlstandsviertel das Elend anlocken, wie die Motten das Licht. Sie sammelten sich in den Slums, die sich wie ein Gürtel der Hoffnungslosigkeit um die Stadt ziehen. Es dämmerte schon, als die Freunde weinselig nach Hause wankten im besseren Fünftel der Welt. Vielleicht würden sie sich wieder sehen in einem anderen Leben und sich in Kalkutta im Dreck spielend in die Kinderaugen schauen; wissen, wie es ist, jeden Tag Hunger zu haben und übel riechendes Wasser zu trinken. Wie in einem bösen Traum, dachte er. Sie würden sich nicht einmal wieder erkennen.

Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn wir am Ostersonntag einmal Bestandsaufnahme machen, was uns an Hoffung angesichts unseres unausweichlichen Endes so bleibt. Nur 30% glauben nach Umfragen an die Auferstehung Jesu, aber immerhin über 50 % an die eigene, in welcher Form auch immer. Wie kann man die Auferstehung Jesu als unglaubwürdig abtun, das eigene Weiterleben nach dem Tod aber für sehr wahrscheinlich halten? Man kann es nicht! Was solche Zeitgenossen – und seien sie in der Mehrheit – an esoterischen Hilfskonstruktionen anbieten, was immer freigeistige Redner an Gräbern dem Tod für schöne Seiten abgewinnen wollen, was immer auf Traueranzeigen über die Erlösung und die Gnade, die der Tod bedeuten soll, steht – in unserem österlichen Predigttext zeigt sich das Neue Testament wieder einmal mit Paulus von seiner aufgeklärten Seite: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen. Will sagen: Ohne die Auferstehung Jesu von den Toten, gibt es keine Hoffnung im Angesicht des Todes und nicht einmal im Angesicht des Lebens. Ohne die Auferstehung Jesu ist jede Hoffnung ohne Sinn.

Der Apostel Paulus mutet uns heute an Ostern jene unermessliche Schrecksekunde zu, in der wir zu denken haben, was wäre, wenn der Stein vor dem Grab sich nicht geruckt hätte. Wenn der Tod den Christus und sein Evangelium in Ewigkeit vergraben hätte in Erde und Fels. Wenn uns nichts bliebe als der Blick in ein Universum, das sich nach dem heutigen Stand der Wissenschaft immer weiter in die Unendlichkeit ausdehnen wird. Dessen Zukunft den Tod aller leuchtenden Sterne sehen wird, bis es als finstrer und leerer Moloch in unendlicher Grabesstille verstummt. Dann verflucht eure unsterblichen Seelen!

Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. So unvermittelt hebt Paulus an, alles noch einmal von vorn und ganz anders zu denken. Nun aber ist Christus auferstanden, dem Tod, dem Herrn aller Herren zum Trotz. Unwiderstehlich! Da muss sich jeder auf dieser Welt umschauen, der den Tod auf der Rechnung hat. Denn hier tritt nicht Lieschen Müller aus des Grabes Tür herfür, sondern der Christus, der die Armen, die Barmherzigen, die Sanftmütigen und die Friedensstifter selig preist.

Ja, „das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer

das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben im teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern

aber es kommt eine auferstehung
die anders ganz anders wird als wir dachten
es kommt eine auferstehung die ist
der aufstand gottes gegen die herren
und gegen den herrn aller herren:
den tod

(Kurt Marti, Leichenreden, Luchterhand, 1987, S.65)

Wahrhaft kämpferische Töne schlägt unser Ostertext an. Nur mythische Rede wird dem Siegeszug des Auferstandenen gerecht, der durch alles geht, was es zwischen Himmel und Erde gibt. Hier wird die Regierung des Universums gestürzt und ausgewechselt. Hier werden Naturgesetze neu definiert. Hier wird die Geschichte der Welt neu geschrieben. Hier werden der Tod, seine Gewinnler und Schönredner zum Teufel gejagt. Hier wird die Metaphysik der Welt neu erfunden.

An Ostern werden die Fundamente der Welt noch einmal gebaut. Und deshalb ist der Osterglaube alles andere als Opium fürs Volk, das im religiösen Wahn das Elend der Wirklichkeit vergessen will. Der Osterglaube nimmt vielmehr wahr, was mit der Welt bereits geschehen ist. Er darf bereits den Anfang vom guten Ende sehen; die Spuren des Auferstandenen, dessen Füße sich in diese Erde eingegraben haben und nicht mehr wegzukriegen sind. Denn Gott hat alles unter seine Füße getan. Es muss schon nach seinem Leben riechen.

Das ist ein anderer Geruch, als der fade Muff der Strohhalmsammlung, die wir uns für die letzten Dinge zurechtgelegt haben. Und jeder fromme Hindu würde uns Satte mit Freuden in den Slums von Kalkutta willkommen heißen, auf dass wir klug werden. Denn ihm ist das Rad der Wiedergeburt ein Graus, und er tut alles, um ihm zu entrinnen.

Mit Ostern ist das eine andere Geschichte. Die Liebe Gottes lässt nicht zu, dass wir und unsere Welt Ihm entrinnen. Der gute Hirte lässt seine wieder gefundenen Schafe nicht mehr los. Ostern ist der Beginn einer Heimkehr, die den Begriff selbst überbietet und neu erfindet, „damit Gott sei alles in allem“.

Lassen wir diese Worte stehen, als ein Geheimnis, über das wir uns an Ostern herzlich freuen dürfen. Gott als Inbegriff von Heimkehr, das ist doch eine prall mit allem Glück gefüllte Verheißung. Kein erinnerungsloses Wiedererwachen in einer unserem Schicksal gegenüber noch einmal gleichgültigen Welt, sondern ein Wiedererkennen all unserer Lust und all unserer Schmerzen im Herzen Gottes. Einander erkennen als das, was wir wirklich waren: Seine geliebten Kinder vom ersten Atemzug an. Was für eine Freude des sich Wiederfindens und Wiedersehens.

Drum hat der Christus zum Abendmahl nicht Wasser, sondern Wein kaltstellen lassen. Und drum darf Ostern auch sinnlich gefeiert werden. Drum lasst uns jeden Tag leben, nicht als wäre er der letzte, sondern der erste. Drum lasst uns essen und trinken, nicht weil wir morgen tot sind, sondern weil wir auch im Himmelreich essen und trinken werden beim großen Abendmahl. Auf Wiedersehen im Himmelreich. Dort soll der Wein unübertrefflich sein.

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