Der Himmel auf Erden

e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung!]</i>

Doch, das "Non" der Franzosen zur EU-Verfassung kann man schon nachvollziehen. Frankreich ist eine stolze Nation, seine Bewohner in nicht wenigen Dingen etwas dickköpfig und auf eine charmante Weise provinziell. Und nicht alle sind mit den von EU-Kommissaren erarbeiteten Kompromissen einverstanden. Niemand kann so recht sagen, was uns mit diesem Gesetzeswerk erwartet. Noch mehr Bürokratie? Mehr kultureller Austausch? Weniger Geld für den eigenen Haushalt? Mehr Wirtschaftskraft gegenüber den USA? Wer weiß …? Andere – wie nun auch Holland – werden diesem "Non" folgen und ich möchte nicht wissen, wie eine Abstimmung bei uns in Deutschland ausgegangen wäre. Es gibt Einladungen, bei denen man verstehen kann, wenn ihnen nicht jede/r Folge leistet.

Doch bei der, von der wir im Predigttext hören, kann ich über ein "Nein" nur den Kopf schütteln. Wie kann man so eine Einladung ausschlagen!?! Hochzeitsfeier für Jesus! Das bedeutet: feiern bis zum Abwinken, Buffet-Tische, die sich vor lauter Leckereien nur so biegen, Trinken was und wieviel man will, und wenn der Wein ausgehen sollte, gibts das Qualitätströpfchen aus dem Wasserfass; dafür wird der Bräutigam schon sorgen, das hat er ja schließlich schon einmal hingekriegt! Nette und interessante Leute treffen, neue Bekanntschaften machen, Freunde wiedersehen, mit alten Bekannten quatschen, gute Musik hören und bis in die Puppen abrocken. Feten, tage- und nächtelang. Sichs gut gehen lassen, den Alltag komplett vergessen, den Stress, die Sorgen, die Plackerei, das Alter, die Fehler, die man gemacht hat. Morgen nicht früh aufstehen, dafür spät in die Falle fallen, mit einer beschwingenden Melodie in den Ohren und einem Lächeln auf den Lippen, an Leib und Seele fröhlich und in Vorfreude auf den nächsten Tag.

Darum gehts. Gott und Mensch schließen den Bund fürs Leben – für dieses und für das kommende – und Himmel und Erde feiern! Jesus hat gern gefeiert. Nicht umsonst vergleicht er das Himmelreich oft mit einem Hochzeitsbankett. Im Johannesevangelium besteht sein erstes Wunder darin, Wasser zu Wein zu machen und damit die Hochzeitsparty in Kanaa in Gang zu halten. Das Leben bei Gott wird anders aussehen, als es sich viele unter uns heute vorstellen können: ausgelassener, fröhlicher, trotz aller Ewigkeit kurzweilig, vielleicht ein bisschen wie Kirchentag, jedenfalls nicht so miesepetrig wie wir ChristInnen nicht selten für andere wirken. Tränen wird es nur geben, weil herzlich gelacht wird. Alle sind eingeladen, wirklich alle. Es gibt kein Auswahlverfahren. Auf der Einladung steht nur: Bringt gute Laune und Lust zum Feiern mit – und legt alles ab, was euch davon abhält oder daran hindert!

Jesus hat seinen Auftrag, seinen Dienst, sein ganzes Leben – ja auch sein Sterben und schließlich sein Auferstehen – so verstanden: als Einladung zu einem einmaligen Fest der Begegnung. Und alles, was er wollte, war, den Menschen einen Vorgeschmack davon zu vermitteln, wie es sein wird, wenn Gott und Mensch und Menschen endgültig zueinander finden. Doch er musste – wie später auch die ersten christlichen Gemeinden – die Erfahrung machen, dass diese Einladung nicht bei allen gut ankam oder auch nicht ernst genommen wurde. Warum? Diese Feier sollte nach Jesu Willen sofort beginnen, zumindest die Vorfreude auf dieses Ereignis sollte schon spürbar werden. Das Himmelreich ist mitten unter euch, hat er gesagt, will heißen: die Party hat im Grunde genommen schon begonnen. Man kann bereits die Musik hören, der Duft der Speisen liegt in der Luft und der Bräutigam ist auch schon da. Also feiert! Feiert, ohne vorher die Gästeliste durchgesehen zu haben. Feiert und macht euch keine Gedanken darüber, neben wem ihr sitzen werdet. Feiert und stört euch nicht daran, wer noch alles eingeladen ist. Feiert, als sei der Himmel schon auf Erden. Wenigstens einmal die Woche, jeden Sonntag, wenn ihr zum Gottesdienst kommt …

Doch gerade daran haperts wohl. Feiern, als sei der Himmel schon auf Erden? Das hieße ja, andere Prioritäten zu setzen, als sie derzeit gelten. Das hieße, tief in seinem Herzen und trotz all dem Traurigen in der Welt fröhlich zu sein und optimistisch in die Zukunft zu schauen! Das hieße ja, sich Zeit für Menschen zu nehmen anstatt für das Geldverdienen. Das hieße, jeden Tag mit Gott leben, als gehörte er zur Familie, ja ihn zum Freund zu machen und mit ihm womöglich andere, die wir überhaupt nicht ausstehen können. Das hieße, unsere Liebe nicht nur denen zu schenken, mit denen wir gut können. Das hieße, nicht mehr um unsere gepflegten und gehegten goldenen Kälber zu tanzen, sondern um den Tisch des Herrn, an dem selbst ein Judas sitzen darf! Das hieße, Versöhnung zu feiern, die niemanden von vornherein ausschließt! Undenkbar!

Undenkbar? Es gibt Menschen, die dem Nein vieler anderer zu dieser Einladung schon jetzt ein so mutiges Ja entgegenhalten und dafür werben, dass sie auf Unverständnis, ja Ablehnung stoßen, wie die Knechte in Jesu Gleichnis. Eva Moses Kor ist so eine. Sie und ihre Zwillingschwester wurden während der Nazi-Diktatur vom KZ-Arzt Mengele gequält und zu menschenverachtenden Studien benutzt. Man hat ihnen Seren gespritzt, von denen sie heute noch nicht weiß, was für ein Zeug das war und an deren krankmachenden Folgen sie heute noch zu leiden hat. 117 Mitglieder ihrer Familie sind von den Nazis ermordet worden. Und sie vergibt. Nicht nur Mengele, auch den anderen. Und das sind keine leeren Worte, die sie spricht. Einem ihrer Peiniger ist sie begegnet, dem Mengele-Freund Hans Münch, ebenfalls KZ-Arzt. Von Angesicht zu Angesicht hat sie ihm vergeben. Frau Kor sagt, sie tut das um ihrer selbst willen. Erst, als sie vergeben konnte, fühlte sie sich selbst nicht mehr als Opfer. Sie war befreit. Heute reist sie durch die Welt und wirbt dafür. Sie sagt, mit Gerechtigkeit kann sie wenig anfangen, das würde ihr wenig helfen. Was ihr geholfen hat, war, jemand anderem die Schuld zu nehmen. Kaum jemand versteht diese Frau – selbst ihr Ehemann nicht. Sie sagt, er habe noch einen weiten Weg vor sich …

Solch ein Weg liegt wohl vor jedem Menschen. Er führt zu dem Fest, zu dem Jesus uns einlädt und das uns deutlich macht: Gott ist nicht der Richter, der nach unseren Maßstäben urteilt. Auch dieses Gottesbild spiegelt sich in dem Gleichnis wider und Jesu Worte machen deutlich, wo dies hinführt: zum Auge um Auge und Zahn um Zahn, zu Mord und Totschlag bis von der Welt nichts mehr übrig ist, es führt in die Finsternis, wo es nur Heulen und Zähneklappern gibt. Doch der Gott, dem wir vertrauen dürfen, gleicht dem Gastgeber, bei dem alles möglich ist – auch, dass Böse und Gute, Täter und Opfer miteinander feiern! Und wir werden uns noch wundern, wer alles ein Tischkärtchen erhält. Die Frage ist, ob wir dieser Einladung in unserem Leben schon jetzt folgen, diesen Festsaal der Versöhnung schon jetzt betreten und schon jetzt ein Stück Himmel auf Erden feiern können und nicht einfach ohne Anteilnahme nur dasitzen. Gott lädt uns ein zu seinem Fest. Lasst uns hingehen. Und alle, wirklich alle mitnehmen, denen wir auf dem Weg dorthin begegnen. Dann ist der Himmel mitten unter uns. Schon jetzt!">

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