Bei Gott kann man nichts kaufen!

Es ist noch nicht ganz ein Jahr her, liebe Gemeinde, da haben die römisch-katholische und die lutherischen Kirchen die Unterzeichnung eines Dokuments gefeiert, in der es um die sogenannte Rechtfertigungslehre geht. Damals haben nicht wenige gespottet, dass das, worauf man sich vermeintlich geeinigt habe, für den normalen Christen im Grunde keine Rolle mehr spiele. Begründung: die Frage, "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?", die Martin Luther vor jetzt bald 500 Jahren mit seiner neuen Lehre beantworten wollte, stelle sich nicht mehr. 1. Weil sich seit der Reformationszeit das Gottesbild geändert habe und 2. weil sowieso niemand mehr verstehen würde, was denn damit gemeint sei: nur aus Glaube gerecht zu werden und nicht aus Werken. Die Rechtfertigungslehre wird so – wenn überhaupt – zu einem Randthema wegerklärt. Und man bekommt den Eindruck, dass sich damit nur Theologen hinter verschlossenen Türen beschäftigen, da draußen interessiert sie keinen Menschen mehr …

Dazu passt, was ich vor Kurzem von einer Teilnehmerin eines Fortbildungskurses für Pfarrerinnen und Pfarrer gehört habe: keiner der ausgebildeten Theologinnen und Theologen konnte auf die Frage, was denn die Rechtfertigungslehre nun für das tägliche Leben bedeute, eine klare Antwort geben. Die meisten flüchteten sich in biblische oder hochphilosophische Fachbegriffe und Sätze, die sich kein Mensch merken kann; dem Rest fehlten die Worte ganz.

Es stimmt wohl: über die Rechtfertigungslehre nachzudenken ist nicht einfach, über sie zu predigen noch viel weniger, aber sie zu leben ist unendlich schwer. Denn sie ist – denkt man sie bis zur letzten Konsequenz durch – revolutionär; und sie bleibt auch – oder besser gerade – in unserer Zeit hochaktuell und brisant. Und zwar für die Menschen "da draußen", aber – und das macht es vielleicht besonders delikat – auch für uns "hier drinnen".

Einer der vehementesten Vertreter dieser Lehre war Paulus. Deshalb lese ich ihnen zunächst aus seinem Brief an die Galater aus dem 2. Kapitel:

[TEXT]

Auch Paulus, ein hochbegabter und gut ausgebildeter Theologe, scheint sich ein wenig schwer zu tun, seine Gedanken zu ordnen und verständlich zu formulieren. Er wiederholt sich, ja es sieht anfangs so aus, als ob er sich im Kreise zu drehen scheint. Was er sagt, will ich einmal in ein paar kürzere Sätze zu gliedern versuchen. Vielleicht hilft uns das ja zum Verständnis:

1. Bei Gott kann ich mir nichts verdienen!

Schon dieser Satz ist ja – in unserer modernen Gesellschaft besonders – gewöhnungsbedürftig. Gerade heute geht es ja meist um nichts anderes als eben um das Verdienen. Und zwar nicht nur Geld, sondern mit dessen Hilfe und darüber hinaus auch andere Dinge: Karriere, Ansehen, Anerkennung, Freude, Freundschaft, Liebe, Sinn … Das fängt in der Schule mit Pockemon-Bildchen an und hört noch lange nicht mit dem Ruhestand auf.

Es gibt heutzutage nichts, was sie sich nicht verdienen und kaufen können: selbst die Gesundheit, die vor wenigen Jahren doch irgendwie alle gleich machte, ist heute käuflich: durch bessere Ärzte, teurere Medikamente … und wenn man genug Geld und Vermögen hat, kann man sich sogar passende Organe kaufen – auf Kosten der Ärmeren, die man dafür einfach sterben lässt, wie man vergangene Woche in der Zeitung lesen konnte. In ein paar Jahren wird das dann wohl nicht mehr nötig sein, dann züchten sich die Reichen und Einflussreichen ihr körpereigenes Materiallager heran – "und der Mensch schuf den Menschen nach seinem Bilde" wird es dann heißen. Was der Mensch dann sehen will, ist nicht mehr, dass es gut war – wie es noch im Schöpfungsbericht heißt -, sondern welches Erbgut es denn war, das ihm nicht gefällt und deshalb auszumerzen gilt, damit auch alles schön seine Ordnung hat! Eine schöne neue Welt basteln wir uns da zusammen …

"Nein!", brüllt da Paulus dazwischen, "bei Gott ist das anders, der ist und bleibt nicht käuflich." Vielleicht verlieren die Menschen ja immer mehr das Interesse an Gott, weil man bei ihm nichts kaufen kann! Was nix kostet, das kann auch nix sein – den Spruch kannten schon unsere Großeltern. Und weil mit unserem Gott kein Geschäft zu machen ist, verliert die ganze Sache ihren Reiz.

Nun sollten wir aber nicht zu lange unseren Finger auf die anderen "da draußen" richten, denn wir "hier drinnen" gehören schließlich zu dieser Gesellschaft mit dazu, ja wir sind immer noch ein sehr wichtiger Bestandteil! Und wir sollten, nein wie müssen auch uns von Paulus fragen lassen, ob wir mit unseren, nämlich den christlichen Gütern, die wir anzubieten haben, nicht ebenso sträflich marktorientiert handeln und unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten verkaufen! Sind wir doch mal ehrlich: Wer unter uns hat nicht die Vorstellung, dass man sich den Zugang zum Reich Gottes erst verdienen muss. Nicht mit Geld und irdischen Gütern, das ist klar! Aber nett sollte man sein, ab und zu in die Kirche gehen, alles glauben, was in der Bibel steht und keine der Vorschriften, die sie uns macht, in Frage stellen!

Wir Evangelischen haben uns lange Zeit gerühmt, die Werkgerechtigkeit abgeschafft zu haben – und sind doch in großen Teilen, manchmal sogar extrem rückfällig geworden. Beispiele dafür gibt es nicht nur in unserer Geschichte, sondern auch in unseren Köpfen und Herzen zu genüge.

Uns und denen da draußen schleudert Paulus deshalb einen Satz entgegen, der das Pendant zu dem ersten ist, nämlich:

2. Allein Gottes Gnade ist entscheidend!

Also nicht meine, oder die des Presbyteriums oder die einer Gemeindeversammlung, auch nicht die Gnade hochbegabter Denker, die komplizierte Sätze formulieren können. Nein, es ist einzig uns allein SEINE Gnade, die darüber entscheidet, ob jemand und wer dazugehört! Viel zu oft pfuschen wir Gott da ins Handwerk und treffen stellvertretend Vorentscheidungen mit Maßstäben, die alles andere als Eindeutig sind.

Denn die Gnade Gottes zeichnet sich eben darin aus, dass sie frei ist von jeglichen Vorschriften oder Bedingungen: ich muss nicht alle Gebote befolgen können, um vor Gott als gerecht zu gelten – das wissen übrigens auch jüdische Schriftgelehrte, die mit den Geboten sehr viel pragmatischer umzugehen gelernt haben als wir Christen, die wir uns manchmal daran festbeißen, als ob Buchstaben mehr gelten als deren Geist!

Ich muss auch nicht täglich dreimal beten, um mir bei ihm Gehör zu verschaffen! Gott kennt unsere Sorgen und Nöte und Wünsche noch bevor wir sie in unserem Mund zu Worten formen können. Wie sonst könnte er sonst Menschen beistehen, die vor lauter Leid jegliche Sprache verloren haben?

Ich muss nicht Heterosexuell sein und vier Kinder zeugen, um mich als von ihm reich gesegnet zu fühlen! Wir sollten als Kirche endlich den Mut haben, Gottes Ja auch zur Liebe zweier Menschen zu sagen, die nicht den gesellschaftlich anerkannten und tolerierten Partnerschaften entsprechen.

Ja ich muss letztendlich auch nicht getauft sein, um nicht verloren zu gehen – eine Frage, die bis heute noch in manchen Gegenden eine große Rolle spielt – und das nicht nur in der Frage der sogenannten Judenmission, der unsere Kirche auf dem letzten Kirchentag in Stuttgart zurecht eine klare Absage erteilt hat. Es gibt Kollegen, liebe Gemeinde, die verweigern die Beerdigung nichtgetaufter Kinder. Sie mögen ihre Gründe haben und ihre Entscheidung wohlformuliert darlegen können; aber sie handeln meines Erachtens nicht nach der biblischen Botschaft sondern nach kirchenrechtlichen Paragraphen!

Ihnen und uns allen muss klar werden, auf was wir uns einlassen, wenn wir von der Freiheit des Evangeliums reden; und von der Botschaft unbedingter Annahme durch Gottes Liebe zu uns Menschen. Es mag sicher so sein, dass Vorschriften und Gebote ihren Sinn haben – aber sie dazu zu missbrauchen, quasi durch ein Hintertürchen doch wieder den eigenen Verdienst göttlicher Gnade einzuführen, davor sollten wir uns hüten. Es würde bedeuten, dass wir die Botschaft Jesu pervertieren würden; dann wäre, wie es Paulus sehr deutlich ausdrückt, "Christus vergeblich gestorben." Wir können Gott nichts schuldig bleiben, weil wir gar nicht fähig wären, ihm irgendetwas zurückzuzahlen.

Das ist es, was hinter dem dritten Satz steckt, den ich ihnen heute Morgen zum Nachdenken mitgeben möchte:

3. Durch den Glauben an Christus allein sind wir gerecht!

Es gibt tatsächlich eine Frage, die entscheidet, ob und wie ich schon heute Anteil an Gottes Gnade habe. Sie lautet: Bin ich gewillt, diese freie Gnade für alle Menschen wie für mich anzuerkennen und in Anspruch zu nehmen und sie nicht nur weiterzugeben sondern auch zu leben?

Antworten sie nicht zu schnell, liebe Gemeinde. Denn die Beantwortung dieser Frage hat Konsequenzen, die unbequem sind: nicht nur für unser Leben "da draußen", sondern auch für das "hier drinnen". Zurzeit bin ich geneigt zu sagen, dass sich unsere Kirchen noch nicht dazu durchgerungen haben, diese Frage zu bejahen. Wir stecken tiefer als wir denken und fester als wir vorgeben in einer alten Tradition, die da lautet: eine Hand wäscht die andere. Vielleicht wird unsere Kirche ja wieder attraktiver werden, wenn wir konsequenter eine echte Alternative zu dem Leben "da draußen" bieten würden. Allerdings bin ich zurzeit jedenfalls noch sehr skeptisch, ob wir das überhaupt wollen.

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