Auferstehung glauben

Tatzeit: Dienstag Abend, irgendwann während meines Zivildienstes. Tatort: die Krypta der Benediktinerabtei Siegburg. Wie jeden Monat, laden die Mönche auch an diesem Abend nach dem ökumenischen Taizégebet zu Tee und Kuchen ein. Bruder Stephan und ich spielen unser Lieblingsspiel: wir diskutieren mal wieder über die Vor- und Nachteile unserer jeweiligen Konfession. Meistens geht es unentschieden aus, doch dieses Mal scheine ich einen Treffer gelandet zu haben, ich weiß nicht mehr welchen. Bruder Stephan jedenfalls ereifert sich fromm, springt auf, so dass sein schwerer Eichenstuhl krachend zu Boden fällt und seine Soutane in Wallung gerät und brüllt mir durch den Saal entgegen: „Da würde sich ja Jesus im Grabe rumdrehen …“ – Pause. – „Ach ne,“ sagt er dann, „kann er ja gar nicht!“ Der Saal tobt, wir trinken einen Schluck Tee auf unsere auferstandenen Herrn und einigen uns – mal wieder – auf ein Remis.
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rnRecht hat er gehabt, der liebe Bruder Stephan. Jesus kann sich beim besten Willen nicht im Grabe rumdrehen. Das ist nämlich leer. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden – auferstanden mit Leib und Seele, mit Haut und Haar. Er lebt, als sei er nie tot gewesen …
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rnAn diesem Ostersonntag, liebe Gemeinde, darf ich – entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten – einmal ihren Glauben erschüttern: ihren Glauben an eine Welt, in der nur das als wahr gilt, was auch bewiesen werden kann; ihren Glauben in die Wissenschaft, die uns sagt, was geht und was nicht; ihren Glauben daran, dass alles einmal ein Ende haben muss; ihren Glauben an die Vorstellung, dass mit dem Tod alles aus ist; ihren Glauben daran, dass wir zwischen Diesseits und Jenseits unterscheiden könnten; ihren Glauben, dass der Himmel immer nur oben ist … All das können sie an diesem Ostermorgen ruhig als Irrglauben abtun. Denn was die beiden Frauen, Maria von Magdala und "die andere Maria", wie Matthäus sie nennt, an diesem Morgen erleben, widerspricht unserem allgemeingültigen, aufgeklärten Weltbild. Es widerspricht jeglicher Erfahrung, entzieht sich jeder Beweisführung und lässt sich auch nicht nach-denken. Es spottet sogar jeder Beschreibung.
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rnDer Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden – auferstanden mit Leib und Seele, mit Haut und Haar. Er lebt, als sei er nie tot gewesen …
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rn"Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Das hat einmal ein berühmter Philosoph gesagt (Ludwig Wittgenstein, 1889 – 1951, Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt 4/19988, S.85). Wenn dem tatsächlich so wäre, dann würde ich ihnen an dieser Stelle weitere Worte ersparen und mir diese Predigt schenken und sie statt dessen mit irgendetwas Humorvollem zum Osterlachen bringen. Und dann natürlich das nächste Lied ansagen.
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rnDoch gerade darin liegt die Nuss, die zu knacken uns aufgegeben und mitnichten hohl ist. Wir Christenmenschen sind ein seltsames Völkchen, das die reichlich verwirrende Aufgabe hat, sich an etwas zu halten, das nicht zu begreifen ist und über etwas zu reden, worüber man eigentlich nichts sagen kann. Das war schon immer so und auch den ersten urchristlichen Gemeinden bewusst. Und denen, die Jesu Geschichte und Geschichtchen aufgeschrieben haben, erst recht. Wie Matthäus erzählen alle Evangelisten zwar die Umstände der Auferstehung, aber über das Ereignis selbst schweigen sie sich aus, als hätten sie Ludwig Wittgenstein schon gekannt.
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rnSo halte ich mich an diesem Morgen nicht mit der zwar spannenden, aber müßigen Frage auf, wie wo wann was tatsächlich geschehen und ob dies oder jenes denkbar – und daher für uns glaubhafter – ist. Da kann nur eines herauskommen: Zweifel. Und den können wir gerade an Ostern am wenigsten gebrauchen, denn er passt hier nicht hin. Bezweifeln kann man nämlich nur etwas, das man prinzipiell für möglich hält. Doch die Auferstehung Jesu kann man nicht für möglich halten, sie ist noch nicht einmal ein Ding der Unmöglicheit! Man kann sie nur glauben … oder eben nicht.
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rnAlso will ich es nun wie die Evangelisten machen, nicht über die Auferstehung theologisieren, sondern die Frage aufwerfen, ob wir heutzutage überhaupt noch den Glauben an eine Auferstehung nötig haben?! Stört er nicht einfach nur unsere Kreise, in denen wir uns bewegen? Ist er nicht das Überbleibsel eines zu entmythologisierenden Mythos‘, also einer altmodischen und darum aufzuklärenden Vorstellungswelt, die wir in unserer modernen Gesellschaft schon längst überwunden zu haben glauben? Müssen wir nicht den Kritikern, Skeptikern und Zweiflern recht geben, wenn sie ihn für eine geniale Konstruktion der JüngerInnen halten, um die Sache des am Kreuz gescheiterten Jesus von Nazareth über seinen Tod hinaus am Leben zu erhalten – und um sich selbst damit eine Aufgabe zu geben? Wozu ist er noch gut, dieser Glaube an die Auferstehung Jesu und die damit verbundene Hoffnung einer Auferstehung aller Toten?
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rnNun, der Glaube an die Auferstehung ist wohl der stärkste und fundamentalste Protest gegen alles, was Leben be- und verhindert. Denn wenn selbst dem Tod die Macht genommen ist und wir – nach wievielen Tagen Grabesruh‘ auch immer – fröhlich auferstehen werden, was ist uns dann noch unmöglich? Nichts. Im Gegenteil: "Alles ist möglich dem, der da glaubt!" Alles, was dem Leben dient und es fördert. Alles, was den Benachteiligten hilft und sie unterstützt. Alles, was Menschenleben rettet und vor dem Verlust der Würde bewahrt. Alles, was sich gegen eine Gewinner-Verlierer-Mentalität sträubt und einen gerechten Ausgleich sucht. Alles, was den eigenen egoistischen Blick auf den Nächsten lenkt und die Menschheit als Gemeinschaft begreift. Alles, was den Himmel auf Erden errichtet und das Reich Gottes Realität werden lässt. Alles, was sich in den Worten und Taten Jesu wiederfindet und seinen Spuren folgt. Alles, was die Toten nicht tot lässt und die Lebenden am Leben erhält. Im wahrsten Sinne des Wortes revolutionär ist er, der Glaube an die Auferstehung, weil er unsere allzu menschlichen Bemühungen um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Frage stellt und über den Horizont der Vernunft hinausdenkt. Weil er sich auf die Seite der Schwachen stellt und die Starken dennoch nicht verdammt. Weil er sich einmischt ohne selbst Macht über andere ausüben zu wollen.
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rnDer Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden – auferstanden mit Leib und Seele, mit Haut und Haar. Er lebt, als sei er nie tot gewesen …
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rn"Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." – Gut, dass wir Christenmenschen keine PhilosophInnen, sonden TheologInnen sind. Die Auferstehung mag undenkbar und unsagbar sein, aber sie lässt uns nicht verstummen und nicht tatenlos erstarren. Im Gegenteil: Wie die Frauen im Matthäusevangelium werden wir an den Ort geschickt, wo Jesu Worte und Taten ihren Anfang nehmen – damals war es Galiläa, heute ist es die Bibel -, um sie in unseren Alltag zu tragen und die Menschen, denen wir begegnen, damit anzurühren. Wir haben in dieser Welt eine Hoffnung zu verbreiten, die jenseits aller Wirtschaftsreformen und Jobgipfel den Menschen sagen kann, dass sie etwas wert sind. Wir haben in dieser Welt eine Hoffnung zu verbreiten, die jenseits von diplomatischen Spitzfindigkeit und plumpen Drohgebärden eine Verständigung zwischen den Kulturen und Nationen für möglich hält. Wir haben in dieser Welt eine Hoffnung zu verbreiten, die jenseits aller gescheiterten Versuche, es gerechter auf Erden werden zu lassen eine Zukunft träumt, in denen es kein Nord-Süd-Gefälle mehr gibt. Wir haben in dieser Welt eine Hoffnung zu verbreiten, die jenseits aller Leiden, die Menschen einander zufügen und ertragen, daran festhält, dass Gott einmal alle Tränen abschwischen wird.
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rnWürden wir diesen Glauben aufgeben, wäre das tatsächlich ein Grund für Jesus, sich im Grabe herumzudrehen – wenn er es denn könnte. Doch – Gott sei Dank – er kann nicht. Er lebt – und wir mit ihm. Halten wir um unseret und Gottes Willen daran fest. Diese Welt hats nötig.

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