Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt

Kennen Sie das geflügelte Wort „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“? Es stammt aus „Egmont“, einem Drama von Goethe. Dieser hatte es Klärchen in den Mund gelegt, dem weiblichen Gegenbild zu Egmont. Klärchen, eine bemerkenswerte Frau, natürlich, klug und leidenschaftlich ist, entschlossen und kühn. Sie sagt: „ Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein; / Hangen und bangen in schwebender Pein; / himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt; / glücklich allein ist die Seele, die liebt.“

In der Psychologie und in der Psychiatrie steht dieses Zitat für die bekannteste der so genannten bipolaren affektiven Störungen, also ein Name für das manisch-depressive Erkranktsein.

Aber wir müssen nicht in unserer Seele krank sein, um diese Spannung zu kennen. Wir müssen nicht von Krankheit geplagt sein, um das zu kennen: die Spannung zwischen zwei entgegengesetzten Polen; zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Wenn z.B. eine grosse Klassenarbeit geschrieben ist, wenn die Seminararbeit abgegeben ist, wenn der Vortrag vorbereitet ist, wenn für den festlichen Abend alles gerichtet ist, wenn wir vor einem wichtigen Gespräch stehen – dann ist doch oft beides in uns: die unbedingte Hoffnung, dass alles gut wird, dass das, was wir abgegeben, was wir vorbereitet haben, ein Erfolg wird. Und gleichzeitig die Angst: was ist, wenn mein Gefühl mich trügt und die Klassenarbeit nicht gelungen ist, wenn ich in der Seminararbeit das Thema verfehlt habe, wenn mein Vortrag langweilig wird und keiner zuhört, wenn der festliche Abend ein Desaster wird und das wichtige Gespräch zur Katastrophe gerät.

Hin- und her gerissen sein mit den Gefühlen – kennen wir. Und wir kennen auch, hin- und her gerissen zu sein in dem, was wir wollen: tanzen gehen oder einen gemütlichen Abend zu hause, Fußball gucken oder zu der Diskussionsveranstaltung gehen, am Schreibtisch sitzen und arbeiten oder Freunde und Freundinnen treffen. Wir könnten noch eine lange Liste der verschiedenen Themen aufmachen, in der wir solche gleichzeitigen Gegensätze sammeln.

Um einen großen Gegensatz geht es auch in dem Predigttext, der uns für heute zum Nachdenken aufgegeben ist. Wir haben ihn in Lesung gehört, das Textstück aus dem Hebräerbrief.

Da geht es erst einmal darum, dass Jesus Christus einer von uns ist. Einer, der genauso geatmet, gelebt, gefühlt hat wie wir. Einer aus unserer Mitte. Der Verfasser, wahrscheinlich ein Mitarbeiter des Paulus, tut nichts anders, als das, was wir tun, wenn wir einen Menschen würdigen wollen. Da sagen wir gern: „Sie ist ein Kind unserer Stadt“ oder „er ist ein Sohn unserer Stadt“. Und damit wollen wir die Verbundenheit zu diesem besonderen Menschen betonen, und wir wollen zeigen, dass wir aus dem gleichen Stall kommen.

Der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt: „Dieser Hohepriester versteht unsere Schwächen, weil ihm die gleichen Versuchungen begegnet sind wie uns – aber er blieb ohne Sünde.“ Damit nimmt er Bezug auf das Matthäusevangelium. Dort ist uns die Geschichte überliefert, dass der Teufel zu Jesus kam, der gerade in der Wüste 40 Tage gefastet hatte. Er forderte Jesus zuerst auf, Steine in Brot zu verwandeln und dann, sich von einem hohen Maueraufsatz, einer Zinne, zu stürzen. Und zum dritten bot ihm der Teufel die ganze Welt an, wenn er nur vor ihm niederfiele und ihn anbetete. Jesus widersprach den Versuchungen mit Worten aus der Bibel. Er sprach sich gegen die Macht aus, die ihm der Versucher bot und damit verweigerte er sich der Unterwerfung unter unterdrückende, lebensvernichtende Macht. Indem er dies tat, sprach er sich gleichzeitig für die Macht aus, die bei Gott ist. Eine Macht, die getragen ist von Freiheit, von Gerechtigkeit, von Liebe und gegenseitiger Achtung.

Dieses Festhalten an Gott nennt der Verfasser des Hebräerbriefes: „aber er blieb ohne Sünde“. Ob sich das „aber er blieb ohne Sünde“ so glatt und flüssig zugetragen hat, wie wir es lesen? Ob Jesus, nachdem er 40 Tage nichts gegessen und nichts getrunken hatte, wirklich mit dem ersten Atemzug vollmundig sagen konnte: „Dieser Versuchung erliege ich nicht“? Oder ob er doch gezögert hat, eben versucht war, dem Locken des Brotes, dem Locken nach scheinbar ungeteilter, absoluter Macht nachzugeben? Es widerspräche weder dem Evangelium noch der Aussage des Hebräerbriefes, wenn er hin- und her gerissen gewesen wäre.

Und damit sind wir wieder bei der Spannung „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“. Das Gegensätzliche in einem Atemzug verbinden zu wollen. Jesus war einer von uns. In der Dogmatik heißt das, er war „wahrer Mensch“, „vere homo“. Er hatte Hunger wie wir, er lebte mit Geschwistern, über die er sich bestimmt auch mal geärgert hat, wir können uns vorstellen, wie er sich als junger Mann verliebt hat und hin- und hergerissen war zwischen „sie findet mich bestimmt gut, denn sie hat mich angelächelt“ und „ich glaub, sie findet mich nicht gut, denn sie hat mich nicht einmal angeschaut“. Und als er mit seinen Jüngern und Jüngerinnen unterwegs war, da sind uns Geschichten überliefert, da war er liebevoll und aufmerksam. Und in anderen Geschichten lesen wir, wie er aufbrausend und zurückweisend ist.

Wenn wir an dem Bekenntnis festhalten wollen, dass Jesus von Nazareth wirklich Mensch war, dann müssen wir das auch konsequent tun und dürfen nicht zu schnell mit dem Göttlichen um die Ecke kommen. Denn das ist ja der zweite Teil des dogmatischen Satzes. Jesus war „wahrer Mensch“ und „wahrer Gott“. „vere homo, vere deus“.

Gerade, weil Jesus wirklich und wahrhaftig ein Mensch war, können wir jetzt, wo er wirklich und wahrhaftig Gott ist, voller Zuversicht zu ihm gehen. Denn wir können sicher sein, dass er uns verstehen wird, Er wird uns nicht abbügeln, so wie es die Mutter von Klärchen tat, die offensichtlich keine Ahnung von den zärtlichen Gefühlen hatte, die ihre Tochter bewegten, als die ihr Liebeslied sang „… himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt; / glücklich allein ist die Seele, die liebt“. Da antwortete die Mutter: „Lass das Heiopopeio“. In dieser Entgegnung vermissen wir schmerzlich jedes Einfühlen, jedes Mitfühlen mit der jungen Frau, die ihren Egmont so sehr liebt.

Das kann uns bei Gott nicht passieren. Der Hebräerbriefschreiber betont das: „Darum wollen wir mit Zuversicht vor den Thron unseres überaus gnädigen Gottes treten, damit wir Gnade und Erbarmen finden.“ Mit diesen Worten wird von vornherein ausgeschlossen, dass wir Angst haben müßten, zu Gott zu gehen. Gott ist gnädig, weil er um uns weiß. Weil er weiß, wie oft wir hin- und hergerissen sind in dem, was wir wollen und was wir fühlen. Jesus hat mit seinem Tod und seiner Auferstehung Himmel und Tod verbunden. Damit hat er dem Himmel den Weg frei gemacht in das Reich des Todes und das Licht des Himmels konnte das Dunkel des Todes erhellen. Bis heute.

Weil Jesus ein Mensch war, dürfen wir darauf vertrauen, dass er uns versteht, dass er mit uns fühlt, leidet, sich freut, klagt und lacht. Gleich gültig ob wir gerade himmelhoch jauchzen oder zu Tode betrübt sind.

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