Die Frage nach Leid und Tod

Liebe Gemeinde!

Nicht länger als eine Minute hat es gedauert: Das Erdbeben, das am 12. Januar um 16. 53 Uhr Haiti erschütterte. Nur eine Minute, die ein ganzes Land zerstört hat. Über 150.000 Menschen verloren ihr Leben. Und die Überlebenden des ohnehin so armen Landes stehen vor den Trümmern ihrer Existenz: Auseinander gerissene Familien, zerstörte Häuser, verschüttete Verkehrsverbindungen, die eine flächendeckende Versorgung mit Hilfsgütern erschweren. Gut sechs Wochen sind seither vergangen. Die Erdbebenkatastrophe ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Selbst die Situation auf Haiti ist in den Nachrichten kaum mehr ein Thema. Die Menschen sind wieder weit weg gerückt, ihre Not, ihr Angewiesensein auf unsere Hilfe – berühren sie uns noch? Wie schnell schieben wir doch solche Erschütterung wieder von uns weg! – Wenn wir sie überhaupt an uns heranlassen.

Ich frage mich, gehe ich so schnell wieder zur Tagesordnung über, weil es nicht nur die furchtbaren Bilder selbst sind, die mich so beunruhigen und erschüttern? Nicht einmal nur die Erkenntnis, dass ähnliches auch mich treffen könnte? Ist es nicht viel mehr, weil diese Bilder Fragen mit sich bringen, die vielleicht noch quälender, noch bohrender sind, die mich noch hilfloser machen, als die unglaubliche Not an sich?

Gerade haben wir doch miteinander gesprochen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden.“

Wo war denn dieser Gott am 12. Januar? Und wo ist er jetzt? Wo ist er dort? Und – wo ist er hier? Zum Beispiel am Bett des 21 jährigen jungen Menschen. Seit über 10 Jahren liegt er blind, ohne Sprache und völlig gelähmt im Bett. Anfälle bringen ihn immer wieder an den Rand des Todes. Aber leben kann er längst nicht mehr wirklich, und doch auch nicht sterben. Ob ihn irgendwas noch erreicht? Niemand kann es sicher sagen.

Und wo ist Gott, wenn ein junger Mensch – aus welchen Gründen auch immer – durchknallt und wahllos Lehrer und Mitschüler abknallt; Kindern Vater oder Mutter nimmt, Vätern und Müttern das Kind nimmt.

Je länger desto mehr, liebe Gemeinde, kriege ich diese Frage nach Gott nicht los. Immer wieder taucht sie auf, manchmal leise nagend im Untergrund, manchmal laut, verzweifelt nach Antwort verlangend. Ja, wo ist Gott? Ist er eben doch nicht allmächtig? Oder ist er eben nicht der liebende Vater, denn dann würde er doch eingreifen! Ist ihm noch zu glauben? Ist noch auf ihn zu hoffen – angesichts von soviel Zerstörung und Leid? Sind unsere Welt gottlos und seine Menschen gott-verlassen?

Nur, woher soll ich dann noch Hoffnung bekommen, was lässt mich dann noch handeln, wenn es doch meist nur einen Tropfen auf den heißen Stein sein kann? Woher nehm ich die Kraft weiter zu gehen, weiter zu leben, wenn auch im eigenen Leben wesentliches zerbricht?

Ich weiß, darauf gibt es keine schnellen Antworten, oft sogar überhaupt keine. Und trotzdem: Ich will diese Fragen nicht mehr wegschieben, nicht verdrängen und ihnen auch nicht ausweichen, indem ich einfach zum Alltagsgeschäft übergehe und mich vor dem Leid verschließe, mich nicht mehr berühren lasse. Nur, eins will ich auch nicht: Vertröstungen, die die tiefe Verzweiflung, die Not und den Schmerz nur zudecken aber nicht wirklich ernst nehmen. Ich suche eine Antwort, mit der ich weder die Augen vor all dem Elend in der Welt – aber auch in mir selbst – verschließen muss, noch darunter zu zerbrechen brauche.

Liebe Gemeinde, und da zeigt mir der heutige Predigttext eine wesentliche Richtung auf. Seine Bilder sind mir zunächst zwar sehr fremd, kommen sie doch aus einer ganz anderen Vorstellungswelt. Aber schaue ich genau hin, dann öffnet er mir einen Blick auf Gott, der meine Fragen nach dem Leben und Glauben angesichts des Leides und der Not in ein neues Licht stellt.

Hören wir also hinein in einen kleinen Abschnitt aus dem Hebräerbrief (4, 14-16)

[TEXT]

Ein Hohepriester, das war in der biblischen Zeit der, der als einziger wirklich in fast unmittelbare Nähe Gottes kommen durfte. Das war der, der – zumindest einmal im Jahr, an Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag des Volkes Israels – freien Blick auf Gott bekam. Und so war er der, über den dann auch das Volk Einblick in das Wesen Gottes bekam.

Eben damit beschreibt der Autor unseres Briefes Wesen und Aufgabe Jesu Christ, er gibt uns Einblick in das Wesen Gottes, er war und ist sozusagen der Spiegel Gottes.

Und von ihm heißt es nun: „Er hat die Himmel durchschritten“.

Das ist doch super! Das ist also einer, der über allem stehen kann, der nicht beschränkt ist von Raum und Zeit, dem noch ganz andere Mächte zur Verfügung stehen.

Genau so wünsche ich mir oft Gott. Mächtig! Kräftig! Allem, was das Leben begrenzt, schwer macht, zerstört, soll er ein Ende machen. Naturkatastrophen, menschliche Tragödien, Tod, das soll er abhalten. Dann würde ich ja gerne festhalten an dem Bekenntnis.

Aber der nächste Satz weist mich dann doch in eine ganz andere Richtung. Zum einen würde ich jetzt ganz gerne „Stopp!“ sagen, „nicht weiter, da will ich nicht hin!“ „Ein mitleidender Gott, das ist ja auch ein leidender Gott!“ Aber das Leid will ich doch loshaben! Ein versuchter Gott? Mit Versuchungen will ich doch nichts zu tun haben, ich will nicht mehr schwach sein, müde, hoffnungslos, am liebsten aufgeben. Genau das will ich doch hinter mir lassen.

Aber genau das lässt das Neue Testament nicht zu, wenn es unseren Blick immer wieder auf den Gott lenkt, der in Jesus Christus eben nicht nur die Himmel durchschreitet, sondern sich auch ans Kreuz nageln lässt, und damit geradezu in die Hölle unseres Lebens steigt.

Schauen wir es uns an: das Bild (Kruzifix hinter der Kanzel) Dies ist die Hand, die Gott in Jesus Christus ausstreckt. Eine Hand, die sich nicht mehr drohend ballt, auch kein Gewehr, keinen Schlagstock mehr halten kann und will. Weit ausgestreckt sind seine Arme, wehrlos, hilflos – und doch: irgendwie nicht verkrampft. Man hat seine Hände durchbohrt. Fest liegt dieser Eisennagel in ihr. Aber es ist, als ob er seine Hand um ihn schließen will: um unsere Schuld, unsere Härte, unsere Abwehr. Als ob er noch die Hand ergreifen wollte, in Liebe, die den Nagel einschlug.
Konzentrierter kann Hass und Liebe nicht ineinander sein, der Hass der Welt und Seine Liebe.

In Jesus Christus begegnen wir diesem Gott mitten drin: Angstvoll weinend im Garten Gethsemane; eben nicht unberührt von Todesangst. Was tiefe Einsamkeit und Gottesferne heißt, hat er selbst hinausgeschrieen – dort am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist, als ob all unser Leben, all unsere Not und Fragen, Zweifel und Verzweiflungen hineingezeichnet sind in diese Hand. „Siehe, in meine Hände habe ich dich gezeichnet.“ Die ganze schwere, harte Welt liegt in dieser Hand. Gott weicht also weder dem Leid und Elend dieser Welt aus, noch eliminiert er es einfach, haut nicht mit aller Macht rein, sondern er begibt sich mitten hinein.

Und nun beginne ich langsam die Antwort zu entdecken, die mir bei meiner Suche nach Gott wirklich weiterhelfen kann. Denn: indem er sich mitten hinein gab, aber daran nicht zerbrach, darin nicht unterging, sondern vielmehr „am dritten Tage auferstanden ist von den Toten“, aufgetaucht aus dem tiefsten Nichtsein, hat er die alles zerstörende Macht gebrochen. Nun ist es wahrlich vollbracht! – Weil Er nicht zerbrochen ist, müssen auch wir nicht mehr zerbrechen, weil der Tod für Ihn nicht das letzte Wort war, wird es auch für uns nicht mehr das letzte sein.

Nun aber „haben wir nicht einen Hohenpriester, der nicht mitleiden könnte mit unserer Schwachheit, sondern versucht ist wie wir – aber ohne Sünde“. Wir haben Jesus, der absolut schwach wird, wenn er es mit uns zu tun bekommt, der regelrecht eine Schwäche für uns hat.

Zugegeben, wir haben in Jesus Christus keinen allmächtigen Gott, wie wir ihn uns oft vorstellen und wünschen. Im Gegenteil: Ganz bewusst verzichtet er auf Macht. Wir haben es ja in der Schriftlesung gehört. Grandios wäre es doch gewesen, Steine zu Brot – damit wäre der Hunger der Welt ein für allemal gelöst gewesen. Wie Superman von der Zinne des Tempels schweben – wow, damit hätte er doch die Massen hinter sich gehabt! Hätte er nur das Angebot der Macht über die Welt angenommen – mit einem Schlag hätte er Kriege beenden, Frieden und Gerechtigkeit für alle herstellen können. Aber nein, er bleibt unten, er bleibt einer von uns, er bleibt an unserer Seite – in allem wie wir, aber ohne Sünde, ohne Zerbruch, ohne letztes Versinken.

Liebe Gemeinde, wenn ich dieses Bild wirklich zulasse, wenn nun umgekehrt auch ich es bei diesem Jesus aushalte, dann beginne ich zu begreifen: dieser leidende, ohnmächtige, aber bis ans Ende liebende Gott kann mir näher kommen als ein starker, siegreicher,
seine Macht benützender Gott.

Diesen allmächtigen müsste ich fürchten und bewundern, aber lieben, das wäre kaum möglich. Ich wäre weiterhin allein mit meinen Schwächen, Ängsten und Problemen. Dieser menschliche Gott aber stellt sich in Jesus neben mich. Er, weil er alles selbst durchlebt, durchkämpft und durchlitten hat, versteht und begleitet mich hinein in meine Dunkelheiten, bis hinein in meinen Tod. Wir müssen unser Leben nicht mehr alleine leben. Wir haben in diesem Gott einen, der an unserer Seite bleiben will, und an dem wir uns festhalten können. Aber es ist eben der Gott mit dem Zeichen der Wunden in den Händen – bis heute.

In einer Legende des Heiligen Martin kommt dies anschaulich zum Ausdruck: „Einmal wollte sich der Teufel dem Heiligen Martin als Halt anbieten. Er erschien ihm als König in majestätischer Pracht. Er sagte: „Martin, ich danke dir für deine Treue! Du sollst erfahren, dass auch ich dir treu bin. Du sollst jetzt immer meine Nähe spüren. Du kannst dich an mir festhalten.“ Stankt Martin fragte: „Wer bist du eigentlich?“ „Ich bin Jesus, der Christus“, antwortete der Teufel. „Wo sind deine Wunden?“ fragte Martin. „Ich komme aus der Herrlichkeit des Himmels“, sagte der Teufel,„da gibt es keine Wunden“. Darauf Sankt Martin: „Den Christus, der keine Wunden hat, den mag ich nicht sehen. An dem Christus, der nicht das Zeichen des Kreuzes trägt, kann ich mich nicht festhalten.“

Zugegeben, es ist nicht eine Antwort auf das Warum des Leidens. Aber es kann eine Antwort andeuten auf die Frage, wie wir mit dem Leid umgehen können.

Christus kommt nicht, um uns den Sinn und den Zweck unseres Leidens zu erklären. Er kommt, um unser Leiden bis zum Rand mit seiner Gegenwart zu füllen und so zu einem Weg zu machen, den zu gehen Sinn hat.

Er bietet uns seine Hand an, eine Hand, die selbst durchstochen war, aber gerade deshalb zart und liebevoll unsere Wunden berühren und heilen will.

Er hält es aus, wenn wir vor Schmerz verstummen oder klagen und schreien. Er hält es aus, wenn wir weinen oder wütend sind. Er stellt sich auf unsere Seite und leidet mit. Und weil er es mit mir aushält, kann auch ich anfangen, es mit mir auszuhalten, mir nicht immer wieder davonzulaufen.

Immer wieder wird er dann auch ein befreiendes und heilendes Wort hineinsagen, wird uns erfahren lassen, dass seine Liebe stärker ist als alles Zerstörerische in unserem Leben.

Vielleicht wird am Ende unseres Weges sich das Gesicht Gottes aufhellen und so vertrauenswürdig werden, wie es für Jesus gewesen ist, als er sagte: „So sollt ihr sagen: Unser Vater im Himmel.“

Spätestens dann werden wir auch angesichts überwältigender Not handeln, eben den Beitrag leisten, der uns möglich ist, unseren kleinen Tropfen beitragen, auch wenn er auf dem heißen Stein scheinbar verdampft. Wir werden es bei uns und anderen inmitten des Leids aushalten, wie Christus es bei uns aushält. Und glauben und hoffen, dass diese kleine Tat nicht umsonst sein wird.

Deshalb: „Lasset uns hinzutreten in Freimut zu dem Thron seiner Gnade“, das heißt in den Machtbereich dieser leidensbereiten und leidensfähigen Liebe „auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade, d.h. Beistand, finden in der Zeit, wenn uns Hilfe Not sein wird.“

Denn auch in den tiefsten aller Krisen ist uns Gott uns Menschen nah!

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