Hinauf ans Kreuz hinein ins Leben

Der Weg, der vor uns liegt, ist lang und weit und schwer.
Er geht zwar hinauf, aber nicht in luftige Höhen. Es wird nicht der Himmel auf Erden sein, sondern sich wie die Hölle anfühlen.
Die Hölle auf Erden mit allem, was Menschen Menschen antun können.
Passionszeit ist schonungslose, ehrliche und entlarvende Zeit.
Schluss mit allen Illusionen, Träumen, Wunschvorstellungen, denen wir uns hingeben
Zeit für schonungslose Offenheit und Ehrlichkeit.
Ein Weg hinauf nach Jerusalem: Ein Weg ans Kreuz.
Ein Weg durch Leiden in den Tod.
Ein Weg, auf dem ich meinen Lebensweg entdecken, in den ich mein Leben hineinlesen kann.
Ein Weg, auf dem ich verstehen lerne: mich – was mir passiert, – Gott, mir nah, mir fern und manchmal auch fremd.
Leben mit allen Facetten. Sieben Wochen werden wir unterwegs sein.
Vom Aschermittwoch, dem Ende des närrischen Treibens, bis Karsamstag, dem Tag der Grabesstille, und unterwegs Stationen, an denen wir innehalten, nachdenken, begreifen, mitleiden, uns selbst begegnen.
Denn es ist ja zunächst noch gar nicht unser Weg.
Da geht das Leben eines Menschen direkt seinem Ende entgegen, den manche für einen Träumer, für einen Narren gehalten haben.
An die Kraft der Liebe hat er geglaubt, das Niedrige wollte er aus dem Staub erheben, die Schwachen, Armen und Ohnmächtigen in die Mitte stellen. Benachteiligte wollte er aus ihrem Schattendasein befreien, Schuldige entlasten, den Teufelskreis von Krankheit, Ausgrenzung, Isolation und Tod wollte er durchbrechen.
Für einen Augenblick konnte er Menschen überzeugen, gewinnen, ein Strahlen in die Finsterniss und Tristess des Alltags zaubern.
Aber damit ist es im Schatten des Kreuzes bald vorbei.
Es sieht aus wie die Geschichte eines grandiosen Scheiterns einer gut gemeinten Idee – aber eben nur gut gemeint.
Zerbrochen an den eigentlichen starken Kräften dieser Welt.
Schon am Anfang haben sie sich ihm in den Weg gestellt, damals in der Wüste, nach vierzig Tagen und Nächten. Was haben Menschen nicht schon alles preisgegeben für ein Stück Brot. Wie schnell haben sie sich abspeisen lassen, sich kaufen und ruhig stellen lassen. Gebt dem Volk nur Brot und Spiele. Dabei geht es doch gar nicht um den garantierten,finanzierten Wohlstand für alle ohne Anstrengungen, um Brot ohne Ende, wie man bei der unsäglichen Hartz IV Diskussion glauben mag. Es geht doch zu tiefst um die Menschenwürde und das Menschenrecht. Leben ist mehr als nur ein voller Bauch. Leben ist die Erfahrung gebraucht und wahrgenommen zu werden, mit allen Begabungen und Bedürfnissen, eingebunden zu sein in die Gemeinschaft und Gesellschaft, sich einbringen zu dürfen. Es geht um den Blick, mit dem Gott auf uns schaut, uns wahrnimmt und ernst nimmt.
Wie groß und mächtig ist die Versuchung das Unmögliche zu wagen, alle grenzen zu überschreiten, auch ins Unbekannte einfach hinein zuspringen. Alles, was möglich ist, soll auch erlaubt sein.
Was als Segen beginnt und als Segen verkauft wird, kann unter der Hand zum Fluch werden. Dürfen wir wirklich grenzenlos darauf vertrauen, dass Gott uns schon auffangen wird, dass der Kelch noch einmal an uns vorübergeht, dass es am Ende nicht so schlimm kommt trotz Klimakatastrophe, trotz Naturgewalten, trotz Restrisiko vieler Technologien ?
Hält das Netz, wenn wir springen, das Netz einfältigen Leichtsinnes, dem wir vertrauen statt uns zu verantworten? (Pause)
Am Ende erliegen immer wieder viele der Versuchung der Macht, selbst wenn sie sie Verantwortung nennen.
Die Versuchung der Macht, die Verlockung des Reichtums, die Gerissenheit der Habsucht ist beeindruckend grenzenlos, dazu braucht es keine Immobilienkrise und auch keine Steuerdaten CD’s aus Luxemburg oder der Schweiz. Das Geld die Welt regiert ist seit Jahrhunderten,seit Jahrtausenden schon bekannt.
Eine Welt, in der für ein Stück Brot die Moral geopfert wird, in der die Verlockung, – ohne Rücksicht auf Verluste – alles zu wagen, nicht gezügelt werden kann und in der Macht und Pracht alles und alle in den Bann schlagen, kann diesen Menschen nicht ertragen und aushalten, der eben nicht auf dem roten Teppich schritt und ins Blitzlichtgewitter lächelte, sondern in die Tiefen hinabstieg.
Ihm sind diese Versuchungen wohl alle vertraut und begegnet. Er hat sie entlarvt und enttarnt, so dass sie als solche erkennbar werden und sich nicht mehr verstecken können hinter Versprechen von Wohlstand und Fortschritt und Gerechtigkeit.
Und er hat widerstanden.
Das macht ihn bis heute vielen so suspekt.
„Mit der Bibel und der Bergpredigt kann man doch keine Politik machen“ wird ihm entgegengehalten oder „Frau Kässmann kann ja mit den Taliban im Zelt eine Bibelarbeit halten“ spotten die anderen und wirken dabei sogar überzeugend.
Ich gebe zu, dass ich auch keine Antworten auf all die drängenden Fragen unserer Zeit und die immer wieder kehrenden Probleme der Menschen habe. Ich habe lediglich eine andere Wahrnehmung, einen anderen Blick, geschult am Weg dieses Jesus von Nazareth hinauf nach Jerusalem, hinauf ans Kreuz.
Ein Weg, so der Hebräerbrief, der seinen Anfang im Himmel genommen hat und deshalb sein Ziel in den Tiefen und Niederungen menschlichen Lebens finden musste.
Bei den Hungernden, Teilnahmslosen, Ohnmächtigen , Verstummten, Kranken, dem Tod Preisgegebenen.
Und ich merke, dass ich in seiner Gegenwart, in seiner Nähe so sein kann, wie ich bin. Ein Mensch mit Grenzen und Schwächen, ein Mensch mit Fehlern, manchmal hilflos,manchmal ratlos.
In seiner Gegenwart muss ich nicht die Rolle spielen, die andere mir diktieren. Ich muss ihm und eigentlich auch anderen nichts vormachen.
Schwachheit ist keine Schande.
Die Welt besteht nicht nur aus Reichen, Schönen,Perfekten. Ihre Welt ist eine Scheinwelt und eine Kunstwelt. Die kann einen Augenblick lang begeistern, aber eben nur einen Augenblick. Das Leben ist keine grenzenlose Berlinale.
Das Leben ist ein Auf und Ab, ist Freude und Leid, ist Aufbruch und Scheitern, ist Nähe und Fremdheit, ist Optimismus und Ratlosigkeit, ist Geboren werden und Sterben.
Aber genau dieses Leben hat Gott gewählt, als er Mensch wurde.
Genau in dieses Leben hat Jesus Gott hineingebracht. Vielleicht kann man so beschreiben, was der Dienst des Priesters, des Hohenpriesters ist. Gott in das Leben der Menschen hinein versprechen und hinein bringen.
Das wäre die größte Täuschung zu glauben, dass Gott nur bei den Erfolgreichen und Glücklichen zu Hause ist.
Auch bei den Angefochtenen, den Zweifelnden, den Suchenden, den Rebellierenden ist er. Auch so glauben Menschen, ringen um ihre Gottesbeziehung. Und Gott ringt mit ihnen, will sie nicht los lassen, sondern ganz bei ihnen bleiben.
Auch deshalb geht der Weg bis in die Verzweiflung im Garten Gethsemane und am Kreuz und gipfelt in der schmerzlichsten menschlichen Erfahrung, die es wohl gibt: mein Gott,mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Wenn ich an etwas nicht rütteln lassen will, dann an dieser immer wieder angefochtenen Gewissheit, dass mich nichts aus der Hand und aus der Liebe Gottes reißen kann.
Das ist das Bekenntnis,an dem ich festhalte.
„Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, der versucht worden ist in allem, wie wir.“
Es liegt unendlicher Trost in dieser Erfahrung. Da ist nicht Mitleid, das brauche ich gerade nicht, aber da ist Mitleiden. Größere Nähe kann ich mir nicht vorstellen.
Und daraus erwächst mir die Kraft zu der Zeit, zu der ich Hilfe nötig habe.
Verdichtet im Choral: von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir(EG 365)

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