Traueransprache auf Jesus

Liebe Familie von Jesus,
liebe Jüngerinnen und Jünger,
liebe Trauergemeinde,

wir haben uns heute versammelt, weil Jesus von Nazareth gestorben ist. Er ist nur etwa 30 Jahre alt geworden. Und noch vor einer Woche hat niemand von uns mit seinem gewaltsamen Tod gerechnet.

Immer frage ich mich: was hätte Jesus noch alles tun können? Wie viele Menschen hätte er noch heilen können? Vielleicht hätte er sogar mit seiner Gewaltlosigkeit Frieden mit den Römern gebracht. Aber jetzt ist Jesus tot. Er hätte noch so viele Möglichkeiten gehabt. Aber er kann sie nicht mehr verwirklichen.

Gestern noch haben wir mit ihm zu Abend gegessen. Und seitdem hat sich alles geändert. Unser Bruder Judas – wer hätte das von ihm gedacht – Judas hat ihn verraten. Wir Jünger haben Jesus im Stich gelassen und sind im Garten Gethsemane eingeschlafen. Und ich habe Jesus in der letzten Nacht drei mal verleugnet, noch ehe der Hahn drei mal krähte.

Und trotzdem habt ihr zu mir gesagt: Petrus, du musst die Traueransprache für uns halten. Was ihr von mir erwartet, fällt mir so unendlich schwer! Ich fühle mich schuldig. Und ich muss gestehen – ich habe unendliche Angst vor den Römern. Wen werden sie als nächstes von uns verhaften? Wer von uns ist noch sicher vor ihnen?

Ich bedanke mich ausdrücklich, dass ihr alle trotzdem gekommen seid – dass ihr den Mut dazu hattet. Trotz der Gefahr, verhaftet zu werden. Uns alle verbindet, dass wir an Jesus geglaubt haben. Wir dachten, er wäre der Sohn Gottes! Aber, mal ehrlich, wie sollte der Sohn Gottes von Menschen getötet werden.

Die Angst ist unser ständiger Begleiter. Zwei von uns Jüngern haben schon jetzt beschlossen, dass sie Jerusalem verlassen wollen – sie wollen übermorgen nach Emmaus gehen. Andere haben solche Angst vor den Römern, dass sie sich versteckt und verbarrikadiert haben.

Nur einige Frauen wollen es wagen, übermorgen zum Grab zu gehen. Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus sind wohl dabei. Und auch Salome. Sie wollen den Leichnam von Jesus salben.

An dieser Stelle müssen wir dir, Josef von Arimathäa, übrigens von Herzen danken. Obwohl du ein Ratsherr bist, hattest du den Mut, bei Pilatus vorzusprechen. Dank dir konnten wir Jesus in dein Felsengrab legen. Danke, Josef von Arimatäa!

Einige von euch, die hierher gekommen sind, sind ja erst vor kurzem zu Jesus gestoßen. Daher wurde ich auch gebeten, einige Stationen seines Lebens zu benennen. Und irgendjemand von euch hat mir vorhin sogar gesagt, dass er eine Biografie von Jesus aufschreiben will. Aber was soll das noch nützen, jetzt wo Jesus tot ist?

Also, geboren wurde Jesus als Kind von Maria und Josef. Du Maria, warst ja auch gestern dabei, als Jesus am Kreuz gestorben ist. Dir gilt ganz besonders unser aller Mitgefühl. Wir ahnen, wie unerträglich es für dich als Mutter sein muss, zuzuschauen, wie dein eigener Sohn stirbt. Wir alle wollen dich in Zukunft nach Kräften unterstützen. Und Jesus hat ja selbst gesagt, dass der Jünger, den er besonders lieb hatte, jetzt dein Sohn sein soll … das ist hoffentlich ein kleiner Trost für dich.

Schon als Jesus in Bethlehem geboren worden war, wollte Herodes ihn töten. Herodes sah seine Macht gefährdet. Ach wisst ihr, es geht doch immer nur um Macht. Wer hat denn schon wirklich verstanden, dass Jesus nicht das Schwert bringen wollte, sondern Frieden. Herodes ließ sogar alle Kinder in Bethlehem töten, die zweijährig und darunter waren.

Getauft wurde Jesus von Johannes dem Täufer. Damals wurde Jesus von Gott adoptiert, weil eine Stimme vom Himmel kam, die sagte: „Dies ist mein geliebter Sohn!“ Einige von euch älteren, die hier unter uns sitzen, werden sich noch daran erinnern.

Was folgte, ist das, was ich die goldene Zeit mit Jesus nennen möchte. In dieser goldenen Zeit hat er Wunder getan. Er hat Wasser in Wein verwandelt. Er hat 5000 Menschen mit scheinbar nichts satt gemacht. Er hat Kranke geheilt. Er hat Besessene von ihren Zwängen befreit.

Aber, ihr alle wisst es, er hat sich auch immer wieder gestritten. Mehr als einmal habe ich ihm gesagt: Leg dich nicht an, Jesus, mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. Aber schon als 12jähriger musste er ja diskutieren im Tempel. Manche hielten ihn schon damals für altklug und überheblich.

Warum musstest du immer so provozieren, Jesus? Warum musstest du Ähren ernten am Sabbat und so gegen unsere Gebote verstoßen? Warum musstest du das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählen, in dem die Leviten und die Priester so schlecht dastanden?

Und selbst in seinem Prozess heute vormittag vor dem Hohen Rat und vor Pilatus hat er sich nicht wirklich verteidigt. Immer wieder hat er gesagt, er muss den Weg ans Kreuz gehen. An dieser Stelle habe ich ihn nie verstanden! Warum mussste er diesen Weg unbedingt gehen? Was haben wir jetzt davon, dass Jesus tot ist? Warum nur ist Jesus gestorben? Ich weiß es nicht!

Immer wieder kreist genau diese Frage quälend in meinem Kopf:
Warum ist Jesus nur gestorben? Vordergründig war dies ein religiöser Machtkampf. Und ein politischer Machtkampf noch dazu.

Warum ist Jesus nur gestorben? Ich habe zugleich den Eindruck,
Jesus ist wegen uns gestorben. Selbst ich, der ich ihn so sehr liebe, habe ihn verleugnet. Selbst unser Bruder Judas hat ihn verraten. Ich befürchte, wir tragen alle den Judas in uns. Keine und keiner von uns kann sich von Schuld freisprechen. Ich glaube fast, Jesus ist auch für unsere Schuld und für unsere Sünden gestorben.

Warum ist Jesus nur gestorben? Schließlich glaube ich, er hat sein Leben für uns hingegeben, weil er uns so sehr liebt. So als wollte er auch heute noch zu uns sagen: „Seht her, meine Liebe zu euch ist grenzenlos! Selbst den Tod nehme ich auf mich!“

Und dabei haben wir Jesus doch alle rufen hören: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Das Sterben von Jesus war so schrecklich, dass niemand von uns es jemals vergessen wird.

Liebe Familie von Jesus, liebe Jüngerinnen und Jünger, liebe Trauergemeinde, Maria hat vorhin zu mir gesagt: „Petrus, sag doch auch was Tröstliches! Die Freundinnen und Freunde von Jesus sollen die Hoffnung nicht verlieren! Es muss doch irgendwie weitergehen!“

Darum erinnere ich euch an dieser Stelle an Lazarus. Ihr erinnert euch bestimmt, dass Lazarus gestorben war. Und Jesus hat ihn nach vier Tagen wieder auferweckt.

Damals hat Jesus einen Satz gesagt, der uns vielleicht Hoffnung geben kann. Vielleicht … Hoffnung geben kann … sage ich bewusst. Jesus sagte damals den Satz: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“

Außerdem hat Jesus immer wieder gesagt: „Der Menschensohn muss nicht nur sterben sondern auch auferstehen.“

Liebe Schwestern und Brüder, es klingt verrückt. Aber an diesen Strohhalm müssen wir uns klammern.

Was können wir denn sonst tun? Was würde Jesus jetzt von uns erwarten?

Sicher will er nicht, dass wir jetzt den Aufstand gegen die Römer losbrechen lassen. Viele im Volk warten ja nur auf den Aufstand. Aber ich sage euch: Jesus hat uns doch sogar gesagt: „Liebet eure Feinde.“ Wie sollten wir da militärisch kämpfen?

Was können wir also tun? Die Antwort gibt uns Jesus selbst: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet!“

Lasst uns die Hoffnung auf Auferstehung nicht begraben. Die Liebe lässt sich nicht begraben.

Lasst uns immer wieder beten! Jesus hat uns doch das Vater Unser gelehrt. Lasst es uns immer wieder gemeinsam sprechen, bis es viele von uns auswendig mitbeten können.

Lasst uns heute auch das Abendmahl feiern. Manche Träne wird fließen, gewiss. Zu frisch ist die Erinnerung an das Abendmahl mit Jesus gestern Abend. Aber er hat doch selbst gesagt: „Solches tut zu meinem Gedächtnis.“

Liebe Trauernde, wir alle wissen nicht, wie es jetzt weitergeht. Die Welt scheint still zu stehen.

Was können wir jetzt also tun, außer zu weinen. Wir müssen uns immer wieder erinnern, was Jesus uns gelehrt hat! Seine Worte und seine Taten müssen der höchste Maßstab für uns bleiben.

Und darum lasst uns nie vergessen – niemals: Jesus hat sein Leben für uns hingegeben. So sehr hat er uns geliebt. So sehr liebt er uns noch immer.

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