Es ist was es ist

Liebe Gemeinde!

Wie es Ihnen wohl gegangen ist, beim Hören dieses Textes?!
Einige werden sich erinnert haben, an einzelne Verse, vielleicht an einzelne Bilder… Ja, es ist ein bekannter, ein beliebter – und ein gewaltiger Text, der da heute zu uns spricht, tief, unauslotbar – und als Prediger hat man gerade deshalb oft seine Mühe damit. Ich gestehe, seit einer Woche gehe ich mit diesem Text vermehrt um (am Montag schaue ich mir immer den Ptext für kommenden Sonntag an…), warte darauf, dass er oder Es zu mir spricht, lese gelehrte Kommentare und stimme zuletzt mit Wilhelm Stählin überein: „Über diesen Text kann man eigentlich nicht predigen“.

Warum? Weil man als Prediger hinter diesem Text immer zurück bleibt. Weil dieser Text gewaltige Emotionen hervorrufen kann, Gefühle, die komplexer sind als alle Worte.

Und: weil wir all unsere Erkenntnis „durch einen Spiegel sehen“, dh.: verzerrt sehen, so dass sich ein „dunkles Bild“ ergibt, kein helles, klares, (V12) wie Paulus sagt. Dh, alles ist Stück-Werk, wir sehen immer nur ein Stück vom Ganzen, bruch-stück-haft. Und weil das so ist, ist unser Wissen, unsere Einsicht: beschränkt, eingeschränkt.

Unser Wissen ist beschränkt, auch unser Glaube, unsere Religion, unsere Ethik, unsere Moral. Paulus, dieser gelehrte Briefschreiber, gibt sich hier als ein zu erkennen, der weiß, dass auch er nur bruchstückhaft erkennen kann. Eingeschränkt ist.

Wie wir alle. Es beschränken uns die vielen Schranken des täglichen Lebens: Kultur, Tradition, Sitten und Gebräuche, unsere Sprache, unser Lebensumfeld…

Wir sehen, so Paulus, die Wirklichkeit: nur bruchstückhaft, zerstückelt, nicht als Ganzes, ausschnittweise, und sehen deshalb so schlecht die Zusammenhänge, das große Ganze. Wie eben bei einem dunklen, dh schlecht ausgeleuchteten Bild, wo nur Einzelnes hell und so erkennbar ist, aber nicht das Ganze.

Dabei halten wir dieses Bruchstückhafte immer wieder für die Wahrheit selbst. Statt uns einzugestehen, dass alles, was wir tun und denken: beschränkt ist und Grenzen hat.

Aber, lb Gd, so verstehe ich Paulus hier, diese (natürlichen, weil menschlichen) Beschränkungen müssen uns nicht verzweifeln lassen. Denn es gibt e i n Gegenmittel, Hilfsmittel, etwas, was unsere Beschränktheit aufzuheben, besser: auszugleichen vermag: Paulus benennt es: die Liebe!

Und jetzt kommt Paulus so richtig in Fahrt. Als ob ihn die Erkenntnis, dass unser bruchstückhaftes Erkennen ein Hilfsmittel, ein Heilmittel bekommen hat, beflügelte, beschreibt er jetzt die Liebe mit eindringlichen Bildern, nein, er beschreibt sie nicht nur, er wird jetzt poetisch, er besingt die Liebe.

Ja, er besingt sie: dieses Hohe-Lied (!) der Liebe ist ein Hymnus, kunstvoll komponiert, in 3 Dreiergruppen (drei: die Zahl der Vollkommenheit), neun mal (3×3 also, die Potenzierung der Vollkommenheit!) kommt das Wort Liebe hier (agape) vor. Höchste Dichtung. verdichtete Gedanken, – in hymnische Form gebracht.

Denn Paulus ist ergriffen. Weil er begriffen hat, worauf es eigentlich ankommt in all unserem Mühen – nach Erkenntnis, im Zusammenleben, in unserem Dasein: das einzige was zählt und was Bestand hat, was bleibt, ist die Liebe.

Und so besingt er die Liebe, bringt Beispiele aus dem täglichen Leben, auch aus dem Glaubensleben (Glaube, der Berge versetzen kann) – und kommt zu dem Schluß: ohne die Liebe ist alles nichts!

Ein gewaltiger Text. So erhebend. Und: niederschmetternd? Könnte ja sein.

Denn natürlich spüre ich: s o lieben kann ich nicht. Diese Liebe, von der hier die Sprache ist, ist eine, nein, nicht eine, ist mehrere Nummern zu groß – für mich.

Denn was tut die Liebe nicht alles! – und was nicht!

Jetzt zählt er auf, was die Liebe nicht tut.

Die Liebe ist nie und nimmer schadenfroh, sie spottet nicht, sondern sie bleibt freundlich und verzeiht Unvollkommenheit.

Wo auch immer etwas schief gelaufen ist: die Liebe hält es aus. Und wo alles so beschränkt ist: die Liebe öffnet Schranken. Da schlägt die Liebe Brücken und zeigt neue Wege. Das alle tut die Liebe und noch mehr. Weil die Liebe grenzenlos ist und ohne Ende. So Paulus.

Nein, lb Gd, einen solche Liebe haben wir nicht, habe ich zumindest nicht.

Wozu dann dieser Text? Will er mich klein machen? Gewiss nicht. Aber der Ptext könnte mich sensibel machen für die Möglichkeiten, die ich habe, die Liebe zu üben.

Vielleicht ist mir noch gar nicht bewusst geworden, wo ich gut bin im: Liebe-Üben. Wo ich beim Thema Lieben Stärken habe – bei aller Unzulänglichkeit. Vielleicht bin ich ein guter Zuhörer, der sich angewöhnt hat, nicht zu schnell zu ver-urteilen.

Vielleicht ist jemand von Haus aus griesgrämig, aber bei Kindern, da geht ihm/ihr das Herz auf und ein Gefühl des Wohlwollens, ja, der Liebe ist spürbar.

Will heißen: wir alle, alle, da bin ich sicher, haben einen Bereich, wo wir das praktizieren, von dem Paulus hier spricht. Die Liebe.

Und wenn wir uns dies bewusst machen, spüren wir, wie das uns gut tut, das Herz weitet, ansteckend ist und: nach mehr verlangt.

Aber, trotz allem, an das, was Paulus hier beschreibt, komme ich nicht ran. An diese alles umfassende, alle und alles einbeziehende Liebe.

Und überhaupt, welche Liebe meint Paulus eigentlich? Die Liebe zur Schöpfung? Zum Nächsten? Zum Fernsten? Zum Freund, zum Feind? Zu Gott?

Alles ist gemeint – und ich merke, so allumfassend lieben: kann nur Gott. So lieben kann nur ein Gott, der die Liebe ist. Der Joh.-Brief hat es erfasst, und sagt es: Gott i s t die Liebe. (1.Joh. 4,16) (ho theos hä agapä estin)

Das, lb. Gd., entlastet mich, lässt mich barmherziger umgehen mit meinem Stückwerk an Liebe. Und lässt mich Gott bitten, mir Liebe zu schenken. Mich, ein Stück mehr teilhaben zu lassen, an dem, was er ist und gibt: an der Liebe.

Ich brauche da seine Unterstützung. Weil, ja, – was steht denn der Liebe eigentlich im Wege?

Letztendlich immer: die Angst. Die Angst vor Verletzung. Die Angst, zu kurz zu kommen. Und oft, die Vernunft, der Verstand.

Nein, sagt der Verstand, jetzt ist Schluss, nicht nochmal… Nein, sagt die Vernunft, nicht nochmal dieses….

Dazu, lb Gd, ein Gedicht, von Erich Fried. Auch hier: Dichtung, hohe Ver-dichtung von dem, was die Liebe ist. Ein Gedicht vom „Dennoch“ der Liebe. Einsprüche gegen die Vernunft, gegen die Angst, gegen alles, was die Liebe: außen vor lässt.

(Gedicht: E.F., Gesammelte Werke, Gedichte 3, p.35)

„Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe“

Die Liebe, sagt hier Erich Fried, die Liebe anerkennt, was ist und sagt dennoch: Ja. Sagt: Trotzdem, sagt: Dennoch…

Ob, lb Gd, Erich Fried gemerkt hat: dass er hier zu predigen begonnen hat? Dass hier – auch – von Gott und seiner Liebe zu den Menschen gesprochen wird?

Denn ist Gottes Liebe zu uns nicht ein einziges, großes Dennoch? Ein unbeschränktes Ja angesichts unseres oft so beschränkten Nein?

Doch, lb. Gd, ganz gewiss ist so. Und Gott will, dass wir dies erkennen, will, dass wir diese seine Liebe erkennen und zulassen, und so gut wir können leben, weitergeben.

Und so immer gewisser werden darin, dass ohne die Liebe alles keinen Wert hat.

Denn sie gehört zu einem gelingenden Leben. Immer wieder wird sie uns geschenkt in unserem Leben, immer wieder berührt sie uns, oft ganz unvorhergesehen.

Wie Gott. Immer wieder nehmen wir etwas von ihm wahr, spüren wir etwas von seinem Bei-uns-Sein.

Bruchstückhaft, gewiss. Denn -das Ganze – liegt vor uns. Erst wenn das Vollkommene kommen wird,(V10) (gute Nachricht: wenn sich die ganze Wahrheit zeigt) dann wird das Stückwerk aufhören.

Dann aber werden wir sie erfahren, am Ende unserer Tage, diese allumfassende Liebe, die wir Gott nennen, sie wird uns berühren, mehr noch, zärtlich festhalten, bergen, so dass wir unzertrennlich sein werden, eins werden, wir und Gott – eben die Liebe, die niemals aufhört

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