Liebe, wie Gott sie meint

Der heutige Predigttext ist ein bekanntes, insbesondere bei Trauungen häufig gelesenes Wort des Apostels Paulus. Gerade deshalb möchte ich ein paar Sätze zur Einleitung sagen, bevor ich den Text vorlese.

Paulus schreibt an die zerrissene Gemeinde von Korinth. Der Glaube war aufgebrochen in dieser berüchtigten Hafenstadt am griechischen Peloponnes. Es waren Zeichen und Wunder geschehen wie zu Zeiten Jesu. Doch die Christen wurden enthusiastisch und ließen sich beeindrucken von den Menschen, die zu ihnen predigten und diese wunderbaren Dinge wirkten.

Und so gab es verschiedene Gruppen in Korinth. Die einen beriefen sich auf Petrus, die andern auf Apollos, die dritten auf Paulus. Je nachdem, wer sie am meisten beeindruckt hat.

Paulus zählt die einzelnen geistlichen Gaben auf, mit denen sie sich untereinander brüsteten: das Reden in unbekannten Sprachen, wie sie der Heilige Geist eingibt, das Heilen von Kranken durch Gebet. Und einige erhielten prophetische Eingebungen und Weisungen und konnten göttliche Wahrheiten verkündigen.

Doch diese geistlichen Gaben, die zur Erbauung der Gemeinde hätten dienen sollen, haben die Christen verblendet. Sie rühmten sich ihrer Begabungen. Aber Paulus hält ihnen entgegen: „Wer sich mit rühmen will, der rühme sich mit dem, was der Herr getan hat!“

Dieser jungen Gemeinde von Korinth schreibt nun Paulus jene Worte, die wir auch: „Das Hohelied der Liebe“ nennen.

[TEXT]

Liebe Gemeinde!

Kein Mensch wird bestreiten, dass die Liebe zu den wichtigsten und schönsten Dingen des Lebens gehört. Ohne Liebe – was wäre das für ein Leben? Wer diese tiefste menschliche Verbunden- und Geborgenheit nicht erfährt, wer dieses Gefühl der Sehnsucht nach einem Menschen, ohne den wir nicht ganz und vollständig sind, nicht kennt, dessen Leben ist arm und traurig!

Ohne ein Minimum an Liebe ist der Mensch nicht lebensfähig. Das wissen nicht nur die Psychologen, das sehen wir auch an den Verzweiflungstaten von Menschen, die niemanden haben, der sich um sie kümmert. Wie reich unser Leben auch sonst sein mag, ohne Liebe wäre es jedenfalls kein wirklich erfülltes Leben.

Das alles wird niemand bezweifeln. Aber Paulus sagt mehr als das. Er meint nicht etwa nur, man dürfe die Liebe nicht vergessen, wenn man die höchsten Güter und Gaben aufzählt. Paulus sagt vielmehr: Ohne Liebe ist alles andere nichts! Was wir sind und haben, was unser Leben ausmacht und auszeichnet – es zählt vor Gott nichts, wenn die Liebe fehlt!

Ich haben einen Text gefunden, der uns verdeutlicht, worum es hier geht. Da heißt es:

„Ehre ohne Liebe macht hochmütig.
Macht ohne Liebe macht grausam.
Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich.
Besitz ohne Liebe macht geizig.
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.
Klugheit ohne Liebe macht betrügerisch.
Wahrheit ohne Liebe macht kritiksüchtig.
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.
Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.
 Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch.
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.“
(Laotse)

Selbst die besten Gaben und Begabungen werden in ihr Gegenteil verkehrt, wenn die Liebe fehlt. Und die Korinther haben sogar den größten Schatz, den Gott seiner Gemeinde anvertraut – die geistlichen Gaben – missbraucht.

Darum lässt Paulus nichts von alledem gelten. Weder die Gabe, in geistgewirkten Sprachen zu sprechen, noch prophetische Eingebungen oder die Schau der Geheimnisse Gottes. Das alles tut Paulus ab. Nicht aus einer aufgeklärten Haltung heraus. Paulus hatte ja selbst solche Erlebnisse. Doch das alles kann die Gemeinschaft mit Gott nicht verbürgen, wenn die Liebe fehlt.

Und noch eines setzt Paulus drauf: „Wenn mir der Glaube im höchsten nur denkbaren Maß gegeben ist, sodass ich Berge versetzen kann –, aber keine Liebe habe, bin ich nichts.“ Ohne die Liebe ist der Glaube nichts! Denn ohne Liebe wird der Glaube fanatisch.

Auch nicht die guten Werke, das bereitwillige Geben von Spenden, ja, nicht einmal, wenn ich bereit bin, meinen ganzen Besitz oder gar mein Leben zu opfern, würde es mir etwas nützen, wenn ich keine Liebe hätte. Mit alledem kann ich das ewige Leben nicht erkaufen.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Was ist denn das Besondere an der Liebe? Was zeichnet sie denn vor allem anderen aus?

Erkenntnis, Weissagung, Glaube und all die anderen Fähigkeiten und Dienste, die Paulus in Röm 12 und 1. Kor 12 aufzählt, nennt Paulus „Gaben“. Die Liebe bezeichnet er nicht so. Die Liebe ist dem Menschen eben nicht so gegeben, übergeben, wie diese Gaben.

Was bedeutet das? Die besonderen Gaben und Fähigkeiten eines Menschen sind so sehr ein Teil, eine Eigenschaft von ihm, dass er sich durch seine Gaben von seinen Mitmenschen unterscheidet. Die Gaben, die jemand hat, zeichnen einen Menschen aus. Sie sind der Grund, warum man diesen Menschen einem anderen vorzieht, oder warum ich gerade dieser einen Person näher stehe als anderen.

Weil Menschen verschiedene Gaben haben, unterscheiden sie sich voneinander. Die Gaben schaffen Abstand zwischen Menschen, ja sie trennen einen vom andern.

Die Liebe aber verbindet, sie schafft Gemeinschaft. Paulus sagt einmal von der Erkenntnis und von der Weisheit: Sie blähen auf. Das gilt ebenso von allen anderen Gaben. Sie begründen eben den Unterschied, den Vorzug eines Menschen gegenüber einem anderen. Und da ist es nicht mehr weit, dass man die Unterschiede hervorkehrt und hochnäsig wird.

Das war das Problem in Korinth. Trotz der Segnungen Gottes wurde die Gemeinde nicht erbaut, sondern zerrieben.

Wo den Gaben die Liebe fehlt, machen sie einen Menschen stolz und eingebildet, – aber die Liebe baut auf! Sie fügt die Menschen zur Gemeinschaft zusammen. Sie pocht nicht auf die Unterschiede, sondern sie überwindet die Unterschiede. Und seien sie noch so groß!

Aber wer hat denn schon solche Liebe, ohne die alles umsonst ist? Und wie kann denn die Liebe, wie sie Paulus hier in aller Reinheit und Klarheit beschreibt, in unserem Leben Wirklichkeit werden?

Gerade das will Paulus sagen: Die Liebe, wie Gott sie meint, übersteigt alle menschlichen Möglichkeiten. Unsere Gaben können wir ausbilden und üben. Und wir sollen unsere Gaben, auch den Glauben einüben – immer wieder, so wie man ein Musikinstrument täglich üben muss, auch wenn man schon ein guter Musiker ist.

Aber die Liebe können wir nicht einüben. Wir können sie nicht in uns hervorbringen oder festhalten. Nicht wir ergreifen sie, sondern sie ergreift uns! Die Liebe ist eine Macht, die sich unser bemächtigt! Dadurch unterscheidet sie sich von den Gaben.

Unsere Begabungen sind uns anvertraut als unser Pfund, und wir sollen damit wuchern. Über die Liebe aber verfügen wir nicht. Wir können sie nicht hervorbringen, wir können sie höchstens abweisen und uns ihr entziehen.

Wie kann nun diese Liebe, wie Gott sie meint, in unserem Leben Gestalt gewinnen?

„Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach.  Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.“

Wir merken, wir schaffen das nicht. Wie kann diese Liebe in unserem Leben Gestalt gewinnen? Wenn wir dorthin gehen, wo diese Liebe in unserer Welt Gestalt gewonnen hat – in Jesus Christus – und uns von ihr ergreifen lassen!

„Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

Gott ist Liebe. Und Jesus Christus ist die menschgewordene Liebe Gottes.

Vor diesem Hintergrund, was Gott alles für uns tut, was er aufgibt, um uns nachzugehen – vor diesem Hintergrund liest sich die Beschreibung unseres Predigttextes, was die Liebe tut, noch einmal ganz anders: Gottes Liebe hat Zeit. Jesus Christus liebt uns mit unendlicher Geduld. Er erzwingt nichts, er nimmt uns so, wie wir sind. Er wird nicht bitter durch bittere Erfahrung. Er rechnet das Böse nicht zu. Jesu Liebe trägt alles, glaubt alles, hofft alles.

Je mehr wir uns von dieser Liebe ergreifen lassen, indem wir uns dem Wort Gottes öffnen und sich ihm zuwenden, desto mehr wird auch etwas von dieser Liebe in unserem Leben spürbar werden.

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