Kein Brimborium

Eigentlich ist heute doch ein Tag wie jeder andere: Hans war wieder vor mir auf, hat Kaffee gekocht und den Frühstückstisch gedeckt. Das macht er schon seit Jahren so, seit er in Rente ist. Ein feiner Zug, finde ich. Zumal ich doch immer so schlecht aus dem Bett komme und ohne Kaffee mit mir nichts aufzustellen ist. Heute ist der Tag unserer Goldenen Hochzeit. Wir haben abgemacht, dass wir kein großes Brimborium daraus machen wollen. Also bleib ich noch ein bisschen liegen und harre der Dinge, die da kommen. Es ist doch eigentlich ein Tag wie jeder andere, oder?

Kein Brimborium will se haben, die Gertrud! Als ob dies ein Tag wie jeder andere wäre! Also, manchmal ist sie doch richtig schrullig. 50 Jahre sind wir heute verheiratet, das ist doch was, das schafft doch nicht jeder! Ne, also so ganz ohne alles, das geht nun ja gar nicht. Nachher kommt der Pastor. Und der Bürgermeister. Und die Nachbarn natürlich. Also, ein Tag wie jeder andere wird das nicht. Ob die wohl mal so langsam aus den Federn kommt? Ob ich nochmal nach ihr schaue? Ich liebe es, ihr beim Schlafen zuzusehen. Sie sieht so…… ja wirklich, sie sieht süß aus, wenn sie schläft. Fast ein bisschen wie früher.

Wie alt wir geworden sind! Gestern standen wir nebeneinander vor dem Spiegel. In Gedanken hab ich unser Hochzeitsbild daneben gehalten und nach Spuren unseres früheren Selbst gesucht. Hans hat ein ganz scharfkantiges Gesicht bekommen, die Haare sind schon lange einer ausgeweiteten Denkerstirn gewichen. Die Schultern hängen ein bisschen, und wenn er geht, zieht er das linke Bein ein bisschen nach. Die Hüfte – er wird nächstes Jahr eine neue brauchen. Nein, er ähnelt dem jungen Mann von damals kaum mehr. Unmerklich hat er sich verändert im Laufe der Jahre. Und ich? Oje, ich will es gar nicht wissen. Es sind nicht nur die Falten, es ist der ganze Körper, die Haare, es ist überall. Und trotzdem: Er mag mich immer noch, hat er gesagt, und er zeigt es mir jeden Tag mit einer kleinen Berührung oder einem Lächeln. Hat was, gemeinsam alt werden. Hat was.

Früher flogen bei uns die Fetzen. Ich weiß gar nicht mehr, warum wir uns soviel gestritten haben. Es ging um die Kinder, es ging um das Geld – es fehlte einfach an allem. Manchmal wussten wir nicht weiter, und schon war der Streit da. Ach, wir waren auch Hitzköpfe, alle beide. Und ich meinte damals, dass ich mich als Mann durchsetzen müsste. Mit Menschen- und mit Engelszungen habe ich manchmal auf sie eingeredet, wenn ich etwas erreichen wollte. Aber da war ich bei ihr an die Falsche geraten. Die hat nicht klein beigegeben, meine Gertrud nicht. Und so hat sie sich für uns eingesetzt: Für die Kinder hat sie sich mit den Lehrern gestritten, mit den Behörden hat sie für unser Haus gekämpft. Sie hatte Feuer in der Seele, immer schon. Dafür habe ich sie geliebt, und dafür liebe ich sie noch heute.

Wir hatten auch schwierige Zeiten. Ich hab mich manchmal so allein gefühlt. Hans ließ mich immer alles machen und hüllte sich selbst in adliges Schweigen. Und dann gab es Zeiten, wo ich mich selbst aufgegeben hatte, wo ich nur funktionierte und nicht mehr kämpfen mochte. Ich war wie ein verlöschendes Licht – ich fühlte keine Liebe mehr, nicht für ihn, nicht für mich, nicht für die Kinder. Er konnte nichts dafür – und irgendwie doch. Wir hätten uns damals beinahe verloren. Es ist wohl nur seiner friesischen Sturheit zu verdanken, dass wir das überstanden haben.

Ich erinnere mich gut an unsere kirchliche Trauung. Gertrud hatte gegen den Willen ihrer Mutter ein weißes Kleid nach der neuesten Mode gekauft. Es ging gerade mal bis über die Knie. Dazu trug sie ein keckes Hütchen, sie sah bezaubernd aus. Aber der Pastor hätte uns am liebsten aus der Kirche gejagt, man konnte es ihm ansehen. Gertrud konnte diesen abschätzigen Blick so köstlich nachmachen, dass wir heute noch in Lachen ausbrechen, wenn wir daran denken. „Die Liebe ist langmütig und freundlich“ sagte er in seiner Predigt, das habe ich nicht vergessen. „Sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ Als hätten sich mir diese Worte in die Seele eingeschrieben, immer wieder habe ich an sie gedacht. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und sie duldet alles – heute kann ich so lieben, damals konnte ich es nicht. „Richtig lieben, das muss man lernen und einüben“ – so hab ich’s neulich meinem Enkel erklärt. Der hat mir kein Wort geglaubt. Kein Wunder. Ich hätte es damals auch nicht hören wollen.

Ach nein, ich möchte nicht wieder jung sein. Alles war so schwierig damals. Und ich war so anstrengend. Ich hatte große Pläne und große Träume. Eigentlich träumte ich von einem anderen Leben. Und ich brauchte so viel Anerkennung, Zuspruch und Liebe, war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich habe Hans und die Kinder geliebt, sicher – aber heute kann ich es viel selbstloser tun. Weder er noch sie müssen so sein, wie ich sie haben will. Sie sind sie selbst. Ich bin ich selbst. Wir akzeptieren einander und geben uns Freiheit. Das war ein langer Weg. Ich bin froh, dass wir ihn gegangen sind. Was sagte der Pastor damals noch? „Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind.“ – aus der Bibel kommen diese Worte. Wie wahr sie sind….

Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir diesen Tag erleben dürfen. So viele unserer Freunde von damals sind nicht mehr da. Klaus starb bei einem Autounfall ein halbes Jahr nach unserer Hochzeit. Meine Schwägerin Lisa hatte Krebs, sie wurde nur 52 Jahre alt. Aber wir beide sind noch da, Gertrud und ich. Und ganz fit sind wir auch noch, haben eigentlich nie wirklich etwas gehabt. Aber ein noch größeres Wunder ist, wie wir diesen Tag erleben dürfen: Wenn ich sie anseh, denke ich immer noch: Meine Gertrud. Wir verstehen uns wortlos. Wir teilen unsere Gedanken. Wir sind eins geworden im Laufe der Jahre. Ein Leben ohne sie kann ich mir nicht vorstellen.

Nein, heute ist kein Tag wie jeder andere. Ich muss langsam mal aus dem Bett kommen, damit ich ihn in voller Länge genießen kann. Kaffeeduft zieht durch’s Haus, Hans wartet sicher schon. Und nachher kommen ja der Bürgermeister und der Pastor. Vorher will ich noch ein bisschen Zeit mit Hans alleine haben. Wann habe ich ihm eigentlich zuletzt gesagt, wie sehr ich ihn mag und wie sehr ich ihn brauche? Das will ich heute tun. Das ist mir wichtig. Ich fühl mich mit ihm vollständiger, will ich ihm sagen. Wenn er nicht da ist, bin ich irgendwie nur halb. Früher war mein Bild von mir und von uns so verschwommen wie beim Blick in einen trüben Spiegel – miteinander sind wir irgendwie vollkommen.

Gertrud kennt mich in- und auswendig. Und sie hat mich trotzdem lieb. Manchmal bin ich zum Beispiel ein bisschen pedantisch, das geht mir selbst auf die Nerven. Gertrud kann damit um. Manchmal bin ich auch ein bisschen jähzornig – immer noch – und sage dann Dinge, die mir später leid tun. Gertrud trägt mir nichts nach. So stelle ich mir Gottes Liebe auch vor: Groß. Irgendwie groß. Größer als ich. Das ist Liebe. Ach übrigens: Ich hab Rosen gekauft. 50 Stück. Was sie wohl dazu sagen wird?

50 Jahre. Gott, was für eine lange Zeit. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ – das war unser Trauspruch, ich habe ihn nie vergessen. Zum Glauben habe ich erst spät gefunden, aber rückblickend weiß ich: Er war immer da. Hoffnung ist das, an dem wir gemeinsam immer festgehalten haben. Wir haben uns gegenseitig gestärkt und einander Mut gemacht, wenn mal gar nichts mehr ging. Und die Liebe? Ich weiß gar nicht. Manchmal dachten wir schon, wir hätten sie verloren, unsere Liebe. Heute glaube ich: Wir haben sie nur nicht wiedererkannt. Was uns damals verbunden hat, hat sich verändert. Was uns heute verbindet, ist anders, es ist mehr. Ich kann es nur schlecht in Worte fassen: Es ist, als ob etwas hinzugekommen ist, das nicht aus uns selbst kommt. Ich fühle mich so …. beschenkt, so unverdient beschenkt.

Nun muss sie aber bald mal runterkommen. Was sie wohl anhat? Ob sie sich ein bisschen hübsch gemacht hat? Oder bleibt es bei dem „Kein Brimborium“? Ich stell mich unten an die Treppe. Dort will ich auf sie warten. Und dann führe ich sie ins Esszimmer, ich hab das gute Geschirr genommen. Die Rosen stehen auf dem Tisch. Ich freu mich auf unser gemeinsames Tischgebet: „Segne Herr, was deine Hand, uns aus Gnaden zugewandt“ – heute wird es anders klingen als an den vielen anderen Tagen. Danach reichen wir uns immer beide Hände und wünschen einander einen guten Appetit. So wird es auch heute sein. Aber heute ist kein Tag wie jeder andere. Heute ist der Tag unserer Goldenen Hochzeit. Und ich danke Gott, dass ich ihn erleben darf.

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