Die kritische Schärfe des WGs

Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Das ist das Ende des kurzes Gleichnisses vom Sämann, das Jesus seinen Jüngern erzählt und auch das Ende unserer Schriftlesung heute.

Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Ob sie es damals wohl gehört haben?
Damals in dieser Gemeinde, in der unser Briefeschreiber die Menschen mit „Hebräer“ anredet?

Anlass zu hören hat es wohl genug gegeben – sonst hätte er kaum in so deutlichen Worten an die junge Gemeinde geschrieben. Deutliche Worte, die Christinnen und Christen gelten, die am Ende des ersten Jahrhunderts leben. In den Zeiten der aufkommenden Christenverfolgungen war es nicht ganz ungefährlich für eine christliche Gemeinde. Christen wenden sich gegen den Staatskult, weil sie an den einen und lebendigen Gott glauben. Damit sind sie potenzielle Staatsfeinde mit allen Folgen, die das für das persönliche Leben haben konnte. Ein wachsender Druck, unter dem die Gemeinden damals standen.

Zu diesem Druck von außen kamen die nagenden Fragen von innen: Was glauben wir? Was ist das Ziel, auf das wir zugehen? War das nicht früher alles einfacher? Manche sagen vielleicht: "Ach, so viele sind schon gar nicht mehr dabei. Am Ende bleiben immer nur die Alten übrig. Was bringt uns denn dieser Glaube noch?"

Auf den ersten Blick ist das alles lange her.
Aber kommen ihnen die Klagen nicht doch bekannt vor?
Da ist der demographische Wandel, die Jungen fehlen in den Gemeinden und vor allem im Gottesdienst. Da sind die Sorgen über Mitgliederschwund und darüber, dass die Grundlagen des Glaubens, dass die Sprachfähigkeit verloren gehen. Menschen kehren der Gemeinde den Rücken, schließen sich anderen Gemeinschaften an, suchen anderswo ihr Heil. Es scheint manchmal zu fehlen an Energie und neuen, wegweisenden Ideen.

Gedanken, die uns heute – 2000 Jahre später – ja nicht ganz fremd sind. Es scheint uns also doch einiges zu verbinden mit dieser Gemeinde, an die der Hebräerbrief gerichtet war.
Hören wir also, was im 4. Kapitel in den Versen 12 und 13 an die Gemeinde geschrieben wird:

[TEXT]

Tja, liebe Gemeinde, das Wort Gottes … schärfer als jedes zweischneidige Schwert … ein Richter der Gedanken … alles aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. Ein ungemütlicher Predigttext, klar und scharf. Nichts Versöhnliches, nicht leicht zu hören. Nicht heute Morgen und damals wahrscheinlich auch nicht. Und eigentlich wollte ich Ihnen bei meiner Investitur auch nicht gleich mit Schwertern kommen und mit dem richtenden Blick Gottes.

Den Text also zur Seite legen und nach etwas Netterem suchen? Bei der Investitur besser erzählen von der Liebe Gottes – warm wie die Sonne und wie Wind und Weite?
Besser also eine Geschichte auswählen, bei der einem warm wird ums Herz?

Nein, denn dann hätte ich meine Ohren verschlossen. Es geht hier nicht darum, schöne Worte zu machen, auch nicht zu gefallen oder jemanden einzulullen. Darum geht es nicht heute Morgen und erst recht nicht damals, als der Briefeschreiber seine Zeilen schreibt.
Dem Briefschreiber damals geht es ums Ganze. Es steht auf Messers Schneide und jedes Wort muss sitzen. Da ist kein Platz mehr für einen lieben Kuschelbärgott, den ich mir so hindrehe, wie ich ihn möchte. Einen, den ich wie einen Teddy herausholen kann, wenn mir danach ist. Einen, der recht ist für Familienfeste und Weihnachten, den dunklen Karfreitag lassen wir lieber weg und suchen dann Eier in der Sonne zu Ostern.

Wie mit einem Seziermesser fährt da unser Text heute dazwischen: Es geht um das eine Wort Gottes. Lebendig ist es und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Schonungslos deckt es auf, schonungslos werden wir zurückgeworfen auf uns selbst. Es gibt keine Ausreden mehr. Wenn wir konfrontiert werden mit diesem Wort Gottes, dann geht es ums Ganze. Dann geht es plötzlich um uns und um unsere eigene Person. Keine Ausflüchte mehr. Es fährt uns in Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Liebe Gemeinde, vielleicht lohnt es sich also doch gerade heute auf dieses Wort genauer zu hören. Denn unser Briefeschreiber traut Gott und seinem Wort ja einiges zu.
Lebendig ist dieses Wort, sagt er. Dieses Wort kann etwas, da steckt Kraft drin. Vielleicht denkt er dabei ja an den ersten Schöpfungsbericht (Gen 1,3…): Gott macht nichts anderes, als zu sprechen. Seine Worte machen aus Finsternis Licht und aus Nichts blühendes Leben. Vielleicht denkt er aber auch an die Geschichte von Lazarus (Joh 11,43), der schon 3 Tage stinkend im Grab liegt. Lazarus, komm heraus! Das ist alles – nur 3 Worte sagt Jesus.

Unglaubliche Hoffnung kann von diesem Wort ausgehen angesichts von Tod und Trauer, von Krankheit und Elend. Denn dann kann ich mich eben nicht mehr der wärmenden Sonne entgegenstrecken, Wind und Weite gehen mir verloren. Dann ist um mich alles dunkel und der Horizont ist nicht mehr zu sehen. Dann, wenn ich nicht mehr kann, dann brauche ich einen der sagt: Siehe, ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende – Fürchte dich nicht; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein (Mt 28,20b / Jes 43,1).
Und wie befreiend kann es sein, einmal die Inszenierung meines Lebens nicht aufrecht erhalten zu müssen. Einmal nur ich und nur echt zu sein, weil einer hinter meine Maske schaut. Mit reinigender Schärfe Seele und Geist, Mark und Bein durchfährt. Befreiend, weil ich als Mensch ernst genommen werde, ernst in dem wie ich bin, aber auch in dem, was ich getan habe.

1934 gab es eine Gruppe von Menschen, die das begriffen genommen haben. Sie haben für sich ernst damit gemacht, was das in ihrem Leben und in ihrer Zeit bedeutet. Gemeinsam haben sie in einem kleinen Vorort von Wuppertal, in Barmen, einige Leitsätze formuliert. Gleich der erste lautet: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Ein mutiger Schritt mitten im erstarkenden Nationalsozialismus. Gegen den Zeitgeist. Nicht Hitler, nicht Volk, nicht Rasse, sondern das lebendige Wort Gottes.
Dieser Kreis der Bekennenden Kirche hat damals ernst damit gemacht, dass wir – und zwar bis heute – als evangelische Kirche eine Kirche allein des Wortes sind.

Doch heute?
Wer hört uns heute eigentlich?
Haben wir als Kirche des Wortes noch etwas zu sagen?
Sind wir nicht nur ein Wort unter vielen; ein Wort das irgendwann in vielstimmigem Rauschen untergeht?
´Worte sind inflationärer geworden. Worte gelten nicht mehr viel. Ein Rauschen, das wir gar nicht mehr wahrnehmen. Und falls doch, dann hören wir oft nur dummes Gerede. Die Sendezeit muss zu Boden geredet werden, die Gratiszeitung mit Zeilen gefüllt, die Werbe-Emails kosten ja nichts. Da hören wir lieber gleich weg, schalten unser Gehör auf Durchzug, verfeinern unseren Spamfilter ein weiteres Mal.´ (Matthias Kuhl, 2004) Und außerdem leben wir doch in einer Zeit der Macher. Es geht darum, mithalten zu können. Wir müssen zukunftsfähig sein und wollen vorne mitspielen als Global Player. Es geht um Wachstum, um Erfolg.

Und da machen wir als Kirche natürlich mit: Wir arbeiten mit Zielen, wir handeln wirtschaftlich, wir erstellen einen Plan für die kirchliche Arbeit, wir basteln an Bausteinen und hecheln allerlei grünen Gockeln und Prozessen hinterher.

Liebe Gemeinde, wie gut, dass uns da manchmal an den Sonntagen solche Predigttexte ausbremsen und einen Spiegel vorhalten. Texte, die uns fragen: Um was geht es denn eigentlich? Wozu die ganzen Prozesse? Wozu das Planen?

Im Grund doch nur, weil wir alle angetrieben werden von diesem Wort Gottes. Weil dieses Wort uns alle irgendwann einmal getroffen hat. Wie, das können wir ja oft gar nicht so genau sagen und erklären. Weil wir irgendwann einmal erlebt haben, dass es eben gerade dieses eine Wort ist, das lebendig ist und kräftig und schärfer. Weil wir auch erlebt haben, dass sich daran bis heute die Geister scheiden.

Diese Botschaft fordert bis heute Menschen heraus und nötigt sie zu einer Antwort – keiner kann neutral bleiben. Es geht ums Ganze und es geht bis heute darum, Stellung zu beziehen.

So wie das die Männer damals in Barmen getan haben und auch so, wie es unser Briefeschreiber getan hat. So wie es die gemacht haben, die vor 3 Jahren das Logo des Kirchentags in Köln entworfen haben. Sie haben aus dem harmlosen Fisch, die sie alle von den Autoaufklebern kennen, sie haben mit zwei Strichen einen Hai daraus gemacht.

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer – es hat Biss auch noch im 21. Jahrhundert. Bis heute haben wir als Kirche nichts anderes als dieses eine Wort Gottes. Bis heute ist es unsere Aufgabe, anderen davon weiter zu erzählen. Und bis heute werden wir gehört. Ich finde es schon erstaunlich, dass ein Aufschrei durch die große Politik geht, wenn die EKD Ratsvorsitzende in einer Neujahrspredigt in einigen wenigen Sätzen anmerkt, dass die Afghanistan-Politik durchaus mit Fragezeichen zu versehen ist – zumindest aus christlicher Sicht. Ist nicht das genau unsere Aufgabe?

Wir sind als Christinnen und Christen mitten in diese Welt gestellt. Wir sollen mit und in dieser Welt leben, wir leiden manchmal an ihr, wir sollen sie voranbringen und wir sollen immer den Horizont im Blick haben. Maßstab und Ziel für uns ist dieses eine Wort Gottes. Und zwar das Wort Gottes mit allem, was dazu gehört: Mit all der Hoffnung, mit all dem, was befreit – auch mit all dem, was uns auch unbequem in unsere Verantwortung ruft.

Daran erinnert der Briefeschreiber seine Gemeinde und auch uns heute. Ausgang seiner Überlegungen war übrigens der Wochenspruch für diese neue Woche: Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht. (Hebr 3,15).
Wir sind miteinander auf dem Weg – nach wie vor. Auch wir heute sind immer noch das wandernde Gottesvolk. Ziel und Maßstab ändern sich nicht.

Wir sind – so dichtet ein Liedermacher zu unseren Versen – „Wir sind anders, denn wir folgen seiner Spur. Wir sind anders, manchmal auch sehr menschlich nur. Doch lebendig, kräftig, schärfer ist die Botschaft. Sie verändert diese Welt!“ (von Uwe Rahn/Andreas Schulte, Text: www.leiselieder.de)

Also: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

drucken