Christus vor Augen

Gottes Wort ist Thema dieses 2. Sonntags vor der Passionszeit. 
Die Bibel: Sie gibt uns Weisung und ist eine echte Hilfe im Leben.
So viele vertraute Text, die seit Jahrtausenden Menschen Trost und Hoffnung geben.

Was wir aber heute über Gottes Wort zu hören bekommen haben, 
klingt ziemlich bedrohlich!

Für viele Menschen ist Gottes Wort nichts anderes als ein Buch. Ein Buch, das im Bücherregal steht oder auf dem Nachtkästchen liegt. Von Zeit zu Zeit lesen sie darin, wenn ihnen gerade danach ist. Oder wenn sie Rat und Hilfe oder Trost brauchen. Ein Buch, das ihnen gut tut, das ihnen hilft, ihre Gedanken auf Gott zu richten und ihre Bitten und Gebete vor Gott zu bringen. Und das ist gut so.

Aber dann gibt es Tage, da denken sie gar nicht an Gott. Sie verspüren gar kein Bedürfnis, nach der Bibel zu greifen. Es geht ihnen momentan gut, sie sind glücklich und zufrieden. Sie brauchen nichts von Gott. Also kann die Bibel im Regal stehen bleiben.

Es ist, als ob Gottes Wort wie eine Arznei wäre, die ich dann heraus hole, wenn mir nicht gut ist. Wenn mir was fehlt. Oder wenn mir irgendetwas Kopfschmerzen bereitet, dann brauche ich dieses alte Hausmittel, damit es mir bald wieder besser geht.
Die Bibel gewissermaßen als „Notfallstropfen“ für die Seele.

Aber die Bibel ist mehr als ein Buch voller schöner Geschichten und guter Ratschläge, das wir zur Hand nehmen können, wenn es uns danach ist.

In der Bibel redet Gott mit uns. Darum nennen wir sie ja auch „Wort Gottes“. Das geschieht nicht unmittelbar. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Menschen haben aufgeschrieben, was Gott ihnen ans Herz gelegt hat. Aber in diesen durch Menschenhände gegangenen Geschichten begegnet uns Gott selbst. So wie er uns in dem Mensch gewordenen Sohn begegnet und sichtbar wird.

Gott spricht uns an durch seinen Sohn und durch die Heilige Schrift. Beides ist aufeinander bezogen, und darum schließt sich uns die Bibel auch nur von Christus her gesehen richtig auf. Er selbst ist der Verstehensschlüssen zu den Texten der Bibel. Und die Bibel wiederum stellt uns Christus vor Augen.

Die Bibel ist nicht nur ein Buch. Sie ist mehr als das Buch der Bücher.

Der Hebräerbrief sagt in unserem Predigtabschnitt: Gottes Wort ist lebendig und voller Kraft.

Christus ist lebendig und voller Kraft. Er ist das Fleisch gewordene Wort Gottes. Aber die Heilige Schrift ist auch lebendig und voller Kraft, weil Gott selbst uns hier anspricht.

Nun wissen wir aber, wie Gott zu uns steht. Wir kommen von Weihnachten her und blicken voraus auf die Leidenszeit unseres Herrn. Gott hat alles unternommen, um zu suchen und zu erretten, was verloren ist.

Wenn wir das bedenken, brauchen wir vor ihm keine Angst haben.

Denn Angst könnten wir schon bekommen, wenn wir hören, dass Gottes Wort schärfer ist als das schärfste beidseitig geschliffene Schwert, das Seele und Geist und Mark und Bein durchdringt und sich als Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken erweist.

Wer hätte nicht solche geheimen Wünschen und Gedanken,
die niemand wissen darf, nicht einmal die eigene Frau oder der eigene Mann, nicht der beste Freund oder die beste Freundin. Geheime Wünsche und Gedanken, die uns selbst beschämen, die uns aber immer wieder umkreisen wie die Geier das Aas.

Nun hören wir, wir stehen nackt und bloß vor Gott. Er sieht uns nicht nur, wie das Überwachungspersonal am Flughafen hinter den umstrittenen Nacktscannern. Er sieht uns bis ins Herz. Sein Wort spricht uns an, fährt uns durch Mark und Bein, und ist ein Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken.

Warum habe ich überhaupt solche geheimen Wünsche und Gedanken, die ich niemandem erzählen kann? Weil ich Angst habe, der andere könnte von mir enttäuscht sein. Ich schäme mich ja selber dafür! Wie sollte dann der andere für mich Verständnis haben?

Wenn ich nun höre, Gott kennt und ist ein Richter auch dieser meiner geheimsten Gedanken, macht mir das schon Angst. Aber nur kurze Zeit, denn wenn ich dann daran denke, wie Jesus Christus mich richtet, dann weiß ich, er will mich aufrichten, er will mir zum Leben verhelfen. Er will nicht, dass ich verloren gehe, sondern das Heil finde.

Wenn ein Mensch krank wird, muss er mitunter auch unters Messer gehen. Das geschieht, um das Kranke in ihm herauszuschneiden oder die Verletzungen wieder in Ordnung zu bringen.

Manchmal muss uns Gott auch unsere Fehler und Schwächen vor Augen führen. Das ist in der Regel ein schmerzhafter und unangenehmer Vorgang. Aber es ist heilsam, wenn Gott uns aufzeigt, was uns von ihm trennt. Denn er will nicht, dass wir am Leben vorbeigehen, sondern bei ihm Ruhe finden.

Eines Tages wird jeder Mensch vor ihm Rechenschaft ablegen müssen. Wer das in seinem Leben verdrängt, für den gibt es ein böses und schmerzhaftes Erwachen. Wer aber in seinem Leben auf Gottes Wort hört, wird von ihm jetzt schon geläutert und gereinigt – trotz aller Fehler und Schwächen, die uns bleiben, solange wir auf dieser gefallenen Welt leben.

Und vor allem: Wer in seinem Leben auf Gottes Wort hört, hat immer Christus vor Augen. Wie er auf alle Herrlichkeit und Gewalt verzichtet und als Mensch geboren wird in einem Stall, weil er keine Aufnahme bei den Menschen gefunden hat. Der sieht, wie Jesus den Menschen nachgegangen ist, wie er sie wieder aufgerichtet und ein neues Leben geschenkt hat. Der sieht auch, was Jesus alles auf sich genommen hat, um uns seine Liebe zu erweisen. Und der sieht, dass Jesus nicht nur unser Richter, sondern auch unser Fürsprecher ist.

So lesen wir weiter im Hebräerbrief: Kein Geschöpf ist vor Gott verborgen; alles liegt offen und ungeschützt vor den Augen dessen da, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Weil wir nun aber einen großen Hohenpriester haben, der den ganzen Himmel bis hin zum Thron Gottes durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes –, wollen wir entschlossen an unserem Bekenntnis zu ihm festhalten.

Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass er ohne Sünde blieb.  

Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.

Das erfahren wir aber nur, wenn für uns die Bibel nicht nur ein Buch ist, das irgendwo im Regal steht. Sondern, wenn wir darin lesen und unsere Kraft daraus schöpfen, aber auch unsere Zurechtweisung darin erfahren – denn beides geschieht zu unserem Heil.

drucken