Symeon, der Säulensteher

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Liebe Gemeinde!
Irgendwo in der Einöde zwischen Aleppo und Antiochien – also in der heutigen Türkei – ragte im 5. Jahrhundert eine Säule gut zwanzig Meter in die Höhe. Auf dieser Säule stand ein Mann. Siebenunddreißig Jahre soll er auf diesem hohen Ort gelebt haben, ob es heiß war am Tag oder kalt in der Nacht: Betend, Glaubensgespräche führend und immer wieder predigend zu den oft Tausenden von Menschen, die sich am Fuße dieser merkwürdigen Skulptur aus Mensch und Stein versammelt hatten. Den himmlischen Gottesdienst der Engel wollte er bereits irdisch vorwegnehmen – seine Art vernünftigen Gottesdienstes.

Symeon der Säulensteher – unter diesem Namen hat er Eingang gefunden in die Reihe der Heiligen der orthodoxen Kirche. Ein Menschenalter später war seine Säule eine der größten Wallfahrtsstätten des östlichen Christentums.

Was bewegt einen Menschen, mehr als die Hälfte seines Lebens betend auf einer Steinsäule zu stehen? Und was fasziniert an Gestalten wie Symeon? Was fasziniert noch immer an den großen Religiösen, Asketen, Ethikern und Narren? Ist es die Radikalität der Hingabe an eine Überzeugung und die darin sichtbar werdende Freiheit von der Welt?

Ich kann nur sagen, was mich an ihnen fasziniert: Dass sie leben, was sie für richtig halten. Dass sie nicht tun, was MAN tut, sondern dass sie tun, was ihnen entspricht.
Mich fasziniert das deswegen, weil es mir selbst Mut macht, etwas mehr so zu leben, wie es mir entspricht – auch wenn es sich dabei um Dinge handelt, bei denen man nicht sagen kann, das habe sich schon zig mal bewährt.
Menschen mit ungewohnten oder extremen Lebensläufen wie Symeon zeigen eben: Du kannst dein Leben völlig anders führen. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, viel mehr gehbare Lebenswege als die normalen ausgetretenen Pfade. Das, was du eigentlich tun willst, das kannst du auch tun.
Wir gehen ja, denke ich, oft davon aus, dass die Normalität uns schützt. Leute wie Symeon zeigen aber: Du brauchst die Normalität nicht. Du bist nicht erschaffen, um normal zu sein. Du bist erschaffen als Ebenbild, als Wunder Gottes. Und Wunder waren noch nie normal. Es kommt nicht darauf an, normal zu sein. Es kommt darauf an, du zu sein. Nicht die Normalität trägt und schützt dich, sondern Gott, dein Schöpfer, trägt dich durch´s Leben als der, der du bist – selbst wenn du beschließt, dein Leben auf einer Säule stehend zu verbringen.
Wer lebt, wie Gott ihn gemeint hat – das heißt: Wer ganz er selbst ist – der ist das, was Paulus lebendig, heilig, gut und Gott wohlgefällig nennt. Dessen Leben ist vernünftiger Gottesdienst.

12,1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder,
durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt – als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.
Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

12,2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich,
sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes,
damit ihr prüfen könnt, was GottesWille ist,
nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Paulus nennt es ein Opfer, ganz so zu leben, wie es uns entspricht. Das ist heute etwas missverständlich, weil Opfer nach Freudlosigkeit und Zwang klingt. Gemeint ist aber etwas ganz anderes: Zur Zeit des Paulus opferte man den Göttern Tiere stellvertretend für einen selbst. Man lies sich durch das Opfertier vor Gott vertreten. Statt meines Lebens biete ich Gott das Leben eines Tieres an.
Das klingt irre. Das gibt´s aber heute auch noch, nur meist nicht mit Tieren. Heute geht das zum Beispiel so:
– Ein Vater hätte gerne mehr aus seinem Leben gemacht. Und seine Träume und Ziele überträgt er dann auf sein Kind, quält es durch´s Gymnasium und durch´s Studium und fragt sich vielleicht nie, ob das eigentlich zu seinem Kind passt. Er lässt das Leben, das er nicht gelebt hat, von seinem Kind leben. Er lässt stellvertretend leben, statt selbst zu leben.
– Oder: Eine junge Frau. Sie würde so gerne einen festen Freund haben. Sie hat keine Schwierigkeit, Männer kennen zu lernen, nein. Aber sie schafft es nicht, sich einem Mann anzuvertrauen. Im entscheidenden Augenblick, in dem sie nur sagen müsste: „Ich liebe dich“, bekommt sie die Panik und erzählt, eine Freundin von ihr hätte sich unsterblich in den jungen Mann verliebt. Statt zu sagen: „Ich habe mich in dich verliebt.“ Und so kommt es, dass mittlerweile alle ihre Freundinnen Männer haben. Sie leider nicht.

Paulus schreibt nun: Hört doch auf, euch durch andere vertreten zu lassen wie bei den Tieropfern. Fang endlich an, selbst zu leben. Du kannst dein Leben nicht durch Stellvertreter leben lassen. Du kannst dein Leben nicht von anderen leben lassen. Du bist geschaffen, um selbst das Leben zu leben, für das dich Gott erschaffen hat. Das Leben, das zu dir passt, kann kein anderer leben – nur du selbst. Tu, was dir entspricht! Tu, für was dich Gott erschaffen hat. Was die Welt, du selbst und andere von dir erwarten tritt dahinter zurück. Mach dich frei davon, sei, wer du bist!

Und dann schreibt Paulus noch ein paar Sätze für die, die meinen, sie lebten doch das Leben, das ihnen entspricht. Die sich aber vielleicht täuschen:

12,3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist,
– jedem unter euch, –
dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder,
wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Jeder Mensch braucht Anerkennung. Er braucht, dass ihm versichert wird: Was du tust und wie du lebst, ist gut.
Je weniger wir selbst davon überzeugt sind, dass das, was wir tun und wie wir leben, wirklich gut ist, desto mehr Anerkennung durch andere brauchen wir.
Unser Bedürfnis nach Anerkennung kann deshalb ein guter Anzeiger dafür sein, wie sehr wir mit uns selbst im Reinen sind. Je mehr Anerkennung wir brauchen, je mehr wir unsere Verdienste in den Vordergrund rücken, desto näher liegt der Verdacht, dass wir selbst nicht im Reinen sind mit uns – selbst unzufrieden mit uns sind – wohl weil wir ein anderes Leben führen als es zu uns passt.
Auch hier ermutigt uns Paulus also wieder ein Leben zu führen, das zu uns passt, statt der Anerkennung anderer hinterherzulaufen. Unser Leben ist ja anerkannt. Seit jeher. Seit Gott uns erschaffen hat. Ebenbilder Gottes sind wir so, wie Gott uns gemeint hat. Nicht wie andere uns gerne hätten.

Das heißt Freiheit von der Welt: Zu sein und zu handeln wie Gott mich gemeint hat. Zu sein und zu handeln, wie es mir entspricht. Gott wird mich durchtragen. Er hat mich ja so gemeint. Und wer sich nicht traut, der möge sich mit Symeon vergleichen. Und dann möge er feststellen: Einen solche „unnormalen“, so durchgeknallten Lebensentwurf habe ich noch nie gesehen. Aber selbst den hat Gott durchgetragen. Dann wird er´s wohl mit mir auch tun.

Zum Schluss will ich versuchen, unseren Predigttext frei in heutige Worte zu übertragen. Ich hoffe, er klingt dann nicht mehr so fremd:

1 Liebe Brüder und Schwestern!
Ich bitte euch, lebt euer Leben genau so, wie es zu euch passt. Seid ganz ihr selbst, dann freut sich Gott, wie lebendig ihr seid. So zu leben ist heilig und vernünftiger Gottesdienst.
2 Glaubt nicht, dass ihr sein müsst wie alle Welt. Was wirklich zu euch passt, was gut und richtig ist, findet ihr nur heraus, wenn ihr euch nicht in das Normale einsperren lasst.
Ihr seid Wunder Gottes. Lebt entsprechend! Gott wird euch durch´s Leben tragen, wie er euch erschaffen hat. Er hat euch ja so gewollt, wie ihr eigentlich seid: Wunder.
3 Vergesst das nicht. Denn jeder Mensch braucht ja Anerkennung. Achtet darauf, wo ihr Anerkennung heischt. Denn da lebt ihr nicht so, wie es euch entspricht. Steht vor euch selbst gerade. Das reicht völlig. Vertraut dem Glauben, den euch Gott geschenkt hat. Ihr seid Wunder Gottes. Er trägt euch durchs Leben.

Anmerkung zum Schluss: Paulus´ Ermutigung zum Leben klingt vielleicht etwas romantisch. Vielleicht ist das, was zu uns passt, gar nicht so gut. Weil wir, wenn wir so sind, wie wir eigentlich sind, gar nicht so gut sind. Ist der Mensch dem Menschen nicht oft ein Wolf?
Die Bibel findet da klare Worte: Am 6. Schöpfungstag sieht Gott alles an, was er gemacht hat und sagt: Es ist sehr gut – auch der Mensch. Sechs Kapitel später – vor und nach der Sintflut – kommt er allerdings zum Schluss: „Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend an.“ Von da an verlegt er sich auf das Erziehen. Und wenn Erziehen nicht heißt, einen Menschen zu verbiegen, abzurichten, sondern ihm zu helfen, das herauszuarbeiten, was in ihm steckt, ihn zur Entfaltung zu bringen. Dann sind wir wieder bei Paulus, das uns helfen will, das zu entfalten, was in uns steckt: Ein Wunder Gottes. Amen.

Lieder:
544, 1-3: Nun freut euch, ihr Christen
Intr. 801.4
203, 1-4: Ach lieber Herre Jesu Christ, der du ein Kindlein worden bist (Falls Melodie unbekannt: Melodie: Herr Jesu Christ, dich zu uns wend)
636, 1-5: Ihr seid das Volk, das der Herr sich ausersehn
395,1-3: Vertraut den neuen Wegen

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