Jüngstes Gericht: Nicht Schwert sondern Skalpell

(Der erste Abschnitt ist teils wörtlich nach Johannes Taig, Hospitalkirche, Hof. Im Weiteren verläuft die Predigt aber ganz anders.)

Liebe Gemeinde,
kennen Sie das sprichwörtliche 11. Gebot? Es heißt: Du sollst Dich nicht erwischen lassen.
Das war mal ein ganz netter Witz in Zeiten, in denen es noch um Streiche ging, von denen man sich ab und an einen erlaubte, aber grundsätzlich Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu erwarten waren. Heute können wir kaum mehr darüber lachen. Gehen sie doch mal gedanklich auf die Suche nach Politikern, die durch Aufrichtigkeit und Prinzipientreue überzeugen! Ich will hier nicht über Politiker schimpfen. Sie sind nämlich wohl hauptsächlich Spiegel derer, die sie regieren, also unserer selbst.
Es ist weithin Lebensstrategie geworden, es mit der Wahrheit und Ehrlichkeit nicht mehr so genau zu nehmen: Von der Steuererklärung bis zur Tatsache, dass die Ausrede die meistgenutzte Redeform wird.

Unsere Welt scheint am Kippen zu sein. Von einer Welt, in der die Ehrlichkeit das beste Fortkommen versprach, kippt sie in eine Welt, in der die Unehrlichkeit mehr Nutzen für den Einzelnen zu bringen scheint. Und so folgen wir leicht der Logik der Unehrlichkeit. Dorthin geht ja das Gefälle.
Gegen ein solches Gefälle anzuleben, braucht viel Kraft und die Bereitschaft, Nachteile in Kauf zu nehmen. Wenn man sich die Menschheitsgeschichte so ansieht, dann gab es sie immer: die Kraftanstrengung zum Guten. Martin Luthers theologisches und später auch politisches Ringen ist da ein plastisches Beispiel. Zähe, jahrzehntelange Entwicklungs-arbeit in den armen Ländern dieser Erde ein anderes.

Schaut man sich aber diese und unzählige andere Beispiele genauer an, dann ist festzustellen, dass sie von ihrer Wirkung her nur dann wirkliche Veränderungen brachten, wenn es ihnen gelang, ein neues Gefälle in eine andere Richtung zu schaffen: Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sich ihre Anstrengung am Ende lohnt, dann werden sie aktiv – meist nur dann. Denn Anstrengung allein aus der Überzeugung, dass das eine eben richtig und das andere falsch ist, halten wohl nur Wenige auf Dauer durch. Die meisten folgen dem Weg, der ihnen mehr verspricht.

Der zu erwartende Erfolg bestimmt offensichtlich das Handeln von uns Menschen. Der Erfolg legt fest, was gilt. Und was nicht funktioniert, sprich: zum Erfolg führt, ist eben nicht wahr. Der Erfolg setzt die Wahrheit. Ich sage das weder frustriert noch abwertend. So funktioniert das eben:
Jan Hus endete auf dem Scheiterhaufen. Martin Luther nicht, weil die deutschen Fürsten und die Bürger spürten, dass seine Gedanken sie als Personen emanzipierten, ihnen neue Freiräume schaffen konnten: politisch, wirtschaftlich und privat. Der Hauch von Freiheit, Mitbestimmung und persönlichem Stolz in Luthers Theologie weckte den Wind der Veränderung in den Köpfen der Menschen seiner Zeit. Kurz: Die Witterung persönlichen Vorteils brachte die Reformation ins Rollen und verlieh ihr Bestand.

Ist Wahrheit also nur das Abbild des aktuell Erfolgreichen, der aktuellen Macht? Dann gäbe es auch kein gut und böse im eigentliche Sinn. Gut und Böse hieße dann in anderen Worten nur erfolgversprechend und nicht-erfolgversprechend.

Die Bibel und ihre Wahrheit wären ebenfalls nichts Anderes als eben auch nur ein Abbild von Machtverhältnissen, die sich nun mal gerne absolut setzen.

Aber da ist etwas, was die Bibel in meinen Augen zu DEM geistigen Schatz der Menschheit schlechthin macht: Der Zeitraum von ca. 600 v. Christus bis 200 n.Chr. in dem die biblischen Texte ihre Form erhielten, waren für ihre Verfasser durchweg Zeiten politischer Machtlosigkeit.
In der Bibel finden wir also Wahrheit, die eben gerade nicht aus der Abbildung der Macht heraus entstanden ist. Sondern Wahrheit, die auch in der Machtlosigkeit gilt. Das muss eine Warnung an alle sein, die mit Wahrheitsansprüchen auftreten: Wahrheit, die nicht Abbild der Macht sein soll, muss in der Machtlosigkeit gefunden werden. Nur, was auch in der Machtlosigkeit noch wahr bleibt kann im biblischen Sinne letztlich wahr sein.
Die Praxis bestätigt das: Welcher Schwachsinn, welche Borniertheit ist in den Kirchen in den Zeiten kirchlicher Macht gewachsen im Vergleich zur Weisheit der Texte, wie sie uns die Bibel bietet: allesamt geprägt in 800 Jahren Machtlosigkeit.
So traurig der scheinbare Niedergang der Kirchen in den letzten Jahrzehnten sein mag. Vielleicht tut er der letzten Wahrheit im Inneren der Kirchen gut.

Diese biblische Wahrheit, entdeckt in der Machtlosigkeit, hat die Kraft Macht und Erfolg in Frage zu stellen. Denn sie unterscheidet nicht mehr zwischen „Das-funktioniert“ und „ das-funktioniert-nicht“. Sondern sie unterscheidet zwischen „gut“ und „böse“. Gut und Böse: Kategorien jenseits der Macht, die für die Mächtigen genauso gelten wie für die Ohnmächtigen. An der Kategorie des Guten lässt sich unser Verhalten neu vermessen. Sinn und Wert bemisst sich nicht mehr am Erfolg. Sondern der Erfolg hat sich daran zu bemessen, was bleibt, wenn der Erfolg ausbleibt. Der Gute kann scheitern und bleibt trotzdem gut. Und das Schlechte kann so erfolgreich sein wie es will: Es ist und bleibt schlecht. Das fanden die Menschen, die die Bibel niederschrieben in 800 Jahren Machtlosigkeit: Die Unterscheidung von Gut und Böse als Kriterium an dem sich alles bemessen lassen muss – selbst der Erfolg. Und sie nannten diese Unterscheidung zwischen gut und böse „Wort Gottes“:
TEXT

Liebe Gemeinde! Vor Gott liegt sie offen, die Wahrheit über uns. Es liegt offen, wer wir sind – Erfolg hin oder her. Denn der Erfolg oder Misserfolg sagt ja nichts über uns. Nichts über gut oder böse.

Die Wahrheit wird mit einem Schwert verglichen: schärfer als ein zweischneidiges Schwert. Da schwirrt schnell einmal das Bild von einem Scharfgericht im Kopf herum. Zu sehr denken wir in der Logik der Macht. Nur wer bereit ist, diese Logik zu verlassen, kann die Wahrheit sehen, die auch jenseits der Macht gilt, und die eben KEIN zweischneidiges Schwert ist, sondern SCHÄRFER als jedes Schwert. Ich will im Bild bleiben: Ein Skalpell.

Mit einem Skalpell lassen sich die präzisen Schnitte ausführen, mit denen Krebsgeschwüre aus dem Körper geschnitten werden, damit der Körper wieder genesen kann.

Hören wir unseren Predigttext auf diesem Hintergrund noch einmal: TEXT

Jetzt, denke ich, wird klar, um was es geht: Ein Vater, Arzt, operiert hier sein Kind: Uns. Wir liegen schwer krank auf Gottes Operationstisch. Als Menschen, in denen so einiges Gestalt angenommen hat und gewuchert ist, was eher Krankheit ist als Mensch. Böses: Selbstsucht, Betrug, Lüge, Schuld. Ja, so ist das wohl im Leben. Es sammelt sich Einiges an, von dem man wirklich nicht behaupten kann, dass es Ebenbild Gottes ist in uns. Und es verwächst mit dem, als was wir erschaffen wurden: dem Ebenbild Gottes. Jeder Mensch wohl wird im Laufe seines Lebens so ein Gemisch aus Gut und Böse. Das Böse ist wie ein Krebsgeschwür, das wächst, aber nicht lebensdienlich, sondern das zerstörerisch unser Leben durchwuchert, nach eigenen wirren Regeln. Und uns kaputt macht.
Gott unser Arzt und Vater, so legt es der Hebräerbrief nahe, setzt nun sein Skalpell an: lebendig, kräftig und schärfer als jedes andere Messer. Es dringt durch Seele und Geist, Mark und Bein, Sinne und Gedanken des Herzens. Es schafft diesen feinen Schnitt, der nötig ist, damit das Böse ganz heraus geschnitten werden kann, damit Nichts vom Bösen bleibt. Es fährt genau auf der Grenze entlang zwischen Leben und Tod, Gut und Böse.
Es öffnet uns. Alles in uns liegt bloß und aufgedeckt vor Gottes Augen. Und er schneidet heraus, was Böse und Verdorben ist in uns. Und rettet uns, seinen Kindern, das Leben.

Haben Sie das jüngste Gericht schon einmal so gesehen: Als lebensrettende Operation eines Vaters an seinem Kind? Unselige Bilder dunkler Jahrhunderte haben lange nahe gelegt, dass am jüngsten Gericht mit dem Schwert gerichtet werde nach dem Schema von Hinrichtungen nach der Logik der Macht. Man übertrug die eigene Grausamkeit auf Gott und meinte, er richte „die Bösen“ hin und führe „die Guten“ ins Paradies. Welch fürchterliches und unseliges Bild, das die Menschen in Böse und Gute teilt und vor lauter Blutrausch übersieht, wo Gottes Schnitt wirklich verläuft: Nicht zwischen Menschengruppen, sondern durch Seele und Geist, Mark und Bein, Sinne und Gedanken des Herzens eines jeden einzelnen Menschen. Ein Schnitt nicht mit dem Schwert zum Tode, sondern mit dem Skalpell zum Leben.

Verstehen aber kann das nur, wer weiß, dass die Wahrheit der Bibel in der Machtlosigkeit gereift ist – und meilenweit vom Droh-, Macht- und Vernichtungsgehabe der Macht entfernt ist. Gott sei Dank! Denn dann, trägt ihre Wahrheit auch, wenn die Macht nicht mehr trägt – wenn keine Macht mehr trägt: im Tod.

Und wenn wir dann erwachen, dereinst, dann sind wir neue Menschen: gesund und rein. Neu geborene Kinder Gottes. Nichts ist vergessen, aber alles geheilt. Dank Gottes Schnitt zum Leben. Gott macht uns gesund und gerecht, indem er das Böse aus uns herausschneidet.
Narben werden wohl bleiben wie bei jeder Operation. Auch der Auferstandene trägt ja noch die Wundmale des Kreuzes. Deshalb, liebe Gemeinde, gilt es jetzt schon, hier auf Erden, so gut zu leben wir irgend möglich, damit wir gesund wachsen und die Geschwüre des Bösen uns nicht das Leben schwer machen. Außerdem: Man kommt dann einfach mit weniger Narben davon im jüngsten Gericht und vielleicht auch hier im Leben. Das gebe Gott! Amen.

drucken