Lebens-lauf : unterwegs zum Ziel

Es wird, liebe Gemeinde, ein Jahr der sportlichen Höhepunkte. Und es ist gut, bei der privaten Jahresplanung schon einmal die entscheidenden Termine in den Kalender einzutragen, damit es nicht zu problematischen Terminüberschneidungen kommt.
In wenigen Tagen beginnen in Vancouver die olympischen Winterspiele und die Jagd auf die Medaillen wird unzählige Sportbegeisterte vor die Fernsehgeräte locken, egal was die Uhr sagt.
Im Sommer steigt die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika und die Gesänge von 2006 werden wieder laut: "54-74-90-2010 …und wir werden Weltmeister sein."
Was passiert wohl, wenn die Verabredung gerade auf den Termin fällt, an dem die Deutschen ihr Auftaktspiel bestreiten?
Dann gibt es noch die jährlichen Klassiker: Tour de France, Wimbledon, Champions League und DFB-Pokal, Deutsche Meisterschaft.
Sport – aktiv oder passiv – ist für viele unverzichtbarer Teil ihres Lebens, unverzichtbarer Teil des Fernsehprogrammes und ein enormer Wirtschaftsfaktor.
Da muss der Apostel gar nicht erklären: wisst ihr nicht, dass die Läufer in der Kampfbahn zwar alle laufen,aber nur einer den Siegespreis empfängt?
Das wissen wir doch: die Leichtathletik WM in Berlin ist ja noch nicht so lange her und da ist zumindest einer allen in unglaublichen Zeiten davongelaufen: Usain Bolt aus Jamaika lief alles in Grund und Boden und es sah dabei aus, als ob er nur spazieren ging.
Es gibt allerdings auch Sportmuffel, Bewegungsunlustige, bewegungsarme Menschen, die nicht mehr können oder einfach nicht wollen.
Spätestens jetzt merke ich, dass dieses Bild auch Befremden in mir auslöst. Es passt nicht für alles und für alle. Und diskutieren wir nicht ständig die negativen Folgen dieses dauernden Wettkampfes, dieses nicht zu bändigenden Wetstreites um den ersten Platz und den besseren Werbevertrag? Da wird dann nachgeholfen mit unerlaubten Mitteln. Doping ist Dauerthema in der Sportwelt.
Einer nur kann gewinnen und alle anderen sind bestenfalls zweite Sieger, aber eigentlich sind fast alle Verlierer.
Ein angemessenes Bild für den Glauben? Wohl kaum.
Glaubensdoping, um bis ins Ziel zu kommen?
"Einer wird gewinnen" – das mag mal eine unterhaltsame Fernsehsendung am Samstagabend gewesen sein, aber mir missfällt vor allem der Ellbogen, mit dem ich mich durchsetzen muss, um vorne dran zu bleiben.
Warum gerade das Bild vom Lauf in der Kampfbahn, wo unser Leben doch eh schon ein getriebenes und gehetztes ist.
Wir hecheln im Alltag den Erwartungen und Anforderungen nur so hinterher und stöhnen unter dem Gefühl, nicht mehr mitzukommen in dieser schnelllebigen Zeit. Soll ich denn mein ganzes Leben nur sprinten, Fabelrekorden nachjagen, meinen Marathonlauf erfolgreich beenden,mich selbst und meine Schwächen besiegen?
Ich möchte eigentlich gerne zur Ruhe kommen, es langsamer angehen lassen, um bewusster zu leben und zu erleben. Was ist das für ein unglaubliches Erlebnis an einem verschneiten Winterabend durch die Straßen zu gehen, in denen der Schnee alle Geräusche schluckt, alles schweigt und die ganze Welt im leisen Fall der Schneeflocken still zu stehen scheint. Das ist Frieden, das ist Ruhe, das ist Balsam für die Seele.
So ist das eben mit den Bildern, sie stoßen schnell an ihre Grenzen.
Und dennoch ist uns dieses Bild vom Leben als Lauf gar nicht so fremd.
Bald werden die Schulabgänger anfangen, sich um einen Ausbildungsplatz zu bemühen und da gehört ein ausführlicher Lebenslauf dazu. Unzählige arbeitssuchende Männer und Frauen versuchen mit ihrem Lebenslauf für sich zu werben und streichen ihre Lebenstationen und Lebenserfahrungen heraus: seht, all diese Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten habe ich mir im Laufe meines Lebens erarbeitet und die kann ich dir anbieten und die kann ich zum Wohl vieler einbringen.
Lebens-lauf ist das Gegenteil von Still-stand.
Und den wünscht sich im Leben doch keiner.
Wir wollen uns weiterentwickeln, auch über das Berufsleben hinaus. Neues entdecken und begreifen. Das muss in keinem Alter aufhören.
Selten gab es eine Generation von Senioren und Seniorinnen, die so aktiv, so in Bewegung waren, wie die heutige.
Und jeder Lauf dreht sich nicht einfach nur im Kreis wie auf der Aschenbahn, sondern hat ein Ziel: Ankommen, die Ziellinie Überschreiten, gerade von Marathonläufern höre ich, dass dies ein besonderes Glücksgefühl sein soll.
Unser Leben verläuft also nicht planlos, sondern läuft auf ein Ziel zu.
Das Leben endet nicht einfach, es vollendet sich, es kommt an sein Ziel, ein unvergänglicher Siegeskranz, der auf uns wartet, ein himmlisches Ziel!
Aber um ins Ziel zu kommen, bedarf es einiger Anstrengungen. Nichts geht allein. Ich bin gefordert, herausgefordert und aufgefordert, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, und wenn es sein muss, auch Kraftreserven zu mobilisieren. Es braucht Übung und Ausdauer. Der Sportler muss für seine Ziele trainieren.
Und der Lebenskünstler? Und der Christenmensch?
Auch der Glaube braucht Praxis, also Übung und Training.
Vertrauen will geübt und gewagt werden.
Der Kontakt, das Gespräch, die Beziehung zu Gott wollen gepflegt werden. Und auch die Sprache des Gebetes erlernt sich nicht unbedingt allein.
Paulus selbst befindet sich noch in einem ganz besonderen Wettlauf.
Er ist Mittstreiter beim Lauf des Evangeliums über die Straßen des römischen Reiches bis an die Enden der Welt. Das ist sein ganz persönlicher Wettkampf, der ihm viel abverlangt auch an persönlichem Einsatz und persönlichen Konsequenzen.
Er ist umstritten, er ist angefochten, er wird verfolgt, gefangen gesetzt, man spottet über ihn, er wird verehrt, gefragt und von der Zeit immer weitergetrieben. Er verlangt von sich mehr als er eigentlich zu leisten vermag und das kann er nur, weil es nicht um ihn geht.
Es geht ihm nicht um den Ruhm, auf dem Siegerpodest zu stehen, das Rampenlicht der Öffentlichkeit und die mediale Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er sucht keine neuen Werbepartner und sichert sich auch nicht sein persönliches berufliches Weiterkommen. Er arbeitet und übt und kämpft nur für die Sache Jesu. Die hat ihn ganz gefangen genommen. Damals vor den Toren von Damaskus, als sich ihm der Auferstandene in den Weg stellte mit den Worten: Saul, Saul, was verfolgst du mich?
Seit dem verfolgt er nur seinen Auftrag, das Evangelium unter die Völker zu bringen. Das ist ihm Motivation genug und ständige Kraftquelle.
Er weiß, dass sein Leben ein Ziel hat und dass er diesen Lauf vollenden kann.
Auch wir sind unterwegs. Eingeladen, uns zu vergewissern woher wir kommen und wohin wir unterwegs sind.
Jeder Lebens-lauf hat sein Ziel.
Gott und seine Wirklichkeit, sein Reich wollen unser Lebensziel sein. Dort wartet ein unvergänglicher Siegeskranz.
Wir leben nicht ziellos, also auch nicht sinnlos.
Wir sind nicht allein unterwegs, müssen aber keinen aus der Bahn schlagen.
Jeder, der seine Ziellinie Überschreitet, ist himmlischer Gewinner.
Nehmen wir also dieses Bild vom Läufer in der Kampfbahn mit auf unseren Weg und spielen wir ein wenig mit ihm. Es ist bunt, facettenreich, lehrreich und heilsam. Ein vielsagendes Bild des Glaubens, das man übrigens auch durch das Gesangbuch hindurch verfolgen könnte: "Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuss gehen kann!"

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