Als Team gewinnen

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich noch an 1954 in Bern? Fußballweltmeisterschaft: Außenseiter Deutschland gegen die hochfavorisierten Ungarn. Millionen von Deutschen sind damals vor den Radiogeräten gesessen und haben dem Sportreporter Herbert Zimmermann zugehört:
„Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern, keiner wankt, der Regen prasselt unaufhörlich hernieder, es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren aus. Wie könnten sie auch – eine Fußball-Weltmeisterschaft ist alle vier Jahre und wann sieht man ein solches Endspiel, so ausgeglichen, so packend. Jetzt Deutschland am linken Flügel durch Schäfer. Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt – und Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn am Ball. Er hat den Ball – verloren diesmal, gegen Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“

Liebe Gemeinde,
Ich bin begeistert, und es reißt mich mit, wenn ich so einen spannenden Wettkampf im Fernsehen sehe oder im Radio höre. Ich fiebere, ob mein Favorit gewinnt: Ich schreie, feuere an, nichts hält mich mehr auf meinen Platz. Und dann das Ergebnis: Ja, er hat gewonnen. Die Spannung löst sich langsam, ich bin glücklich.
Liebe Gemeinde,
im Sport geht doch alles nur um den ersten Platz. Wer fragt schon nach dem zweiten, dritten, nach dem siebenundzwanzigsten Platzierten? Wir reden doch nur davon, wie oft ein Michael Schumacher Weltmeister geworden ist oder wie oft Bayern München Deutscher Meister. Keiner dagegen interessiert sich dafür, wie oft einer Vizeweltmeister geworden ist oder wie oft einer den dritten Platz belegt hat.
Aber ist das nicht etwas hart? Schließlich trainieren doch alle intensiv, und teilweise trennen Erst- und Zweitplatzierten nur wenige Sekunden oder sogar nur Bruchteile von Sekunden oder wenige Tore voneinander. Die Leistung ist fast dieselbe, doch die Belohnung fällt unterschiedlich aus: Während der eine mit Medaillen, Werbeverträgen und Geld überhäuft wird, geht der andere nahezu leer aus.

Paulus benutzt das Bild des Wettkampfes in seinem Brief. Alle laufen, sagt er, in einem Wettrennen, aber nur einer wird Sieger! Schon damals galt das Alles-oder-nichts-Prinzip. Nur einer kann gewinnen, und jeder trachtet danach, dieser eine zu sein. Da ist am Ende, hinter der Ziellinie, viel Freude, aber umso mehr auch Trauer und Erschöpfung.
Warum schreibt Paulus davon? Will er unter uns Christen wohl auch so einen Wettkampf entfachen? Müssen wir jetzt auch kämpfen, um den Siegeskranz zu erringen: Jeder gegen jeden, ich gegen dich, alles nur, um die Zuneigung Gottes zu erhalten?
Wenn ich neben dem Briefausschnitt des Paulus die Evangeliums-Lesung betrachte, fällt mir ein Widerspruch auf: Denn da gibt der Herr jedem den gleichen Lohn. Der eine hat 12 Stunden gearbeitet und sich gemüht und geplagt, der andere war nur ein Stündchen beschäftigt. Und doch kriegen beide den gleichen Lohn, den Silbergroschen, der ihnen und ihren Familien einen Tag Leben ermöglicht. Ist das nicht unfair? Da finde ich doch auf den ersten Blick das Pauluswort besser, dass jeder nach seiner Leistung belohnt wird.

Aber halt! Es geht ja nicht um irgendeine Belohnung, sondern um eine Belohnung durch Gott. In dem Gleichnis in der Evangeliumslesung ist der Herr Gott, die Arbeiter sind wir Menschen. Der eine von uns kommt schon als Jugendlicher zum Glauben an Gott, versucht so gut es geht nach Gottes Geboten zu leben. Der andere dagegen kümmert sich nicht um Gott und seine Gebote, sondern lebt nur so, wie es ihm gefällt. Erst, als er schon alt ist und dem Tod ins Auge blickt, bekehrt er sich zu Gott. Wie soll Gott die beiden behandeln? Schließlich hat doch der erste sich viel länger bemüht, trainiert würde man in der Sportlersprache sagen. Und doch gibt ihnen Gott dasselbe, den gleichen Lohn, nämlich das ewige Leben. Ist das gerecht?
Der Herr in dem Weingärtnergleichnis sagt zu dem Arbeiter, der sich beschwert: „Ich habe dir deinen Lohn gegeben, den gerechten Lohn. Dem anderen, der weniger gearbeitet hat, hätte ich weniger geben müssen. Ich habe aber den Lohn bei ihm aufgerundet: Nicht, weil er einen Anspruch darauf hätte, sondern weil ich barmherzig bin und das Gute für ihn will!“

Gott schenkt uns das ewige Leben aus seiner Gnade, und das ist gut so. Schließlich weiß ich nicht, wer ich bin: Gehöre ich zu denen, die schon seit der ersten Stunde im Weinberg Gottes arbeiten? Oder eher zu denen, die erst eine Stunde vor Arbeitsende anfangen? Führe ich mein Leben so, dass es vor Gottes Augen bestehen kann? Oder gehöre ich eher zu denen, wo Gott viele Augen zudrücken muss? Ich weiß es nicht, und darum bin ich glücklich, dass Gott uns Gnade schenkt.

Soweit, so gut, wenn da nicht das Problem mit Paulus wäre. Schließlich sagt der ja ganz klar: „Seht zu, dass ihr den Siegespreis erlangt!“ Muss ich also doch zukünftig meine Ellbogen ausfahren und schauen, dass ich der Über-Christ werde und entsprechend lebe? Vielleicht so, wie es die Zeugen Jehovas sagen, bei denen ja nur Platz für eine gewisse Anzahl von Menschen im Himmel ist?
Wer Paulus kennt, der weiß, dass der das bestimmt nicht so meint. Vielmehr kämpft er gegen eine billige Gnade. Also dagegen, zu sagen: „Ich kann leben wie ich will, Gott wird mich sowieso erretten!“
Dazu müssen wir seine Ausführungen auch im Ganzen betrachten. Der Schlüsselsatz dafür findet sich am Ende: „Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht anderen predige und selbst verwerflich werde!“
Paulus will unter uns Christen keine Wettkampf-Atmosphäre aufziehen. Er will nicht den Einen gegen den Anderen ausspielen, will nicht nur auf den Sieg schielen. Wer Paulus so versteht, missversteht ihn. Aber er will auch nicht, dass wir uns zurücklehnen, es uns gut gehen lassen in dem Wissen: „Wenn’s fünf vor zwölf ist, reicht es auch noch, dass ich fromm werde, denn Gott wird mir sowieso den Silbergroschen, die Belohnung, das ewige Leben geben!“ Davor warnt Paulus, denn das hieße, Gottes Güte und Gnade zu missbrauchen.
Vielmehr sollen wir in der Gewissheit, von Gott gerettet zu werden, uns um ein gottgefälliges Leben bemühen: Damit wir als Vorbild allen anderen dienen.

Paulus schreibt von einem Einzelkämpfer, von einem Läufer, der allein siegen will. Ein besseres Bild, finde ich, ist das der Mannschaft. Wie in anderen Mannschaftssportarten auch geht es im Fußball um das Zusammenspielen: Bei der Weltmeisterschaft 1954 ist auch nicht Rahn allein Weltmeister geworden, weil er den Siegtreffer geschossen hat. Vielmehr ist die gesamte Mannschaft Weltmeister geworden, weil alle Anteil am Sieg hatten. Denn ohne Zusammenspiel, ohne Abgeben und gemeinsamen Spielaufbau, ohne Miteinander kann eine Mannschaft nicht gewinnen. So ist es auch mit uns Christen: Wir müssen zusammenhalten, uns gegenseitig in unserem Christentum bestärken, uns gegenseitig trösten, wenn’s nötig ist, uns ermahnen zur Treue gegen Gott, uns helfen. Dann werden wir gemeinsam den Siegpreis erlangen, gemeinsam Gottes Gnade annehmen können: Nicht als billige Gnade, auch nicht als etwas, das wir uns verdient haben, aber als Geschenk Gottes.

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