Hauptgewinn

Liebe Gemeinde,

wer von Ihnen und Euch hat sich schon einmal auf dem Rummel ein Los gekauft? Wer von Ihnen hat schon einmal Lotto gespielt? Und wer hat schon mal gewonnen? Sowohl das eine wie auch das andere tun wir, weil uns ein grosser Gewinn in Aussicht gestellt wird.
Früher, als es noch keine Lotterie gab, da waren die Schatzsucher unterwegs. Männer und Frauen, die nach sagenhaften Reichtümern suchten. Heute lesen wir solche Geschichten als Märchen, die mit „es war einmal“ beginnen. Wir gehen ins Kino und sehen uns „Indianer Jones“ mit Harrison Ford an, „Vermächtnis der Tempelritter“ mit Nicolas Cage, „Fluch der Karibik“ mit Jonny Deep an und – ich könnte noch lange weitermachen mit Büchern und Filmen.
Gemeinsam ist den Menschen aus dem Märchen, aus den Abenteuerfilmen und uns die Hoffnung, dass sie/wir einen Wert erlangen, der entweder – wie beim Lotto – ein Vermögen darstellt. Oder – und jetzt schauen wir über das Lottospielen hinaus – wir hoffen etwas zu gewinnen, was uns persönlich ganz viel wert ist. Ruhm, Ehre, Ansehen. Oder der Schatz ist eine Person. Denn von daher leitet sich ja auch die liebevolle Anrede „du bist mein Schatz“ ab.

Paulus spricht in seinem Brief an die Korinther davon, dass unser Glaube ein Schatz sei. Unser Glaube also etwas, das wertvoll ist, worüber wir und andere sagen: „das ist etwas ganz Kostbares“. Ist das so? Gehen wir mit unserem Glauben um wie mit etwas absolut Erstrebenswertem und Unersetzbarem? Schauen wir uns doch einmal unser Verhältnis zu Gott an. Ist es genauso lebendig, freudig, vertraut und innig wie zu dem Menschen, den wir am meisten lieben? Oder doch ein bisschen anders?

Ich lese gerade ein Buch, das heißt „Die Hütte“, ein Bestseller aus den USA. Der Aufhänger ist die Geschichte von Mack. Seine jüngste Tochter ist vor Jahren entführt und wahrscheinlich umgebracht worden. Ihre letzten Spuren hat man in einer Schutzhütte im Wald gefunden, in deren Nähe die Familie auf einem Ausflug campierte. Vier Jahre später, mitten in seiner tiefen Traurigkeit, erhält Mack eine seltsame Nachricht. Als Absender ist Gott angegeben, der ihn für ein Wochenende in die Hütte einlädt.
Auch ohne das Buch gelesen zu haben, können wir uns die erste Reaktion von Mack vorstellen. Sie ist genauso, wie auch wir reagieren würden, wenn wir einen Brief bekämen, der mit „Gott“ unterschrieben ist. Einmal alles: Abwehr, Nichtglauben, Brief wegwerfen wollen, wütend sein über die Grausamkeit des Unbekannten, der mit der Einladung an den Ort des Grauens die Wunde aufreißt. Aber der Autor (William Paul Young) spinnt seinen Erzählfaden weiter und so hört Mack nicht auf, über die Einladung nachzudenken. Ich lese einen Absatz aus dem Buch: „Die Idee, dass Gott Briefe verschickte, ließ sich nur schwerlich mit Macks theologischer Ausbildung in Einklang bringen. … Gottes Stimme war zu bedrucktem Papier reduziert worden, und selbst dieses geschriebene Wort musste dann noch von den richtigen Autoritäten entschlüsselt und vermittelt werden. Die direkte Kommunikation mit Gott blieb anscheinend den Menschen der Antike und den Unzivilisierten vorbehalten, während der Zugang des gebildeten westlichen Menschen zu Gott von der Intelligenzija kontrolliert und moderiert wurde. Niemand wollte einen lebendigen Gott zum Anfassen. Alle bevorzugten ihn in Buchform, besonders wenn es sich um teures, in Leder gebundenes Buch mit Goldrand handelte, oder war es ein Schuldrand? … Doch trotz seiner Wut und seiner Depression wusste Mack, dass er Antworten brauchte.“
Und dann geht die Geschichte weiter, Mack fährt also zur Hütte und Sie ahnen es schon: er begegnet Gott. Allerdings ganz anders, als er ihn sich vorgestellt hat. Gott erscheint ihm in Form einer großen und liebevollen schwarzen Frau, eines entspannten Schreiners aus dem mittleren Osten in Jeans und kariertem Hemd und einer einfühlsamen, durchsichtig wirkenden Frau aus Asien.
Sie essen und trinken zusammen, sie führen Gespräche über Gott und die Welt, sie liegen am Ufer und schauen in den nächtlichen Sternenhimmel, sie räumen einen verwilderten wunderschönen Garten auf und sie machen ein Picknick.
Und immer liegt beides ganz nah beieinander: das wunderbare Gefühl in Mack, von diesen dreien geliebt zu sein und seine unendliche Traurigkeit um seine kleine, entzückende Tochter, sein wunderbares Gefühl, zu lieben – seine Familie daheim und die Sorge um sie. Die Freude und der Kummer, die unbekümmerte Leichtigkeit und die Wut über Erlittenes.
Bei Paulus klingt das anders, aber ich denke, er meint das gleiche: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“
Das ist der Schatz, den Gott uns mitgegeben hat: das Leben und Sterben Jesu und das, was wir durch ihn lernen und erkennen durften: Natürlich müssen wir sterben, das ist schlicht das Gesetz allen Lebens. Aber seit ihm, seit Jesus Christus wissen wir auch, dass diese Grenze uns nicht von Gott trennt, sondern dass wir sie überschreiten werden. Dass wir zwar sterben, aber letztendlich nicht umkommen. Wie es eine mir sehr liebe, schon lange und hochbetagt verstorbene Frau sagte: „nur wenn ich sterbe, kann ich auferstehen.“

Eigentlich ist das doch ein Hauptgewinn: dass wir es Gott wert sind, mit diesem Schatz gefüllt zu werden. Und er weiß, wie anfällig wir sind. Paulus spricht von irdenen Gefäßen. Das sind die Töpfe, in denen unsere Vorfahren die Lebensmittel aufbewahrten, in denen die Butter kühl und das Brot frisch blieb. Diese Töpfe wurden mit grosser Sorgfalt behandelt, denn sie zerbarsten, wenn sie zu heftig auf den Steinfußboden gesetzt wurden. Ein Herunterfallen vom Küchentisch, was ja bei unserer Tupperware überhaupt kein Problem ist, hielt so ein Geschirr nicht aus. Damit werden wir verglichen: wie leicht geht unsere Sicherheit in die Brüche, wie leicht ist unser Glaube zu zerbrechen. Und vielleicht gerade deshalb, weil wir eben nicht die grossen Heldinnen und Helden der Märchen und Abendteuer sind, hat Gott uns als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erwählt. Durch uns soll seine Herrlichkeit leuchten. Durch uns sollen andere sehen, wie sein Licht leuchtet. „Gott hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes.“ Mit den Worten des Lieddichters aus Taize klingt das so: „Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde und du sagst uns: auch ihr seid das Licht.“ Wenn das gelingt, wenn andere durch uns Gott erkennen können, dann werden wir zum Hauptgewinn.

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