Keine Entschuldigung

Siegertypen müssen her, das wissen wir aus dem Sport, aus der Show, aber auch aus dem Berufsalltag. Egal, ob im Büro, im Verkauf oder in der Produktion: Deutschland sucht den Superstar. Wer nur seine Pflicht tut, bekommt höchstens einen Zeitvertrag, wer den Kick mehr bringt, wer dynamisch wirkt, der kann mit mehr rechnen. Die Lichtgestalten sind, es, die Management und Politik brauchen. Kraft und Power sind gefragt und nicht die zaudernden Bedenkenträger. Wer heute etwas darstellen will, für den reicht es nicht mehr einfach fachlich gut zu sein.

Der Apostel Paulus dagegen hat oft gerade dafür Gott gelobt, dass seine Kraft in den schwachen mächtig ist, dass er sich in besonderer Weise der Menschen annimmt, die nichts vorzuweisen haben. Seine Begründungen sind klar. Erstens ist er dankbar, dass Gott ausgerechnet ihn berufen hat – und er weiß sehr genau um seine Fehler und zweitens ist für ihn klar: Der diese Welt geschaffen hat, will nicht den perfekten Menschen, sondern den freien und darin auch fehlerhaften Menschen. Und darum schriebt er an die Gemeinde in Korinth:

[TEXT]

Damit, dass Gott mit seiner Schöpfung Licht in diese Welt gebracht hat, hat er nicht einfach Licht angeknipst. Er hat uns Erleuchtung geschenkt. Diese Erleuchtung geht weiter. In Jesus Christus hatten wir die Erleuchtung, was Gottes wirkliches Wesen ist. Wir haben einen Schatz. Wir kennen Gott.

Diesen Schatz haben wir nicht in einem Tresor, sondern (wie damals die Buchrollen von Qumran) in einem getöpferten Gefäß. Wir können sie nicht ‘sicherstellen’, sondern nur gebrauchen. Die Fragilität der Hülle weist auf Verletzlichkeit hin. Letztendlich meint der Apostel damit, dass der Mensch diese zerbrechliche, diese unvollkommene Hülle ist. Eigentlich untauglich, das Wort Gottes zu begreifen und zu erhalten und weiterzugeben. Aber Gottes Gnade hat den Menschen genau dazu berufen.

Wir müssen nur realisieren, welches Vertrauen Gott in uns setzt. Und wir müssen sehen, in welchen Problemen wir leben.

Paulus sieht die Probleme, in denen die Gemeinden leben, die er kennt. Er erkennt Bedrängung und Bedrohung, aber er sieht auch die Befähigung über dem allen zu stehen. Er sieht Zerbrechliches und er sieht das Harte darin. Er sieht die Leiden der Gemeinden seiner Zeit, die wir vielleicht nachvollziehen können, wenn wir von Anschlägen auf christliche Kirchen in der Türkei oder Ägypten hören.

Ich glaube darüber hinaus lädt uns der Apostel auch ein, die Leiden von ChristInnen unserer Zeit an unserem Ort zu sehen. Und zu bedenken, dass es kein Maß gibt, mit dem man die Größe von Leiden messen kann.

Leidenserfahrungen sind nicht weitergebbar. Leidenserfahrungen nur schwer nachvollziehbar. Es gibt leidende Christen in der Gegenwart, für uns aber oft schwer greifbar. Natürlich nehmen wir das Leid von Schwestern und Brüdern in islamischen Ländern wahr – und doch es hat so wenig mit uns zu tun. Aber vielleicht sehen wir auch die Leiden derer, die sich zu Christus bekennen gegen Widerstände in der Familie, im Betrieb. Vielleicht nehmen wir auch die Leiden der Menschen ernst deren Ehepartner oder Eltern oder Geschwister oder Kinder das Licht nicht sehen können oder wollen, das ihnen so wichtig geworden ist. Auch deren Verzweiflung ist ernst zu nehmen. Aber zugleich dürfen wir den Trost verspüren, dass Gott gar nicht von uns erwartet, dass wir alles bewirken, was wir wollen. Paulus nimmt auch unsere Angst wahr, unseren Glauben zu bezeugen vor den Menschen. Er weiß wie schwer wir uns tun, außerhalb unserer sicheren Kirchenmauern und Bibelabenden den Menschen vom Glauben zu erzählen. Wir sind schlechte Prediger des Wortes Gottes, aber wir sind Geliebte und Beschenkte des Wortes Gottes.

Vielleicht erkennen wir gleichfalls, dass wer Christus verkündigt kein Star sein muss, sondern sich auf seinen Herrn verlassen und berufen kann, gerade auch in seinem Unvermögen. Gott hat sein Licht angeknipst – für uns. Und wir dürfen dieser Welt Erleuchtung bringen, auch wenn sie diese oft gar nicht will.

Die tönernen Gefäße dienen der Klimatisierung teurer Pergamente, aber viele von ihnen sind auch an ihrer Zerbrechlichkeit kaputtgegangen. An alten Siedlungsorten finden die Archäologen Haufen von Scherben, aber die Rollen von Qumran haben überlebt dank ihrer irdenen Gefäße. So gibt Gott sein Wort in uns, dass es dort überlebt. Darum bezeichnet Paulus uns als irdene Gefäße. Damit kennzeichnet er beides: Würde und Zerbrechlichkeit der Menschen, die von Christus angerührt worden sind. In diese Würde und Zerbrechlichkeit hat Gott seinen Schatz eingepflanzt.

Von Schätzen träumen wir: Dem Sechser im Lotto, Günter Jauchs Million oder der nächsten Gehaltserhöhung. Und wenn Alles nichts hilft, dann soll wenigstens das neue Auto oder der nächste Urlaub uns entschädigen. Dabei übersehen wir leicht, welche Schätze wir wirklich längst haben. Das Wort Gottes, seinen Heiligen Geist genauso wie die Schwester und Brüder, die mit uns sind.

Es gibt ein Selbstwertgefühl jenseits alles zählbaren Lebenserfolges. Schwächen kennen und doch einander wertschätzen. Paulus nennt uns den Grund.

Paulus sagt uns, wie Gott ist: wie Jesus Christus! Diesen Schatz haben wir. Wir haben ihn in zerbrechlichen Gefäßen, nämlich uns. Darum: In Ängsten, aber wir leben.

Trotz aller Schwäche – wir lieben – Nächste und uns selber. Diese Liebe haben wir wie einen Schatz in irdenen Gefäßen. Aber wo dieser Schatz konkret wird, danach müssen wir suchen.

Unser Selbstwertgefühl kommt nicht allein aus unseren Leistungen. Da spielen weder Sammelerfolge noch Amtsjahre eine Rolle, allein das Bewusstsein, dass Gottes Kraft gerade in unserer Schwäche mächtig ist, ist entscheidend.

Wir haben den Schatz in zerbrechlichen Gefäßen. Das heißt: Nur wenn wir die Brüchigkeit menschlicher Existenz ernst nehmen, können wir diesen Schatz auch wirklich heben. Das war der Ansatz Bodelschwinghs, Wicherns und anderer. Den Menschen in seiner ganzen Wirklichkeit sehen. Nicht zufrieden sein mit einer satten kleinbürgerlichen Christenheit, die die geringsten Schwestern und Brüder vor die Hunde gehen lässt.

Es geht immer wieder um die Frage nach dem Warum: Warum fühle ich mich getrieben, dieses zu tun und jenes zu lassen? Die Frage nach der Motivation stellt sich täglich neu? Wir haben den Schatz, aber wie gehen wir mit ihm um? Die eigene Schwachheit lässt Paulus wenigstens nicht als Entschuldigung gelten.

drucken