Mobbing in Korinth

Liebe Gemeinde,

das Wort „mobbing“ kann man zu Zeiten der Bibel noch nicht. Wenn wir aber heute beschreiben wollten, wie man in der Gemeinde von Korinth mit dem Apostel Paulus umgegangen ist, dann würden wir heute dazu sagen, dass er gemobbt wurde.

Auf gemeinste Art und Weise versuchten damals christliche Missionare, Paulus „fertig zu machen“, ihn zu diskreditieren. Sie sagten sein Auftreten in der Gemeinde, sei schwach und armselig, er sei ein Stümper, was das geistgewirkte Reden angehe und nur mutig mit der Schreibfeder.

Eigentlich ist es ja eine theologische Auseinandersetzung, ein Machtkampf zwischen verschiedenen Gruppen, vor denen im Korintherbrief zu lesen ist. Und es wird dabei mit allen Mitteln gekämpft, der Streit geht unter die Gürtellinie. Weil theologische Fragen nicht inhaltlich geführt werden, wird versucht, die Person des Paulus lächerlich zu machen. Auf dieser Ebene kann er sich schlecht wehren, gerade weil man annimmt, dass Paulus wahrscheinlich keine besonders ansehnliche Person war, vielmehr sogar, dass er eine für alle sichtbare Behinderung hatte. Und gerade seine Krankheit oder Behinderung in einer Auseinandersetzung als Argument zu verwenden, läuft heute unter dem Begriff Mobbing. Die Verbreitung falscher Tatsachen, die grundlose Kritik an der Arbeit, Erniedrigung und fehlende Wertschätzung.

Nicht selten führt Mobbing dazu, dass Menschen seelisch oder körperlich krank werden und sich resigniert zurück ziehen. Gerade das ist ja oft das Ziel. Jemanden hinaus zu ekeln.
Doch da haben die Kritiker Paulus unterschätzt. Er lässt sich nicht verdrängen. Paulus ist bereit zu kämpfen und wenn es sein muss, ist er auch bereit die Erniedrigung, die Verfolgung und das Leid auf sich zu nehmen. Es geht hier ja auch um eine höhere Sache. Es geht um die Verkündigung der Botschaft Jesu vom Reich Gottes und es geht um die rechte Nachfolge. Trotzig klingen deshalb seine Worte: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
Und weil die ganze Kritik, die Kampagne gegen ihn, aus den eigenen Reihen der Gemeinde in Korinth entstanden und angestiftet wurde, schmerzt sie Paulus mehr als alles andere. Und wie sehr es ihn schmerzt, drückt er mit den Worten aus: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe“

Liebe Gemeinde, um das Bibelwort für diesen Sonntag richtig zu verstehen, ist wichtig zu betonen, dass die Worte des Paulus keine allgemeine Aussage zum Leid in der Welt ist. Hier ist weder davon die Rede, dass Leid Teil unseres Lebens ist, oder sein muss, noch ist davon die Rede, dass der Mensch ein von Gott auferlegtes Leid tragen muss.
Leid kommt nie von Gott, auch wenn Menschen immer wieder in dieser Vorstellung zeitweise Hilfe und Trost gefunden haben. Ja, es gibt im Leben immer wieder schreckliche und absurde Erfahrungen, Schicksalsschläge ohne Sinn, den Menschen zerstörendes Leid, wie wir es aktuell ja auch in Haiti erleben.
Jeder Versuch hier Antworten zu geben muss scheitern. In solchen Situationen kann es nur darum gehen Hilfe und Trost durch menschliche Nähe und Solidarität zu geben.

Am Beispiel aber, was Paulus erlebt, was er erleiden muss, wird deutlich: Leiden auszuhalten, Leid auf sich zu nehmen kann sinnvoll sein, wenn es darum geht ein höheres Ziel zu verfolgen. Wie oft hört man im Leben den Satz: „Das war eine Quälerei aber es hat sich gelohnt“.

Das ist auch die Motivation im Leben des Paulus, um Christi willen, um der Botschaft Jesu willen ist er bereit, alles auf sich zu nehmen, „wir sind von allen Seiten bedrängt, wir leiden Verfolgung, wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“

Liebe Gemeinde,
in diesem von Paulus beschriebenen Sinne, täte es uns als Christen, als Gemeinde und als Kirche gut, mehr leidensbereitschaft zu haben. „Veränderung“ habe ich erst vor kurzen in einem Artikel gelesen „ geschieht durch Leid und Leidenschaft“.
Aktuell ist mir das z.B. deutlich geworden an der Auseinandersetzung um die Neujahrspredigt der neuen EKD Bischöfin Käßmann, mit der zentralen Aussage: Krieg, darf nach Gottes Willen nicht sein und in Afghanistan ist nichts gut.

„Krieg, darf nach Gottes Willen nicht sein“, dieser Satz bekommt auch durch das Erdbeben in Haiti eine neue aktuelle Dimension. Die Kriege im Irak und in Afghanistan kosten den USA monatlich über 12 Milliarden US Dollar. Das muss man sich einmal vorstellen, monatlich über 12 Milliarden US Dollar. Wie vielen Erdbebenopfer könnte man eine Zukunft in Würde geben, wenn nur einen Monat lang kein Krieg wäre.

Wer deutliche Worte findet wie Margot Käßmann muss Leidenschaft und Leidensbereitschaft mit sich bringen, muss bereit sein, auch Prügel einzustecken, um der Wahrheit ums des Evangeliums Willen. Die Kirche hat neben aller seelsorgerlichen Aufgaben immer auch ein prophetisches Amt, das nicht zu kurz kommen darf, wenn sie glaubwürdig sein will.

In welcher Welt leben wir eigentlich, liebe Gemeinde, wenn es schon einer Bischöfin anscheinend nicht mehr erlaubt ist, das Evangelium zu predigen, sondern erwartet wird, der Politik nach dem Mund zu reden.
Wie aktuell sind da die Worte des Paulus: „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.“

Liebe Gemeinde, es geht hier nicht darum den Märtyrer zu spielen, sich selbst zu geißeln, zu meinen, wer viele Feinde hat ist auch der Wahrheit nahe. Oder zu meinen wer besonders viel Leid auf sich nimmt, der ist bei Gott besonders gut angesehen.

Nein, es geht einzig und allein darum, ein leidenschaftlicher Christ zu sein.
Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff hat z.B. auf die Frage nach dem Leid geantwortet „Das Leid, das der Mensch im Kampf gegen das Leid auf sich nimmt ist ehrenvoll … Darin ist der Mensch „Leidensgenosse“ mit Christus!“ Und er sagt weiter: „Die Suche nach mehr Gerechtigkeit für alle hat der Verleumdung, Verfolgung, Folter und nicht selten dem gewaltsamen Tod standzuhalten“.

Also, kein Leid um des Leidens willen, aber Leidensbereitschaft für den Kampf gegen das Leid in der Welt! Jeder und jede an seinem Lebensort, seinem Lebensbereich, ohne natürlich das Große und Ganze aus dem Blick zu verlieren.

Damit uns auf diesem Weg nicht der Mut verlässt, ist es wichtig darauf zu achten, dass das innere Feuer des Glaubens in unseren Herzen nicht erlöscht: Pauls sagt dazu: „Gott der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“

Das Feuer des Glaubens auf der einen Seite, die Bereitschaft zum Leid auf der anderen Seite, sind zwei Pole des christlichen Glaubens, auf die uns Paulus mit seien Worte heute hinweist. In Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen soll sich auch unsere Leben befinden.

Der Gründer der Lebensgemeinschaft von Taizé, Roger Schütz hat diese Freude am Glauben und die Leidenschaft gegen Ungerechtigkeit schon vor Jahren unter dem Motte "Kampf und Kontemplation", zusammengebracht.

Aber so faszinierende und ansteckend die Idee auch ist, so schwer ist es zugleich beides tatsächlich zusammen zu bringen: "Kampf und Kontemplation". Es wird oft leidenschaftlich gesungen aber mit so wenig Leidenschaft und Leidensbereitschaft gegen das Unrecht in der Welt gekämpft.

Andere verfallen in puren Aktionismus, ohne an ihr inneres Gleichgewicht zu denken und wer dem Feuer des Glaubens nicht die nötige Nahrung gibt, ist schnell ausgebrannt und nützt damit weder der Welt noch sich selbst.

Aber Paulus sagt: Wir dürfen mit der „überschwängliche Kraft von Gott“ in unserem Leben rechnen. Und wenn Paulus dies schreibt, dann denkt er natürlich auch an sein eigenes Leben, an seine Gebrechlichkeit und an seine Schwächen, aber auch an seine Stärken und daran, dass Gott durch ihn in die Welt wirken will.

Keine Kraftmeierei aber eine tiefe Gewissheit findet sich in diesem Worten des Paulus die Dietrich Bonhoeffer für uns noch einmal neu auf den Punkt gebracht hat.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Amen

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