Der Schatz in den irdenen Gefäßen

Liebe Gemeinde,

die Epiphaniaszeit geht heute zu Ende, und damit die Botschaft vom Licht, das in unsere Dunkelheit scheint. Heute hören wir es vorläufig zum letzten Mal: Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben. Unser Predigttext richtet zugleich unseren Blick schon nach vorn auf die kommende Kirchenjahreszeit. Wir gehen auf die Passionszeit zu. Das Thema Leiden, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens rückt in den Vordergrund. Ja, es mit diesem Abschnitt aus dem Korintherbrief wird es uns sogar sofort so nahe gerückt, dass wir ihm eigentlich kaum ausweichen können – es kommt uns näher heute schon vielleicht, als uns lieb und angenehm ist. „Wir tragen allezeit das Leiden Jesu an unserem Leibe“, sagt Paulus. Wir werden also von Jesu Leidensgeschichte in den kommenden Wochen bis Ostern – und aufgrund dieses Textes auch heute schon – nicht sprechen können, ohne an unsere ganz persönlichen Erfahrungen von Krankheit und Zerbrechlichkeit erinnert zu werden. Jede und jeder von uns wird beim Hören dieser Worte sofort an die eigenen körperlichen Schwachstellen denken…

Ein heller Schein in unseren Herzen auf der einen – und die unübersehbaren Anzeichen von körperlichen Einschränkungen auf der anderen Seite: wie geht das zusammen? So fragten damals manche überschwängliche Gläubige in Korinth, die meinten, ein Christ müsste nicht nur von innen heraus leuchten, sondern auch äußerlich fit, gesund und behände sein. Sie hatten damals unter anderem auch Paulus im Visier, der keineswegs – wie es aus der Sprachgewalt seiner Briefe scheinen mag – eine strahlende Erscheinung war. Manche, die ihn persönlich kennenlernten, waren wohl eher enttäuscht, als sie ihn zum ersten Mal sahen. Nicht nur, dass er eher klein war und nicht der blendende Mann, den man hinter seinen Briefen vermutete. Auch war es mit seiner Wortgewandheit keineswegs so gut bestellt, wie man es von ihm erwartet hätte. Vermutlich litt er sogar an epileptischen Anfällen, die ihm manchmal schwer zusetzten. Schließlich hinterließen seine anstrengenden, oft gefährlichen Reisen bei ihm wohl auch so manche Spuren an Körper und Seele.

Und so wurden hier und da Stimmen laut, besonders wohl in Korinth, die sagten: das soll der große Paulus sein? Dieses eher schwächliche, manchmal kränkelnde und sogar mitunter stotternde Männchen will uns etwas von der Kraft Gottes erzählen? Ja, wo ist denn bei ihm etwas von dieser Kraft zu sehen? Da gibt es doch andere, überzeugendere Erscheinungen: junge, dynamisch und gewandt auftretende Leute, die das Evangelium viel besser vermitteln – die Sache Jesu viel besser rüberbringen können …

Wir können uns vorstellen, wie das dem Paulus zu schaffen gemacht hat. Er, der sich so für seine Gemeinden und für’s Evangelium ins Zeug legte und sich dabei selbst nie geschont hat, sondern oft bis an die Grenzen der Erschöpfung gegangen ist – plötzlich abgeschrieben, weil körperlich nicht auf der Höhe? Eine unerträgliche Vorstellung war das für ihn. Eine unerträgliche Vorstellung, wie auch heute das gesellschaftliche Diktat unerträglich ist, dass nur die etwas zählen, die jung, fit, gesund und makellos sind. Gewiss: die Gesundheit ist ein hohes Gut, daran besteht kein Zweifel. Aber zum Leben gehört auch die andere Seite – gehört eben auch die Erfahrung, dass unser Körper anfällig ist, verletzlich, zerbrechlich, gefährdet. Und schneller, als wir ahnen, können wir selber betroffen sein von plötzlichen oder auch schleichenden Ausfällen körperlicher Funktionen durch Krankheit oder Unfall. Spätestens dann holt uns die Erkenntnis ein: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe“.

Doch wird damit der helle Schein, den Gott in unsere Herzen gegeben hat, verdunkelt, getrübt, wie es die Gegner des Paulus sagen? Es mag so aussehen zunächst, für Außen-stehende und vielleicht sogar für die akut Betroffenen selbst. Doch wer dann Menschen erlebt, die nach schwerem Ringen gelernt haben, ihre Krankheit anzunehmen, mit ihren körperlichen Makeln oder Schwachpunkten zu leben, wird feststellen, dass es ein anderes, tieferes Strahlen gibt, als das der Strahlemänner oder Strahlefrauen, die dieses Thema verdrängen und nichts von Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit wissen wollen. Bei Menschen, die durch eigene Leiderfahrungen hindurchgegangen sind, findet man allemal mehr Tiefe, als bei solchen, die sich für unverwundbar halten und sich den Anschein der ewigen Jugend zu geben versuchen.

Nein, der helle Schein in unseren Herzen und die Einsicht in die eigene Zerbrechlichkeit – das ist kein Widerspruch. Im Gegenteil: es gehört zusammen. Wer um seine Zerbrechlichkeit weiß, und um die Gefährdungen, denen wir Tag für Tag ausgesetzt sind, wird das Geschenk des Lebens um so höher zu schätzen wissen. Wer um seine Zerbrechlichkeit weiß, wird das Leben bewusster wahrnehmen und empfinden, mit allem Glück, mit allem Schmerz, mit aller Sehnsucht und mit allem vergeblichen Bemühen, etwas festhalten zu wollen, was sich doch nicht festhalten lässt. Wer um seine Zerbrechlichkeit weiß, wird darum auch die Formel verstehen, die Paulus schließlich für seine Entgegnung auf die ihm widerfahrene Infragestellung gefunden hat: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen.“

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen: was für ein schönes Bild ist das, das Paulus da gefunden hat, um den scheinbaren Widerspruch zwischen dem inneren Licht, das der Glaube uns schenkt, und der äußerlichen Zerbrechlichkeit unseres Leibes zu versöhnen. Unser Körper als von Gott geformtes Gefäß, jeder und jede von uns ein Original, mit seinen individuellen Spuren, Rissen und Verwerfungen, die sich im Laufe des Lebens bilden – ver-gänglich, zerbrechlich, verwundbar – und darin Wert geachtet, mit dem hellen Schein der Liebe Gottes erleuchtet zu werden. Warum? – „…damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns“, sagt Paulus. Der Schatz, den wir in uns tragen – jeder und jede von uns – das ist eben nicht die Kraft, über die wir verfügen können, entsprechend unseren körperlichen Veranlagungen und Möglichkeiten; es ist nicht die antrainierte Fitness, mit der wir uns versuchen, auf jung und schön und beweglich zu trimmen. Nein, es ist die Kraft, die uns zuwächst gerade da, wo wir an Grenzen stoßen oder gestoßen werden: Grenzen, die unser Körper uns setzt; Grenzen, die das Leben uns setzt mit seinen Beanspruchungen und den entsprechenden Spuren, die sie bei uns hinterlassen; Grenzen, die uns mit zunehmen-dem Alter aufgezeigt werden. Die Erfahrung dieser Begrenztheit und Vergänglichkeit meiner Kräfte ist es, die mich in schwierigen Situationen und Zeiten der Krise um so mehr auf die Kraft Gottes vertrauen lässt.

Ja, sagt Paulus darum: wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Ja, es ist uns manchmal bange, wenn wir uns müde und erschöpft und ausgepowert fühlen und uns fragen: wie sollen wir das alles schaffen? Aber wir verzagen nicht. Denn wir wissen ja: wir tragen diesen Schatz in uns, inmitten aller Erfahrung von Zerbrechlichkeit: ein Licht von Gott, eine Kraft von Gott, die tröstet, aufrichtet, Mut macht. Dieser Schatz kann uns nicht verloren gehen, sagt Paulus: er ist immer da, wie tief und sichtbar auch die Risse und Verwerfungen unserem Körper, dem „irdischen Gefäß“, sein mögen. Darum kann uns eigentlich nichts passieren, wenn wir – statt übertriebenen Körperkult zu betreiben – diesen Schatz in uns hüten und uns immer wieder bewusst machen, dass wir ihn in uns tragen.

Und wenn uns unser Körper mal wieder zu schaffen macht, wenn Krankheit und Schmerzen oder Unzulänglichkeiten welcher Art auch immer uns an den Rand der Verzweiflung bringen, dann hilft vielleicht auch noch dieser letzte Gedanke des Paulus: Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an uns offenbar werde. Die Verbindung, die Paulus hier herstellt: zwischen dem Leiden Jesu und unserem Leiden – rückt die Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit unseres Leibes noch einmal in eine ganz neue andere Perspektive: nämlich in die Perspektive der Verwandlung vom Tod zum Leben, die Jesus durchgemacht hat und aus der auch wir Hoffnung schöpfen können.

Wer Anteil am Sterben Jesu hat, wer teilnimmt an seinem Leiden, wird auch Anteil am Leben Jesu haben: an dem neuen Leben, das mit Jesus Christus auf uns wartet. Diese Hoffnung, die wir mit Jesu Geschichte des Sterbens und Auferstehens verbinden, taucht alle Krankheit, allen Schmerz, alles Leiden, das uns jetzt zu schaffen macht – all die Spuren des Sterbens Jesu in ein neues anderes Licht: nämlich eben in das Licht des Lebens Jesu. In diesem Licht wird alles, was wir an uns selbst als Spuren des Sterbens Jesu deuten, verwandelt werden im Zeichen des neuen Lebens: die Trauer in Freude, die Angst in Zuversicht, der Tod in ewiges Leben. Denn wie schreibt Paulus am Ende seiner Betrachtung: „Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in der Kraft des lebendigen Christus, die wir als Schatz in uns tragen.

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