Wir sind keine Superhelden

Liebe Gemeinde,
wenn die Wellen höher schlagen, fürchtet euch nicht. Unsre Füße nicht mehr tragen, fürchtet euch nicht. Jesus reißt uns aus der Flut, er macht uns zum Leben Mut, fürchtet euch nicht. Dieses Lied brachte vor Jahren einmal ein Kollege mit auf eine Tagung der Bezirkskatecheten. Ich hatte mal 6 Jahre dieses Amt inne und dieses Lied gehört mit zu meinen Erinnerungen daran. Er hatte es selber geschrieben und sang es in den Pausen mit uns. Später habe ich das Lied gern mit unserem Jugendchor gesungen, vor allem bei Konfirmationen und Trauungen oder auch anderen Anlässen. Und dieser einfache Text ist mir wieder eingefallen, als ich nun den Predigttext las.
Paulus erzählt von Erfahrungen, die wir wahrscheinlich alle im Leben machen. Wir werden bedrängt, beurteilt, gemobbt, beschimpft, für viele ist die Arbeitswelt ein Angstfaktor, mancher denkt noch daran, wie es einem in der DDR als Christ gehen konnte, da war man schon mal wegen des Glaubens bedrängt und herausgefordert. Und wir erleben es ja in diesen Tagen mit, wie eine Predigt von Frau Käßmann so viel Haß und Agression ausgelöst hat, dass man es gar nicht mehr verstehen kann. Und darunter leidet ja sie und sicher auch viele in der Kirche mit, dass sie völlig unerwartet und unangemessen attakiert wird. Und das ging ja dem Paulus auch so. Unterstellungen, Verleumdungen, Verfolgungen bis in Todesgefahr musste er aushalten wegen einer Sache, die ja eigentlich so harmlos ist. Wenn die Wellen höher schlagen – ist eine Erfahrung durch die Zeiten hindurch. Und wer sich mal bestimmte Foren, also Diskussionsbereiche im Internet anschaut, wird es merken, das immer, wenn es um Kirche geht, ein rauher Wind weht. Nicht nur bei dem Thema Afghanistankrieg, sondern überall, wo Kirche irgendetwas von sich gibt. Und das ist nun, das lerne ich aus unserem Text, anscheinend so, seit es das Christentum gibt – genauer, schon mit Jesus hat das begonnen. Er ist ja auch nicht nur mit Hurra aufgenommen worden, sondern teilweise sehr kritisch und feindselig.
Wir sind keine Superhelden, denen nichts passieren kann, so heißt es in einer Strophe dieses erwähnten Liedes. Und das stimmt ja wohl auch. Jesus war kein Superheld, so gern mancher ihn so darstellen möchte, Paulus war keiner, und all die Größen der Kirchengeschichte waren es auch nicht. Weder Martin Luther noch Dietrich Bonhoeffer. Und allen ist gleich, dass die Botschaft, wenn sie zu sehr ins Leben gerückt wird, Gegner erzeugt. In der DDR gab es eine Vorgabe des Staates: ihr Christen könnt alles machen, singen, beten, loben den Herrn, aber bitte schön in Euren Räumen. Und mir scheint es heute wieder zu sein. Das Thema Käßmann belegt es sehr deutlich. Es wird so bleiben: der Sprung vom innerkirchlichen Beisammensein hinaus in die Gesellschaft bleibt ein Risiko. Nicht nur, wenn man in hoher Funktion ist. Auch die Gefahr, mißverstanden zu werden, ist immer da. Paulus sagt, wir haben etwas ganz Wertvolles, einen Schatz. Aber dieser Schatz ist nicht in einer Vitrine ausgestellt, sondern in einem irdenen Gefäß. In einem Tontopf also. Handwerklich hergestellt, aber zerbrechlich. Und das sind wir. Wir sind ja zerbrechlich, angreifbar. In Neukirch auf dem Töpfermarkt wird mir das immer deutlich. Da ist alles so eng aufgebaut, nur nicht anstoßen und nichts umwerfen. Wir sind keine Superhelden und wir sind auch keine Glaubenshelden. Wir sind Menschen, manchmal stark, manchmal schwach, manchmal mutig und manchmal feige. Manchmal schießen wir über das Ziel hinaus. Ich kannte eine Familie in meiner früheren Gemeinde, die wollten möglichst alle Menschen bekehren. Sie luden sie ein und manche kamen auch fanden den Gottesdienst gar nicht schlecht. Und dann wollten sie gleich den nächsten Schritt. Also, dann werdet doch Christen. Und da sprangen sie ab. Bedrängt werden führt in die Abwehr. Und obwohl wir manchmal sicher manches auch ungeschickt falsch machen, trotzdem sind wir so wichtig, dass wir einen Schatz mit uns herumtragen. Der Schatz, dass Licht aufstrahlen soll. Das Licht von Gott. Und dieses Licht, sagt Paulus, ist in meinem Herzen aufgestrahlt. Und es strahlt immer auf, wo ein Mensch Christ wird. Und wenn es aufstrahlt, will es auch ausstrahlen. Wir Christen sind sozusagen für Gottes Licht die Durchgangsstation. Es trifft auf uns, verändert uns und will weiter. Und auch das ist wohl seit damals geblieben – die Welt braucht dieses Licht. Ich habe manchmal überlegt, dass aus dieser kleinen Geburt in einem jüdischen Dorf und aus einem Wanderprediger in diesem unbedeutenden Israel eine Glaubensrichtung wird, die um die Welt geht, ist erstaunlich. Es kann nur sein, dass Gott wollte, dass sein Licht auf die dunkle Welt trifft. Und wenn Frau Käßmann mehrmals gesagt hat: nichts ist gut, dann hat sie ja nicht nur Afghanistan gemeint, sondern hat mit ihren Beispielen den Finger dorthin gelegt, wo es dunkel ist. Und wir hätten ihr mit vielen Beispielen zuarbeiten können, was uns selber einfällt. Aber Licht soll aufstrahlen hat Gott gesagt, aber Licht soll aufstrahlen, hat Paulus gesagt und ist aufgebrochen in die Welt. Vielleicht ist das das Entscheidende, dass wir nicht bei uns bleiben, sozusagen unseren Glauben genießen, sondern das, was wir vom Glauben haben, was Glaube bringt, weitergeben. Das ist manchmal nicht leicht. Wie sagt man es denn heute? Wie sagt man es, wenn man selber Zweifel hat? Man kann es auch aus Zweifeln heraus sagen. Paulus erzählt ja: ich werde bedrängt und niedergeworfen. Aber Gott bringt mich durch. Und ganz bestimmt kann man diesen einen Satz von Gott nehmen: Licht soll aufstrahlen. Das kann ich jedem sagen: Gott will, dass es hell wird. Gott will, dass es im Herzen hell wird. Wir kommen immer noch von Weihnachten her, da haben wir das gespürt. Aber auch, wenn Weihnachten zu Ende geht, bleibt diese Hoffnung: Gott will, dass Licht aufstrahlt. Paulus meint: auch in uns zerbrechlichen Gefäßen ist dieser Schatz dieses Lichtes. Und für diese Zerbrechlichkeit müssen wir uns nicht schämen. Wir sollen trotzdem strahlen. Amen.

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