Ein außergewöhnliches Schreiben?

Liebe Gemeinde!
Mit der Johannesoffenbarung werde ich Sie heute in eine Welt entführen, die völlig anders ist, als unsere vertraute Welt hier in Thalmässing. Und die Welt, in der das geheimnisvolle Buch entstand, ist der östliche Mittelmeerraum, die Wiege europäischer Zivilisation. Dieser Raum ist einzigartig darin, daß er von drei Kontinenten – Europa, Afrika und Asien – umgeben ist und daraus folgend auch von einer Vielzahl von Kulturen. Einzigartig auch, daß dieses uneinheitliche Gebiet von einer einzigen politischen Macht zusammengehalten wurde, von der Herrschaft der römischen Kaiser. Ihnen war gelungen, was vorher und nachher niemand mehr zusammenbrachte, nämlich die Fülle unterschiedlichster Völker, Kulturen und Religionen unter einer Fahne zu vereinen. Das gelang den Römern durch eine Politik der Toleranz: Die Menschen durften weiterhin in ihre Muttersprache sprechen, sie konnten frei handeln und sich vergnügen und: sie konnten ihre Religion behalten. Solange nur eins klar war: daß sie ihre Steuern zahlten, Recht und Ordnung hielten und dem Kaiser Gehorsam zollten.
Die einzigen Quertreiber, die hier immer wieder Probleme bereiteten, das waren die Juden und die Christen. Mit dem Widerstand der Juden hatten sich die Römer schon einigermaßen abgefunden, zudem waren sie außerhalb Israels nur eine kleine Minderheit. Die Christen aber waren eine gefährlichere Sekte, denn sie wuchsen allerorts und hatten schon Anhänger in wichtigen Schlüsselpositionen. Von daher beschlossen die Römer am Ende des ersten Jahrhunderts, dem Aufstreben der Christen ein Ende zu machen. Durch gezielte Razzien versuchte man, sie in ständige Angst zu versetzen. Keiner konnte mehr davor sicher sein, durch Verhaftung, Folter, Verbannung oder gar Hinrichtung aus dem Verkehr gezogen zu werden.
Johannes war einer davon, der von dem Bannstrahl des Imperiums getroffen wurde. Vermutlich war er ein Wanderprediger, der in sieben Gemeinden nahe der antiken Stadt Troja tätig war. Ebenso vermutlich war er ein lauter Prediger, der die römischen Behörden mehrfach beleidigt hat. Und so entsorgte man den Querulanten auf die Felseninsel Patmos, wo ihn keiner mehr hören konnte. Doch Johannes schlug zurück, und zwar in Form eines Briefes, der Freund und Feind bis heute verfolgt.
Er beginnt seine Attacke mit den Worten: »Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die Gott gegeben hat seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll«.
Soweit die außergewöhnliche Einleitung eines ebenso außergewöhnlichen Schreibens. Die Frage ist nur, ob es auch außergewöhnliche Erfahrungen sind, die hier zu Papier gebracht werden. Oder läßt die Einleitung nicht vielmehr auf den Groll einer verfolgten Minderheit schließen? »Gott wird’s denen schon noch zeigen! Da passiert was, und zwar in Kürze! Dann knallt’s!« Auf keinen Fall aber darf das letzte Buch der Bibel als ein magisches Zauberbuch angesehen werden, aus dem christliche Randgruppen bis zum heutigen Tag ihre Endzeit-Fahrpläne zusammenbasteln.
Ich denke, wir sollen auch hier auf dem biblischen Teppich bleiben und als erstes nach den religiösen Erfahrungen fragen, die sich in dem Buch niedergeschlagen haben. Dabei geht es von vorne bis hinten um Verfolgung. Warum, das ist klar, ergibt sich aus der Situation von selbst.
Nach dem Grußwort an die sieben Gemeinden geht Johannes in die Vollen: Als erstes beschreibt er eine Stimme, die er hinter sich vernimmt und mit dem Ton einer Posaune vergleicht. Waren es nicht weiland die Posaunen von Jericho, die den Feinden schon ordentlich den Marsch geblasen hatten? Im Umdrehen erkennt Johannes den lebendigen Christus in einer Gestalt, die jede Vorstellung zu übertreffen scheint, ausgestattet mit erschreckenden Symbolen kosmischer Macht und richterlicher Gewalt. Das lange Gewand und der goldene Gürtel sind Kennzeichen eines Hohepriesters; und mit dem Schwert aus dem Munde ist angedeutet, daß diese Stimme das letzte Urteil spricht. Die sieben Sterne in seiner Hand kennzeichnen ihn als den Herrn und König über den ganzen Kosmos. All diese Züge entfalten nicht nur das Schrecklich-Furchterregende, sondern weisen auch auf das dreifache Amt Christi hin: das hohepriesterliche »für uns gestorben«, das prophetische »die Verkündigung des endgültigen Gotteswillen« und das königliche »Christus als Herr der Welt«. Wenn der äußere Schein fällt, enthüllt sich dem inneren Auge die auf Erden verborgene Majestät dessen, der Priester, Prophet und König in einem ist. Diese Art Christus darzustellen, ist sehr viel anders als das, was wir von den Evangelien her von Jesus gewohnt sind.
Gehen wir weiter der Vision entlang: Christus, der Hohepriester hat nicht für sich selbst den Sieg über den Tod errungen, sondern seine Gemeinde hat daran vollen Anteil. Dies besagt der Hinweis darauf, daß er die Schlüssel des »Todes und der Hölle« in Händen hält. Allerdings ist mit dem Wort »Hölle« hier nicht der Ort der Verdammten gemeint, sondern der Bereich der Verstorbenen schlechthin, so wie wir es vom Glaubensbekenntnis her kennen: »hinabgestiegen in das Reich des Todes«. Dann die verschlossene Tür, die niemand mehr öffnen kann, wenn sie einmal ins Schloß gefallen ist, das ist das unheimliche Bild für den Tod. Doch Christus hat diese Türe aufgebrochen und denen, die mit ihm verbunden sind, einen Weg hindurch eröffnet. Der Schlüssel als Symbol für die gesamte neutestamentliche Auferstehungshoffnung. Natürlich ist damit nicht gemeint, daß das verschlossene Tor nun einfach freigesprengt ist und man nun ungehindert vom irdischen Raum in die Ewigkeit hinüberwandeln kann und dasselbe vielleicht auch noch zurück. Nein, das Tor bleibt eine dunkle Pforte, hinter die uns der Blick verwehrt bleibt.
Ein Wort noch zum Rahmen des Buches: die Einleitung spricht nicht unbedingt dafür, daß Johannes, wie die Legende es erzählt, wegen seines persönlichen Glaubens auf die Insel Patmos verbannt wurde. Vermutlich hatte er eine leitende Stellung in den sieben Gemeinden, die ihm schließlich zum Verhängnis geworden ist. Bemerkenswert jedoch, daß ihm die apokalyptische Erleuchtung in der Einsamkeit widerfährt, fern seines Amtes, fern von der Hektik des Alltages. Bemerkenswert wie wenig der Alltag mit seinen Sorgen und Pflichten zur Erkenntnis Gottes beiträgt.
Pikanterweise ereignet sich die Vision laut Vers 10 dann auch noch am Tag des Herrn. An einem Sonntag also. Damit lesen wir das erste, was uns je von einem christlichen Sonntag berichtet wird. Ein Vergleich mit unserem sonntäglichen Gottesdienst ist vielleicht gar nicht abwegig, denn die Visionen, die in der Johannes-Offenbarung beschieben sind, geben oft einen Einblick in die himmlische Liturgie, deren Abbild die gottesdienstliche Feier hier bei uns sein soll. Von daher darf auch in unseren Gottesdiensten etwas entstehen, was an die Großartigkeit und die kosmische Weite dieser Visionen erinnert. Keine Ekstase vielleicht, aber ein Eintauchen in die heilige Nähe dessen, der uns Anteil an seinem Glanz verheißen hat. Und dadurch werden wir selber zu Priestern, Propheten und Königen. Amen.

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