Der alte Mann und der Schluck Wasser

Liebe Gemeinde!
Lassen sie mich noch einmal kurz zusammenfassen, worum es in der Erzählung von der Berufung des Zöllners Matthäus geht, die wir vorhin in der Evangeliumslesung gehört haben: Da sitzt ein Mensch am Zoll, wobei sein Name Matthäus keine Rolle spielt, er könnte genauso gut Levi heißen, wie das in anderen Erzählungen der Fall ist. Wichtig ist nur: er ist Zöllner, und als solcher hat er nicht viel zu lachen in der Gesellschaft damals. Wer den Beruf des Zöllners ausübte, der gehörte zu den Geächteten, der wurde in einem Atemzug genannt mit Huren, Unreinen und Gesetzesbrechern. Ja, die Zöllner, das waren die Bösen, von denen man sich fernhalten mußte, zumal, wenn man ein Guter war.
Was ist nun das Ungewöhnliche, das Merk-Würdige an dieser Erzählung? Ich denke, zunächst, daß Jesus diesen Mann einfach nur anspricht und ihm sagt: Hey, Du! Komm mal her! Auf geht’s! Komm mit mir! Und der Zöllner steht auf und macht das. Einfach so! Kein Wort warum – keine Begründung. Er läßt alles liegen und stehen, und fängt ein neues Leben an, einfach so. Das, liebe Gemeinde, ist wohl nicht unsere Welt. Keiner von Ihnen würde wohl heute seinen Beruf oder seine gewohnten Lebensabläufe aufgeben, um Jesus nachfolgen zu können. Somit erübrigen sich auch sämtliche Versuche meinerseits den heutigen Predigttxt zum Anlaß irgendwelcher unrealistischen Nachfolgeapelle zu nehmen[, zumal es in meiner recht gut gesicherten Existenz als Pfarrer sowieso recht unglaubhaft wäre, anderen die Aufgabe ihres bisherigen Lebens und das Wagnis von etwas völlig Neuem zu empfehlen].
Doch mich beschäftigt etwas ganz anderes an dieser Erzählung, nämlich: wie sie weitergeht; oder besser: mit wem sie weitergeht. Und da komme ich zur Rolle der Pharisäer, die hier als Lieblingsgegner Jesu mal wieder die Bühne betreten. Natürlich schmunzelt das Publikum: diese dummen Pharisäer! Wieder einmal werden sie von Jesus theologisch mustergültig abgefrühstückt. Jedes Kind weiß natürlich, daß alle Menschen erlösungsbedürftige Sünder sind. Von daher ist die Katalogisierung der Menschen in Sünder – wie Zöllner – und Gerechte – wie Pharisäer – unsinnig. Und somit muß ihr Angriff auf den mit Sündern Gemeinschaft habenden Jesus zwangsläufig ins Leere gehen.
Doch ich will nun einmal versuchen, dem Pharisäer seine so oft geraubte Ernsthaftigkeit wiederzugeben. Ich meine: der Pharisäer ist eine höchst aktuelle Möglichkeit des Christseins. Nur deshalb steht er ja in der Bibel! Dies möchte ich anhand einer kleinen Geschichte deutlich machen:
Darin geht es um einen sehr alten Mann. Er hat sein Leben lang jeden Morgen am Brunnen hinter dem Haus früh um halb fünf einen kräftigen Schluck kaltes Wasser getrunken. Er war davon überzeugt, daß dies gesund sei und ihm ein langes Leben beschere. Und er hatte ein langes Leben. Er war ein strenger und harter Mann. Er wußte, was Recht und Ordnung ist, und es gab Leute die standen stramm, wenn sie ihn auf der Straße sahen, war er doch einst Polizeihauptmann gewesen. Und so hielt er es auch mit seinem Schluck Wasser morgens um halb fünf hinter dem Haus. Auf nüchternen Magen, versteht sich und bei jedem Wetter. Hätten alle soviel Disziplin und Anstand gehabt wie er, die Welt wäre in Ordnung gewesen. Denn für ihn war der Schluck Wasser der Inbegriff von Tugendhaftigkeit und Mut und vielleicht sogar für Patriotismus. Denn schon damals gab es viel Gesindel in seinem Dorf. Radfahrer zum Beispiel, die er grundsätzlich für Anarchisten hielt, also für solche, die eben keinen Schluck kaltes Wasser trinken morgens um halb fünf hinter dem Haus. Nicht daß der Alte Mann Autofahrer gewesen wäre, nein, das war man damals noch nicht, aber er war ein Mann, der nach dem Grundsatz lebte: »Tue recht und scheue niemand«. Und so wußte er, was Rechttun heißt, denn schließlich trank er jeden Morgen um halb fünf einen kräftigen Schluck Wasser von seinem Brunnen. Das gab ihm Kraft. Kraft zum Arbeiten und auch die Überzeugung, daß alle anderen faul, ungewaschen und ohne Moral seien. Er propagierte sein Wassertrinken übrigens nicht. Denn: es war ihm recht, der einzige Gerechte zu sein. Ja, so war er, der alte Mann: selbstgerecht. Sein Ziel war nicht Friedlichkeit, sondern der Sieg der Gerechten, der Sieg der gerechten Kavallerie. Und die Ungerechten, das waren die Unanständigen, also solche, die keinen Schluck kaltes Wasser trinken morgens um halb fünf hinter dem Haus.
Soweit diese kleine Geschichte. Natürlich habe ich ein wenig übertrieben. Aber trotzdem: wurden wir nicht doch bei der ein oder anderen Szene ertappt. Jeder von uns trägt doch auch eine gewisse Vorstellung von Anständigkeit in sich: das, was sich gehört, wird doch oft aus dem eigenen Verhalten begründet. Man handelt entsprechend, und jene, die das nicht tun, sind dann die Unanständigen. Solche Formen geglaubter Anständigkeit könnten heute vielleicht sein: regressive Moralvorstellungen, unrealistische gesellschaftliche Forderungen, die einzig richtige Ernährung, politische Schwarz-Weiß-Malereien bis hin zur Enderkenntnis ewiger religiöser Wahrheiten. Jeder trägt solche Muster in sich, ich will das gar nicht abwerten, nur: dies führt nicht zur Gerechtigkeit an sich, sondern oft zur Selbstgerechtigkeit. Man tut etwas und zwar konsequent – und jene, die das nicht tun, das sind dann die Fehlerhaften.
Im Falle des alten Mannes war es der Schluck Wasser früh um halb fünf hinter dem Haus. Im Falle der Pharisäer war es die reine Tischgemeinschaft der Gerechten. Die Tischgemeinschaft mit denen, die sie für gerecht hielten, wie sich selbst.
Jesus – selber ein Gesetzeslehrer – hat nun Tischgemeinschaft mit den Sündern. Das ist natürlich in den Augen der Gerechten ein fragwürdiger Weg. Sie können ja nur dann gerecht sein, wenn sie dieses Prädikat von ihrer Umwelt unterscheidbar macht. Bei Aufhebung des Unterschiedes beginnt die Welt des Gerechten in Unordnung zu geraten.
Die Frage an uns nun, liebe Gemeinde – ich stellte sie vorhin schon – ist die: wo finden wir uns wieder: bei den Sündern und Zöllnern, bei den Pharisäern oder in mancher Hinsicht sogar bei dem alten Mann? Prüfen wir uns, wo wir zur Selbstgerechtigkeit neigen, wo wir in unserem Verhalten die Schwellen hochgesetzt haben für andere. Wo wir andere ausschließen, nur weil sie unseren je individuell verschiedenen Idealen nicht entsprechen.
Jesus hat den Zöllner Matthäus in die Nachfolge gerufen. Auch wir sind in die Nachfolge gerufen. Doch wir verraten diese Berufung, wenn wir das System von Sündern und Gerechten zu zementieren beginnen. Handeln wir nicht manchmal auch bei uns in der Kirche so, wenn wir so tun, als seien wir eine Gemeinschaft von Gerechten?
Denken wir darüber nach wo wir schuldig geworden sind in unserer Gemeinde.
Jesus hat die Schwelle zu sich kleingemacht. Er hat nicht die Sünde kleingemacht oder gar verharmlost, aber er hat unterschieden zwischen Mensch und Sünde. Jesus predigt gegen die Sünde, hält selbst aber doch Gemeinschaft mit den Sündern.
Und dies können wir mitnehmen heute: erkennen wir den Pharisäer in uns, überdenken wir unsere Gerechtigkeiten, die wir in uns aufgebaut haben. Lassen wir uns einladen an den Tisch des Herrn, doch nicht wir allein, sondern mit all den anderen Sündern, die er auch eingeladen hat. Amen.

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