Wunderbar geborgen

Liebe Gemeinde!

„Wenn Gott will und wenn wir leben, werden wir uns wieder sehn! Wenn nicht hier auf dieser Erde, dann bei IHM einmal!“ So lautet der Kehrvers eines Liedes von Manfred Siebald. Eigentlich ist dieses Lied ein Abschiedslied. „Abschied nehmen ist wie Sterben, jeder lässt ein Stück in der Hand des Anderen zurück. Doch wenn GOTTES Hand uns miteinander fest umschließt, bleibt sich nah, auch wer sich ferne ist.“ So beginnt dieses Lied. Ein Abschiedslied und ein Hoffnungslied gleichermaßen. Eine Hoffnung, die darauf gründet, dass unser Leben umfangen ist von der liebenden Fürsorge Gottes des EWIGEN. SEIN Mitgehen auf unseren Wegen, seine bewahrende Nähe in unserem Leben verbinden Menschen über Grenzen hinweg und machen so Leben aus der Hoffnung und Leben auf Hoffnung hin erst wirklich möglich. Das zeigt sich auch in dem seit Generationen tradierten Gruß unserer jüdischen Mitmenschen, die sich beim Abschied zurufen: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Leben aus der Hoffnung! Leben auf Hoffnung hin! Dieser Gruß wird unter Juden ausgesprochen seit den Zeiten des babylonischen Exils. Aus der Heimat deportierte Menschen, denen im Ansatz alle Wurzeln geraubt werden sollten, bewahrten und bewahren sich gerade durch die Hoffnung, die auch in diesem Gruß zum Ausdruck kommt, die Bindung an ihre Wurzeln, die Bindung vor allem auch an Gott den EWIGEN. Auch in Zeiten stärkster Krisen und lebensbedrohlicher Gefahren. Auch an allen Orten der Welt, wohin das eigentliche Volk Gottes zerstreut worden ist.

Und Jerusalem selber, jene hart umkämpfte, oft zerstörte heilige Stadt wird schon in der Zeit der alten Propheten durch Gott persönlich aufgefordert: „Leg ab, Jerusalem, das Kleid deiner Trauer und deines Elends und bekleide dich mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir für immer verleiht Leg den Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt! Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen. Gott gibt dir für immer den Namen: Friede der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht. Steh auf, Jerusalem, und steig auf die Höhe! Schau nach Osten und sieh deine Kinder: Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, dass Gott an sie gedacht hat. Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte. Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, sodass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahin ziehen kann. Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß. Denn Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.“ (Baruch 5)

Leben aus Hoffnung. Nicht aus der billigen Hoffnung, dass alles möglichst schnell so besser wird, wie es mir gefällt, sondern aus der Hoffnung heraus, dass Gott SEIN „Ja“ zu diesem Abschnitt meines Lebensweges gesprochen hat, spricht aus den Worten, die wir bislang gehört haben. Und im Letzten werden wir auch hingewiesen auf das endgültige Heil der Menschen, auf Jesus Christus. Die Wege in der Wüste werden gerade, die Unebenheiten aller Wege sollen beseitigt werden, damit der König des Lebens einziehen kann. Doch schon hier werden wir auch daran erinnert, dass nicht nur wir die Wege dem König des Lebens ebnen sollen, sondern dass es im Letzten ER ist, der unsere Wege gangbar und unser Leben lebenswert macht.

„Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet!“ Zu dieser Lebenseinstellung fordert Paulus die junge Gemeinde in Rom auf. Eine Lebenseinstellung, die vielen von uns verloren gegangen ist. Paulus formuliert sie in dem 12. Kapitel seines Briefes an die Römer, in dem er allerdings nicht weniger als 25 Mahnungen und Ermahnungen formuliert. Ich habe diesen Lebenshinweis des Paulus für den heutigen Sonntag als PT ausgewählt, nicht nur, weil er von der Perikopenordnung vorgesehen ist, sondern weil ich glaube, dass er uns Hilfe zum Leben sein kann.

„Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet!“ Von Alters her haben diese Empfehlungen die Menschen auch die schwierigsten Zeiten des Lebens bestehen lassen. Moses bekam die Kraft ein ganzes Volk durch die Wüste in das gelobte Land zu führen. Durch die Wüste. Lebenswüste für jeden einzelnen und auch für ein ganzes Volk. Der Überlieferung nach wanderten sie 40 Jahre. Mehr als eine Generation hat das gelobte Land mit eigenen Augen nicht gesehen. Und Mose selber durfte nur einen Blick hineintun in das gelobte Land. Belohnung genug für ein Leben in dauerhafter Entbehrung. Doch das Wissen darum, dass Gott der EWIGE, das ihr Gott mit ihnen ging, ließ sie voranschreiten, allem Zweifel, aller Angst, allem Misstrauen zum Trotz. Wie viele Gebete mögen in dieser Zeit in der Wüste zum Himmel gestiegen sein, von denen wir gar nichts wissen. Wie viele Gebete mögen heute noch in Zeiten persönlicher Wüstenwanderung zum Himmel steigen, von denen alle anderen nichts wissen? Und dort, wo der einzelne manchmal nicht mehr die Kraft und das Zutrauen hat, seine Anliegen vor Gott zu bringen, wie oft wird dem Wunsch entsprochen, dass Menschen für einen Anderen die Hände falten?! Ich bin unendlich dankbar für die Menschen, die meine Anliegen in den Anfechtungen der letzten Wochen und Monate vor unseren Herrn gebracht haben, die mich so manches Mal im Gebet vertreten haben. Und ich bin sicher, ich darf es auch erfahren: Gott selber ist es, der die Menschen, der mich wieder auf tragfähigen Untergrund stellt, so wie ER einst Moses in den Schutz einer Felsenhöhle stellte, als ER an ihm vorüberging. Wie oft erkennen wir erst im Nachhinein das (bewahrende) Handeln Gottes. Alles, auch das Schwerste sollte so sein, dass sich für uns alles zum Besten fügt. Wir sehen Gott eben erst von hinten, damit wir nicht geblendet werden, damit wir nicht auf den Gedanken kommen: „Ja, das hätten wir selbst hinbekommen!“ Nein! Die Bewahrung Gottes ist es, die uns unser Leben bestehen lässt. Auch in den äußersten Krisenzeiten. Und dort, wo uns die Worte und der Atem zum Gebet fehlen, bin ich sicher, stellt uns Gott Menschen an die Seite, die uns im Gebet vertreten.

„Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet!“ Namen wie Elia und Hiob fallen mir noch ein. Menschen die sich gegen Gott sträuben, die Gott in Frage stellen die aber trotz allem immer und immer wieder an Gott festhalten. Und die dann erfahren dürfen, dass sie auch in den schwersten Dürreperioden und den stärksten Wüstenzeiten ihres Lebens gehalten sind von Gott. Es reicht eine einfache Speise, und die Ruhe einiger Tage, um wieder neu zu Kräften zu kommen. Um endgültig „Ja“ sagen zu können, zu Gottes Auftrag! Es reicht das Festhalten am Glauben, in der Überzeugung, dass Gott größer ist als alle Not, die uns widerfährt, um auch denen, die alles besser wissen zu meinen am Ende zu zeigen, dass Gott auch im größten Elend bei mir war.

Namen wie Maximilian Kolbe und Dietrich Bonhoeffer fallen mir aus unsren Tagen ein, die trotz äußerer widriger Umstände an ihrem Glauben und vor allem an ihrem Gott festhalten. Und die erfahren dürfen, gehalten und getragen zu sein, auch über die Grenzen dieses Lebens hinaus, in die Herrlichkeit Gottes hinein. Liebende Menschlichkeit in dem Wissen: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Liebe Menschen aus meinem eigenen Leben fallen mir ein. Menschen, die trotz Krankheit und Unglücksfällen festhielten an ihrem Glauben und an ihrem Gott. Die mich das Beten und das Singen lehrten. Die mich lehrten darauf zu vertrauen, dass es sich in allem was uns widerfährt Gott gegenwärtig ist. Und dass ER am Ende der Stärkere sein wird, der mich durch Not und Trübsal hindurch tragen wird, in eine Zeit, in der auch für mich wieder die Sonne scheint. „Ist Gott für mich, wer kann wider mich sein?“ Darum muss immer auch gelten: Auch wenn nicht alle Tage unseres Lebens fröhliche und unbeschwerte Fest – und Feiertage sind, auch in den dunkelsten Stunden leuchtet ein Schimmer, der Schimmer von Gottes Liebe und Zuwendung in unser Leben, das uns am Ende hoffnungsvoll nach vorne blicken lässt. Darum geht mit der Empfehlung des Paulus in das noch relativ neue Jahr: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet!“ Und erkennt am Ende in der Rückschau, in wie viel Situationen Gott bewahrend in Euerm, in unserem Leben zugegen gewesen ist, zugegen sein wird.

Wenn diese Empfehlung des Paulus zum Lebensmotto wird, dann hat unser Leben eine Chance auch in den größten Widernissen, die uns die Zeit bietet, Bestand zu haben. Dietrich Bonhoeffer hat dies in seinem Glaubensbekenntnis so zusammengefasst:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
 Dafür braucht ER Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. 
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber ER gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf IHN verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass ER auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

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