Weihnachten nicht abhaken

[Anmerkung: Die Inspiration zu dieser Predigt verdanke ich Pfarrerin i.R. Ursula Bürger und ihrer Predigt sowie den Vorbemerkungen dazu aus dem Jahr 2009.]

Liebe Gemeinde!

Sind Sie ein neugieriger Mensch? Ich meine, im positiven Sinne! Nicht, dass Sie Ihre Nachbarn beobachten. Neugierig im Sinne von bereit und gespannt, etwas Neues kennen zu lernen, etwas Unbekanntes zu entdecken. Bereit auch, sich dafür aufzumachen, zu reisen, mit Gewohnheiten zu brechen, mindestens vorübergehend.

Wenn ja, haben Sie manchmal bei Ihren Unternehmungen den Gedanken: was mache ich hier eigentlich? Warum tue ich das? Dann, wenn es unbequem wird, wenn unterwegs Schwierigkeiten auftauchen, die es zuhause nicht gegeben hätte. Wenn die Reise anders verläuft als geplant, auch die Lebensreise?

Solche Menschen müssen die drei Weisen gewesen sein. Mit ihren Fernrohren beobachteten sie den Himmel und hielten nach neuen Sternen Ausschau. In ihren Köpfen war da immer die Vorstellung, es könnte auch mal ein neuer Stern aufgehen, etwas könnte sich verändern. Nicht immer nur die ewig wiederkehrenden Sternbilder durch den Jahreslauf und der Wechsel zwischen den Mondphasen und Tag und Nacht.
Und dann, als sie den Stern erblickten, den neuen. Da machten sie sich auf den Weg.
Sie wollten sich aus der Nähe besehen was der Stern anzeigte.
Sie erwarteten Großes.
So reisten sie, zunächst noch durch vertrautes Gelände, entfernten sich aber immer mehr von ihrer Heimat und hatten zuletzt nur noch den neuen Stern als Orientierung in fremden Ländern.
Den Aufgang des Sternes deuteten sie als Geburt eines neuen Königs. Eines Königs, der auch sie unter einem anderen Teil des Himmels etwas anging.
In Jerusalem angekommen, suchten sie folgerichtig im Königspalast nach dem neugeborenen König. Doch da ist kein Neugeborenes. Und der alte König erschrickt sogar über ihre Ankunft. Statt ihnen Auskunft geben zu können, fragt er seinerseits die Weisen aus und bestellt dann seine Berater um die Neuigkeiten mit den alten Prophezeiungen abzugleichen. Schließlich fällt die Wahl auf Bethlehem. Herodes schickt die Weisen seinerseits als eine Art Kundschafter aus: „Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.“ Es war leicht zu durchschauen, dass hier einer an seiner Macht hängt und um die Erhaltung seines Thrones fürchtet.
Augenfällig ist doch, dass Herodes spätestens jetzt den Stern selbst bemerkt haben müsste und Bethlehem, das ist nicht weit von Jerusalem. Nun hätte auch Herodes selbst hingehen können, ja hingehen müssen um dem Kind zu huldigen.
Aber darin unterscheidet sich Herodes von Menschen, die offen sind für Neues.
Der Evangelist Matthäus hält hier der Gemeinde einen Spiegel vor. Darin sehen sich die frommen als Fratzen.
Matthäus wagt jetzt eine indirekte Kritik.
Da müssen Sterndeuter aus anderen Ländern kommen um das Kind zu besuchen! Wer, wenn nicht die von Herodes befragten Schriftgelehrten hätten denn etwas ahnen, etwas wissen können vom Stall in Bethlehem? Hatten sie nicht die alten Prophezeiungen gesammelt? Lasen sie nicht täglich in den heiligen Schriften? Führten sie nicht das Wort „Gott“ täglich im Munde?
Matthäus beschämt hier die Frommen.
Die Elite des Landes, die Kundigen aus den eigenen Reihen versagen kläglich.
Selbst als die 3 Weisen den Hof Herodes nun ungewollt darauf gestoßen hatten, fühlt sich niemand bemüßigt, hinzugehen und selbst zu sehen.
Der Stern, der aus Jakob aufgeht, war vorhergesagt, ja herbei gefleht worden. Nun interessierte sich niemand für ihn.
Das kleine Nest Bethlehem war auserkoren. In seinen Hütten sollte der Messias geboren werden. Aber daran wirklich geglaubt hat niemand. Zu prächtig die Stadt Jerusalem, zu mächtig König Herodes.
Gold, Weihrauch und Myrrhe. Diese gaben bringen ausgerechnet die Heiden. Sie tun auch etwas, das jedem frommen Juden bis heute unverständlich bleibt: sie knien vor einem Menschen, noch dazu vor einem Kind nieder und beten es an!
Was uns so rührt wenn wir ein Krippenspiel sehen, für die Frommen war und ist das eine Unmöglichkeit.
Und doch drückt genau diese Geste aus, dass die Könige am Ziel ihrer Reise angekommen sind. Alles fragen und Zweifeln, alle Beschwernisse der reise fallen von ihnen in diesem Moment ab. Sie wissen, dass es richtig war, aufzubrechen, dass sich die Mühen gelohnt haben.
Astrologie und Wahrsagerei sind im religiösen Gesetz der Juden verpönt und verboten. Auf Gott soll sein Volk schauen, auf Gott vertrauen und Gott folgen. Wie schwer das fällt, davon erzählen die zahlreichen Geschichten von Abfall, von Irrwegen und Verrat.
Und nun sind es ausgerechnet Sterndeuter, die dann auch noch wirklich von einem Stern geleitet ihren Weg an die Krippe finden!
Damit ist von Anfang an klar: dieses Kind sprengt Grenzen. So wie es später für seine Zeitgenossen unerträglich war, wenn Jesus sich mit Huren und Zöllnern abgab, wenn er die Kinder in die Mitte stellte, ein Gleichnis erzählte, in dem ausgerechnet ein Samariter zum Titelhelden wurde, wenn er mit der frau am Jakobsbrunnen sprach – so wie dies seinen Zeitgenossen unerträglich war und sie ihn immer mehr für untragbar befanden, so müssen die frühen Gemeinden sich über die 3 weisen in der Weihnachtsgeschichte gewundert haben.
Die eigene Gemeinde, die eigenen Vorfahren kamen dabei nicht gut weg
Man konnte nicht vom eigenen Großvater sagen: er ist dabei gewesen! Er hat es mit eigenen Augen gesehen und hat mir davon erzählt!
Nein, Fremde sind es gewesen, Ausländer, Ungläubige. Und es war kein Zufall, der sie in den Stall führte, sondern Gott selbst.
Und als sie da ankamen, waren sie nicht unvorbereitet: die erlesensten Geschenke hatten sie mitgebracht: Gold als Sinnbild für das Ewige, Weihrauch für die Anbetung und Myrrhe ist Hauptbestandteil des für die Salbung der Hohenpriester und Könige bestimmten Salböls.
Die Weisen ließen sich von den ungewöhnlichen Umständen nicht beirren.

Und noch etwas ist befremdlich an diesem Text, vor allem für uns Christen: die Fremden kommen nicht nur aus freien Stücken, sie ziehen auch ohne Auflage wieder ab.
Wir mögen vermuten, dass sie unterwegs und vor allem zuhause vom neugeborenen König erzählt haben. Die Kirche hat diese drei auch zu den ersten Missionaren stilisiert weil sie genau davon ausging, dass sich die Kunde von dem Kind in der Krippe zuerst über die Weisen verbreitet hat. Aber überliefert ist davon nichts.

Natürlich darf man neugierig sein, wie es weiter ging. Aber das Ziel dieser Erzählung von den weisen ist nicht, nun deren weg weiter zu verfolgen.
Das Ziel ist, neugierig zu machen auf das Kind.
Selbst hinzugehen.
Selbst zu sehen, mit eigenen Augen.
Dieser Wunsch darf so dringlich werden, dass anderes dahinter zurück tritt.
So dringlich, dass wir weder Kosten noch Mühen scheuen um in den Stall zu gelangen.
Die Reise der Weisen war keine kurze, sie war auch nicht ungefährlich oder ohne aufwand. Sie endete auch nicht in Bethlehem an der Krippe.
Aber sie hat sich gelohnt.
Bevor wir nun also die Krippen wieder wegpacken und auch die Figuren der Weisen einmotten, müssen wir uns selbst aufmachen.
Dabei müssen wir Umwege in Kauf nehmen.
In Jerusalem waren die drei Weisen schon nah dran, aber eben doch am falschen Ort. Erst nach einer Kurskorrektur gelangten sie ans Ziel. Sogar wenn man in Gottes Namen unterwegs ist, kann man sich verirren.

Ich habe am Anfang gefragt, ob Sie sich manchmal fragen: was mache ich hier eigentlich? Warum tue ich das?
Die Weihnachtsgeschichte ist voll von Menschen, die etwas tun und das Große ganze überhaupt nicht sehen.
Sogar der Kaiser Augustus. Und der hat sich bestimmt selten gefragt, ob er im richtigen Film ist. Der war Kaiser und hat Befehle gegeben.
Durch seine Volkszählung mussten Maria und Josef auf Wanderschaft. So erfüllte sich die Prophezeiung von der Geburt in Bethlehem. Und es war mit Mühen verbunden und das junge Paar hatte sicher kein Verständnis dafür, dass es kurz vor der Geburt auf die Straße musste. Und doch hatte es seine Richtigkeit.
Da waren die Hirten, die mitten in der Nacht dazu angestiftet wurden, ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Heute wie damals riskierte man damit eine Entlassung. Und doch mussten sie die Ersten sein im Stall.
Ja, und da waren auch die Weisen. Ob ihre Familien mit dieser Reise einverstanden gewesen sind? Ob ihre Kollegen diesen Aufwand verstehen konnten? Ob ihre Nachbarn sich die Mäuler zerrissen?
Und doch waren sie die eigentlich Beschenkten als sie ihre Schätze ablegten.
Und doch lesen wir noch heute von ihnen und sie sind uns Sinnbild dafür, dass Christus uns nicht allein gehört.
Und die drei Weisen stiften an, uns auf den Weg zu machen.
Und Weihnachten nicht einfach abzuhaken und auf dem Dachboden zu verstauen.
Sie erinnern uns im bereits neuen Jahr daran, dass immer noch Weihnachten ist, ja, dass alles eigentlich erst beginnt.

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