Kippbild

[Anmerkung: Herzlichen Dank an Jörg Conrad für die gute Predigtmeditation in a&b.]

Liebe Gemeinde,

schon letzten Sonntag hat uns ja der Apostel Paulus bei unseren Fragen nach dem Tun und Lassen als Gemeinde und vor allem nach dem Maßstab unseres Lebens als Christinnen und Christen begleitet und geleitet. Ich begrüße sie also ganz herzlich zum zweiten Teil von unserem kleinen Seminar: „Glauben mit Paulus“.
Am letzten Sonntag stand das Grundsätzliche im Vordergrund. Paulus stellt sich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom vor. Und er umreißt ganz grob, wie das Leben einer Gemeinde sein sollte, nimmt man denn sein Getauftsein ernst.
Paulus konfrontiert deshalb die Römer, aber auch uns heute, mit einigen Ermahnungen. Zwar sind die gut gemeint und sie kommen wirklich von Herzen, aber wir sehen in seinen Worten doch immer auch ein bisschen den erhobenen Zeigefinger:
Steht ganz für die Sache Gottes ein – gebt euch als Opfer hin!
Euer ganzes Leben soll ein vernünftiger Gottesdienst sein!
Und stellt euch dieser Welt nicht gleich!
Erneuert euren Sinn, eure Einstellung!
Und – fügt er am Schluss hinzu – haltet nicht mehr auf euch, als ihr seid.
Und in all seinem Mahnen und Ermahnen – das war unser Schluss das letzte Mal – da zeigt Paulus mit seinem Finger nie auf andere, auf deren Schwächen und Fehler. Paulus zeigt auf Christus. Dieser eine, sagt er, dieser Jesus Christus, dass soll euer Maßstab sein in dem, wie ihr euch als Gemeinde versteht.

Und nun – der zweite Teil. Nach diesen eher allgemeinen Ausführungen kommt nun endlich ein bisschen Fleisch an den Knochen. Paulus schreibt über das Leben der Gemeinde – nun wird es also praktisch. Ich lese wieder aus Kapitel 12 die Verse 9 bis 16…

[TEXT]

Liebe Gemeinde, in diesen 7 Versen stecken nicht weniger als 21 Aufforderungen! Zwar sind diese Aufforderungen für uns besser verständlich als die ersten 3 Verse, aber auch diesmal behält der Apostel sein hohes Tempo bei und reiht lückenlos eins ans andere. Und so tun wir uns nach dem ersten Lesen oder Hören schwer, uns noch an Details zu erinnern.

Mit seinen Ausführungen letzten Sonntag ist der Rahmen klar und die Grenzen sind benannt. Heute schreibt Paulus mit schneller Feder weiter. Grob skizziert er in diesem Rahmen wie so ein gottgefälliges Verhalten und Handeln aussehen kann. Er erinnert mich an einen Zeichner, der mit wenigen Strichen Umrisse einer christlichen Lebensführung auf ein Blatt Papier bringt.

Es wäre wohl zu viel jetzt jedem einzelnen Strich dieser Skizze nachzugehen, nachdem einen schon die bloße Aufzählung erschlägt. Aber um die Umrisse ein wenig klarer zu sehen, will ich einige herausgreifen und sie besonders darauf aufmerksam machen.

Die Liebe sei ohne Falsch. Damit umreißt Paulus mit wenigen kräftigen Strichen das gesamte Gemeindeleben. Liebe ohne Falsch – also Lieben, nicht weil es erwartet wird, nicht weil ich mir eine Gegenleistung verspreche, nicht, weil es Konvention ist. Sondern echte, ungeheuchelte Liebe. Diese Liebe muss aber – und das weiß Paulus – sie muss immer wieder neu ihren Standpunkt finden, immer wieder neu bestimmen, was denn nun gut und böse ist. Jede Generation ist gefordert. Wir alle müssen das immer wieder herausfinden und auch darum ringen. Nur, weil Dinge jetzt gelten, heißt das noch lange nicht, dass zum Beispiel ihr Konfis nicht wieder neu vor der Aufgabe steht, das für euch zu klären. Auch ihr müsst neu für euch klären, was das für euch am Anfang des 21. Jahrhunderts bedeutet.

Liebe Gemeinde, kritisch könnten wir dem Apostel also vorwerfen, er würde alles zu sehr durch eine rosarote Brille sehen, ein bisschen zu sehr Friede-Freude-Eierkuchen in der Gemeinde. Über alles – über die Wirklichkeit und das Leben wie es eben so ist – über alles schnell den Mantel der Harmonie zu decken, damit das Gesicht gewahrt bleibt. Doch Paulus entwirft eben ein Idealbild – so sollte es sein. Ein hoher Anspruch bis heute!

Ausgehend von dieser kräftigen Grundlinie der Liebe skizziert Paulus dann das Gemeindeleben: Umgang in gegenseitigem Respekt und verbunden in allen Unterschiedlichkeiten eben durch den einen, durch Christus. Getragen als Getaufte von einer sturen und manchmal wohl auch etwas weltfremden Hoffnung. Hoffnung, die auch dann weiterträgt, wenn auch wir in Bedrängnis kommen. Wenn auch wir einmal auf der Schattenseite des Lebens stehen, wenn das Leben an eine Grenze kommt und wenn auch wir nichts mehr zu sagen wissen. Dann eben nicht zu verzweifeln, zu hoffen trotzdem und zu beten. Dann zu beten und sich an diesen Vorgeschmack des Himmels zu erinnern, den wir alle auf der Zunge tragen. Als Kirche zusammenzustehen, solidarisch zu sein. Und zwar solidarisch sein nicht nur im Blick auf das Abgeben – vielleicht hat Paulus da ja die geplante Kollekte für die Jerusalemer Urgemeinde im Kopf gehabt. Aber das Abgeben ist nur das eine, das andere ist Gastfreundschaft zu üben, einladend zu sein, Orte zu schaffen, an denen alle Leben teilen können. Alle – unabhängig von Lebensalter oder Gesundheitszustand, unabhängig von Intelligenz, Bildung oder Dicke des Geldbeutels. Selbst Feinde; Menschen also, die mir nichts Gutes wollen, die ich nicht mag, die mir zuwider sind, selbst sie zu segnen. Sie segnen und nicht ausgrenzen. Sie segnen und nicht mitmachen bei den Spielchen der anderen.

Liebe Gemeinde, manchmal denke ich, das ist wohl die Aufforderung unter diesen 21, die uns schwer fällt. Denn das widerspricht ja grundsätzlich der Logik dieser Welt. Nicht die Ellenbogen einsetzen, nicht den Vorteil und die Stärke suchen, sondern einfach nur segnen. Was ein Anspruch!

All das sind grob skizzierte Grundlinien. Es lag an den Römern damals, genauso wie an uns heute, diese Linien zu entfalten. Wir heute müssen dieses Grundmuster mit Leben füllen, denn sonst ist es nichts wert. Sonst sind das fromme Worte ohne Gehalt, sonst machen wir uns alle etwas vor. Doch wenn es gelingt wenigstens an ein paar Stellen, dann erfüllen wir das, was der Apostel letzten Sonntag von uns gefordert hat: Gebt eure Leiber als Opfer Gott hin. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Kennen sie diese Kippbilder? Je nachdem, wie man sie hält, ist einmal das eine, dann das andere Bild zu sehen. Zwei Bilder in einem – es kommt auf den Blickwinkel an. Ganz ähnlich funktioniert auch dieses 12. Kapitel im Römerbrief.

Da ist einmal die unfassbare Barmherzigkeit Gottes. Dieser unbedingte Willen Gottes, ganz für und mit uns Menschen zu sein – ein Willen, dem wir uns ganz hingeben sollen. Ein Willen, den wir in der Welt suchen sollen ohne in ihr aufzugehen. Ein Willen, der eben gerade nicht in der Logik dieser Welt aufgeht, sondern ihr oft auch zuwider läuft. Und daraus ergibt sich auf der anderen Seite das Leben in der Gemeinde als Getaufte. Ein Leben, das sich durch gegenseitigen Respekt und Liebe auszeichnen sollte. Zusammengehalten werden beide Bilder vom selben Maßstab – von dem einen, von Christus.

Liebe Gemeinde, auf das erste Hören hin, auf den ersten Blick sieht das doch viel gefälliger und eingängiger aus als diese Schlagworte vom letzten Mal. Schlagworte, die uns eher quer kommen: Hingabe, Opfer, Erneuerung, Prüfung. Sich nicht der Welt gleichstellen, sich ändern, Maß halten.

Doch machen wir uns nichts vor. Das hört sich prima an und schon fühlen wir uns fast ein wenig besser – im Vergleich zu den anderen. Und schon ist er wieder da, der Zeigefinger, der uns auch letztes Mal begleitet hat. Doch die Herausforderung, die bis heute in diesen arglosen Zeilen steckt ist eine andere: Gemeint sind damit alle Christinnen und Christen. Und gemeint ist damit nicht nur die Evangelische Landeskirche in Württemberg. Gemeint sind alle, die wir in weltweiter Ökumene verbunden sind. Gemeint sind alle, trotz aller Unterschiedlichkeiten. Und dann, dann liebe Gemeinde, dann sind diese 21 Aufforderungen, die so seicht und harmlos daherkommen, dann sind das Herausforderungen, an denen wir immer und immer wieder scheitern! In Liebe und Respekt den anderen begegnen, vielleicht auch ohne gleich zu werten. Sich mit dem anderen bis auf Blut um die Sache zu streiten und ihn doch als Kind Gottes stehen lassen. Hut ab, wem das immer gelingt!!

Und so endet Paulus: Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. Zeigt eben nicht mit dem Finger auf andere, sondern sucht den gemeinsamen Rahmen. Sucht die groben, aber verbindenden Linien. Das, was uns als Menschen auszeichnet, ist doch gerade, dass wir einzigartig sind. Dass jede und jeder von ihnen ganz unterschiedliche Sachen gut kann – Paulus würde sagen, dass jeder unterschiedliche Gaben hat. Und er fasst das Ganze in ein Bild: Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus. So ist es – auch bei uns: Da gibt es die, die organisieren. Es gibt die, die gerne mit Kindern und Jugendlichen zusammen sind und mit denen der Sache Gottes auf der Spur sind. Es gibt die, die Menschen in der Gemeinde besuchen und es gibt die, die einfach ohne viel zu reden mit anpacken. Und es gibt die, die leise betend die Gemeinde begleiten und die, die einfach regelmäßig durch ihre Kirchensteuer all das mit ermöglichen und so ihren Beitrag leisten.

Also, will der Apostel uns sagen: Denkt doch nicht zu groß von euch, seid eines Sinnes untereinander. Haltet euch selbst nicht für klug. Behaltet die groben Linien im Blick!

Aufgenommen hat das vor 30 Jahren ein Liederdichter (EG 268) und schreibt: Gaben gibt es viele, Liebe vereint. Dienste leben viele aus einem Geist. Glieder sind es viele, doch nur ein Leib.

Und das singen wir jetzt gemeinsam.

drucken