Fröhliche Hoffnung bewahren und viel beten.

Liebe Gemeinde,

Christinnen und Christen sollen Gutes tun. Der Glaube soll zu moralischem Handeln führen. Deshalb ist Predigt und Moralpredigt in den Augen vieler Menschen das Gleiche. Ich finde dagegen, dass es nichts nützt Moralpredigten zu halten. Denn dann fühlt man sich bevormundet und tut erst recht nicht, was die Predigerin sagt. Trotzdem ist moralisches Handeln natürlich wichtig, damit das Zusammenleben gelingt. Mein Problem ist jetzt dass der Predigttext heute lauter Anweisungen enthält. Ich finde diese Anweisungen ja gut, aber ich finde wie gesagt Moralpredigten auch sinnlos.

Was mach ich jetzt bloß?

Naja erst mal den Text vorlesen. Ich lese aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom:

[TEXT]

Vielleicht geht es Paulus ja gar nicht darum die Leute in Rom dazu zu bringen all das zu machen, was er da sagt. Ja, genau. Paulus kennt die Gemeinde in Rom gar nicht. Aber er will hinreisen und möchte sie kennenlernen und möchte dort gastfreundlich aufgenommen werden. Der Brief dient also der Reisevorbereitung.

Da ist es eigentlich ganz schlau, den Leute zu sagen, sie sollen gastfreundlich sein. Der Zweck dieses Briefes ist, sich selbst vorzustellen und den Leuten in Rom zu sagen, welche moralischen Wertmaßstäbe Paulus richtig findet, damit sie dann sagen: „Ja, das ist ein guter Mann. Den können wir gastfreundlich willkommen heißen. Der teilt unsere moralischen Maßstäbe und Werte.“

Wenn es in dem Brief also um eine Verständigung über gemeinsame Werte geht, dann können wir diese Stelle auch noch einmal anders lesen.

Sehen wir uns doch mal an, ob wir die Werte des Paulus heute noch teilen.

Vers 9 Die Liebe darf nicht geheuchelt sein. Klar doch. Verabscheut das Böse, tut mit ganzer Kraft das Gute! Ja sicher wer findet das nicht richtig?

10 Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern, und ehrt euch gegenseitig in zuvorkommender Weise. Genau. Den Rest lese ich jetzt nicht noch mal vor. Ich gehe davon aus, dass wir das auch richtig finden werden.

Also ist doch schon mal gut, wir teilen die Wertvorstellungen des Paulus. Und das ist erstaunlich, weil sich in den letzten 2000 Jahren die Welt erheblich geändert hat. Über so etwas wie ungeheuchelte Liebe und gegenseitigen Respekt können wir uns immer noch verständigen. Eigentlich toll.

Schwierig wird es allerdings, das auch zu tun, was wir eigentlich richtig finden.

Und hier kommt jetzt die Stelle, wo sich der christliche Glaube von allgemeinen Gesetzen und Wertvorstellungen unterscheidet.
Ich möchte das am Beispiel der ungeheuchelten Liebe erklären.
Grundsätzlich lieben wir bestimmte Menschen in unserem Leben, den Ehemann, die Ehefrau, Kinder, Enkel, Eltern, Freunde. Wir haben Menschen, die uns wichtig sind, und wir brauchen Menschen, die wir lieben können. Und wir sollen uns in der Gemeinde gegenseitig lieben. Jetzt sagt Paulus mir: Die Liebe darf nicht geheuchelt sein. (Seufz) Ich liebe meinen Ehemann, aber nicht immer. Manchmal könnte ich ihn an die Wald klatschen, und manchmal verstehe ich ihn einfach nicht. Und da ich ja eine gute Christin sein will, versuche ich die Ruhe zu bewahren, und mich möglichst liebevoll ihm gegenüber zu verhalten. Das schaffe ich dann auch. – Ungefähr zwei Minuten lang. Wenn ich entspannt bin vielleicht auch zwei Tage lang. Aber irgendwann bin ich so wütend, dass ich mich besser öfter nicht im gleichen Raum aufhalte wie er und mich nicht mit ihm befasse. Und dann stelle ich fest, so geht das nicht. So geht das nicht im Umgang mit Ehemännern. So geht das nicht im Umgang mit Nachbarn, die einen nerven. Disziplin und der Versuch sich gut zu benehmen, führt ein Stück weit, aber am Ende reicht es nie – zumindest nicht bei Personen, die einem wichtig sind und mit denen man viel zu tun hat.

Was dann? Wie komme ich zu einem liebevollen Verhalten, bei dem die Liebe ungeheuchelt ist und das vor allen Dingen nicht so furchtbar anstrengend ist?

Hier endet die Moral. Hier führt das: Du sollst! Nicht weiter. Die Einsicht, dass man moralisch handeln müsste, reicht nicht mehr. Es hat keinen Sinn mich aufzufordern mich meinem Ehemann gegenüber liebevoll zu verhalten. Ich bin damit einfach überfordert. Ich kann den Ärger und die Wut nur eine gewisse Zeit kontrollieren. Und ich kann ein Weilchen Liebe heucheln. Aber ich kann auf Dauer nicht so leben.

Also wie kann es gehen?

Die nächsten Sätze unseres Predigttextes helfen weiter: 11 Werdet im Eifer nicht nachlässig, sondern lasst euch vom Geist Gottes entflammen. Dient in allem Christus, dem Herrn.

Sich vom Geist Gottes entflammen lassen empfiehlt Paulus, damit die Liebe ungeheuchelt ist.

Wie mache ich das, mich vom Geist Gottes entflammen lassen? Auch da hilft der Predigttext weiter: 12 Seid fröhlich als Menschen der Hoffnung, bleibt standhaft in aller Bedrängnis, lasst nicht nach im Gebet.

Fröhliche Hoffnung bewahren und viel beten.

So kann es gehen. Ungeheuchelte Liebe, das ist ein Geschenk des Geistes Gottes. So was kann ich willentlich nicht herstellen. Ich kann aus mir selbst keine Liebe entwickeln oder festhalten. Das geht einfach nicht. Ungeheuchelte Liebe entsteht, wenn man sich für den Geist Gottes öffnet. Und was dann kommt, ist kein sentimentales Gefühl. Diese Liebe schließt nicht aus, dass man sich ärgert und wütend ist. Und sie schließt auch nicht aus, dass man mal ein paar deutliche Worte findet, wenn der andere einen nervt. Diese Liebe ist auf einer tieferen Ebene da. Sie besteht darin, dass man den anderen grundsätzlich annimmt wie er ist, dass man seine Stärken und guten Seiten sieht, und dass man ihm nahe sein möchte.

Das kann man nicht selbst herstellen. Aber man kann sich dafür öffnen, dass so etwas mit einem passiert.

Dabei hilft beten. Beten hilft dazu, uns nicht zu sehr auf uns selbst zu verlassen, wie der Predigttext sagt: Verlasst euch nicht auf eure eigene Klugheit.

Im Gebet kann ich schon mal einen Teil meines Ärgers loslassen und an Gott abgeben. Ich kann Gott bitten, mir Ruhe zu geben, damit ich sinnvoll mit der Person reden kann, über die ich mich geärgert habe. Ich kann für den anderen beten. Dabei ändert sich das Gefühl gegenüber dem anderen zum Besseren. Wenn ich ihm etwas Gutes wünsche und Gott um etwas Gutes für ihn bitte, dann werde ich gleich etwas friedlicher gestimmt. Das funktioniert ganz gut mit Menschen, die mir nahe stehen.

Unser Predigttext behauptet sogar das würde auch gehen mit Menschen, die einen verfolgen. Da steht: 14 Wünscht denen, die euch verfolgen, Gutes. Segnet sie, anstatt sie zu verfluchen. Das finde ich persönlich etwas viel verlangt. Aber ich war natürlich noch nicht in einer harten Verfolgungssituation. Ich kann also nicht beurteilen, ob das geht. Es gibt allerdings Leute die sagen, seinen Verfolgern Segen zu wünschen, hätte sie selbst in dieser furchtbaren Situation gerettet. Wie gesagt ich kann das von außen nicht beurteilen, aber ich will ihnen das mal glauben.

Also für das Verhältnis zu meinem Ehemann finde ich die Ratschläge von Paulus schon sehr sinnvoll und hilfreich. Paulus hat auch noch ein paar Ratschläge für den Umgang untereinander in der Gemeinde und mit Menschen, die einem etwas ferner stehen:

13 Sorgt für alle in der Gemeinde, die Not leiden, und wetteifert in der Gastfreundschaft. 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Traurigen. 16 Seid alle miteinander auf Einigkeit bedacht. Strebt nicht hoch hinaus, sondern haltet Gemeinschaft mit den Verachteten. Ich vermute mal, das alles würde uns als Gemeinde gut weiterhelfen. Aber das im einzelnen auszuführen, wären zwei drei weitere Predigten.

Also bleibt mir zum Schluss noch eine Empfehlung auszusprechen:
Versuchen Sie nicht liebevolles Verhalten durch Disziplin und Willenskraft herzustellen. Es funktioniert nicht, zumindest nicht auf Dauer. Es ist einfach zu anstrengend. Und am Ende läuft es bei allem guten Willen auf Heuchelei hinaus. Gerade bei viel gutem Willen wird es schief gehen.

Es gibt eine Alternative: Beten und sich vom Geist Gottes entflammen lassen. Die Liebe, die ich selbst nicht herstellen kann, empfangen. Der Unterschied ist spürbar. Das ist nicht so einfach für Leute wie mich, die gerne alles unter Kontrolle haben. Denn es erfordert auch seinen guten Willen loszulassen und zu warten, was geschieht. Mir fällt es nicht leicht auf das zu warten, was mir von Gott entgegen kommt. Aber jeder Versuch hier etwas zu kontrollieren, funktioniert einfach nicht. Also lege ich mich hin und bete und hoffe und warte. Und dann geht es meistens. Und wenn es geht, dann weiß ich, es ist ein Geschenk und es kommt nicht von mir.

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