Briefwechsel

Liebe Gemeinde!

An diesem und an dem kommenden Sonntag sind wir ursprünglich eingeladen, über das 12. Kapitel des Römerbriefes miteinander nachzudenken. Wir haben den Anfang dieses Kapitels im Eingangsteil des GD schon als Epistellesung gehört. Die Formulierung des Paulus an die Gemeinde in Rom klingt vielleicht ja noch in Ihren Ohren nach: „ Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes…“ So beginnt Paulus dieses Kapitel, das in der Lutherbibel unter der Überschrift „das Leben (in der Gemeinde) als GD“ zusammengefasst werden kann. Und im Laufe des Kapitels entwickelt Paulus nicht weniger als 25 Mahnungen und Ermahnungen, die er der Gemeinde in Rom, die er bis dahin gar nicht persönlich kennt, mit auf den Weg gibt. Doch schon beim ersten Hören und Lesen regt sich vehementer Widerstand in mir und ich kann gar nicht anders, als meinen Widerspruch an Paulus auch deutlich zum Ausdruck zu bringen. Am einfachsten geht das wohl, wenn ich ihm einen Brief schreibe. Etwa so:

Lieber Paulus! Viele Deiner Werke und Deine Lebensgeschichte habe ich gelesen. Und man kann immer wieder spüren, dass Du ein von Gott begnadeter Mensch bist, der in besonderer Weise unter der Führung und dem Schutz Gottes steht. Doch mit dem, was Du im 12. Kapitel Deines Briefes an die Schwestern und Brüder in der jungen Gemeinde in Rom geschrieben hast, und was unser Leben heute noch beeinflussen soll, kann ich mich ganz und gar nicht einverstanden erklären! Das fängt schon ganz am Anfang an: Du ermahnst die Menschen in Rom durch die Barmherzigkeit Gottes. Paulus, das kommt mir wie eine Zumutung und Überheblichkeit gleichermaßen vor! Denn das, was Du im folgenden aussprichst, sind entweder Einengungen eines Lebens in Freiheit, so wie Gott es ursprünglich gemeint hat. Oder es sind Selbstverständlichkeiten, die die Menschen damals und wir heute sowieso leben. Im schlimmsten Fall schränkst Du mit Deinen Ermahnungen aber immer wieder die Selbstbestimmung des Menschen, sein Leben nach seiner Fasson zu leben, derart ein, dass nichts mehr von der Freiheit, die Gott uns Menschen zuerkannt hat, wiederzufinden ist. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Du unter Berufung auf Gottes Barmherzigkeit vor allem Deine eigene subjektive Meinung, bei allem missionarischen Eifer, den Du gelebt hast, Deine Weltabgewendetheit, Deine Weltfremdheit, uns aufoktruieren willst.

Allein Deine Aufforderung, den eigenen Leib als Opfer hinzugeben, wieviel Menschen hat er das Leben gekostet. Nicht nur die Millionen, die mit der Aufschrift „Gott mit uns“ auf ihren Koppelschlössern sehenden Auges ins Verderben gegangen sind! Ich denk auch an alle jene, die sich durch quälende Gedanken, Gott um jeden Preis gefallen zu wollen, dadurch selbst kasteien, dass sie ihr Leben eigentlich am Leben vorbeileben. Wir können doch nicht außerhalb der Welt leben, zumal wir doch eigentlich in die Welt gesandt sind! Und außerdem: Paulus könntest Du einen Blick auf unsere Zeit und unsere Welt werfen, dann wüsstest Du, wie wichtig es ist, sich in das beste Licht zu rücken. Lieber eine bisschen mehr aus sich machen, als sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Denn die Einfachen und Bescheidenen beißen am ehesten die Hunde. Und wer nichts aus sich macht, der hat ohnehin keine Chance und wird im Regen stehen gelassen. Tja, Paulus, die Zeiten haben sich nun einmal geändert! Vielleicht konntest Du das noch nicht ahnen, als Du Deinen Brief an die Römer geschrieben hast. Es tut mir irgendwie leid, dass Deine Worte uns heute nicht mehr unbedingt etwas sagen, oder bestenfalls Unverständnis und Ärger hervorrufen. Aber vielleicht reicht ja auch das Letztere aus, um noch eine Botschaft an uns heranzutragen, die uns im Leben weiterbringt, die uns einen Weg zeigt, der wirklich gangbar ist und uns nach vorne bringt. Nicht nur im materiellen und oberflächlich ideellen Sinn. Denn wir merken immer wieder, dass wir mit unserer Lebenseinstellung oftmals in immer mehr Sackgassen geraten. Darum: Solltest Du noch eine Idee haben, Paulus, die uns Deine Worte besser verstehen lässt, dann wäre ich Dir dankbar, wenn Du sie uns heute noch einmal mitteilen könntest. Schade, dass das nicht so einfach sein wird.

Mit bruderlichem Gruß! Emanuel

Liebe Gemeinde! Irgendwann habe ich es gelernt und verinnerlicht und immer wieder in meinem Leben bestätigt bekommen: Gott ist nichts unmöglich und der Geist Gottes weht wo er will. Und so stelle ich mir vor, dass es auch möglich ist, dass ich von Paulus eine Antwort auf meinen Brief bekomme. Die könnte sich dann ja vielleicht so anhören:

Lieber Emanuel! Danke für Deinen offenen Brief, in dem Du mir von den Problemen erzählst, die die Menschen Deiner Zeit mit den Gedanken haben, die ich vor langer Zeit an die junge Gemeinde in Rom formuliert habe, in der Hoffnung, dass sie Menschen zu aller Zeit dienlich sein können. Ich verstehe durchaus Deine Bedenken und ich erkenne die Messverständlichkeit mancher Formulierung, vor allem, wenn man den großen Zusammenhang außer Acht lässt und den Blick einengt auf das unmittelbar Gesagte. Weitet Euren Blick auf meinen ganzen Brief an die Römer und versucht neuen Zugang auch zu den Vokabeln und Begriffen zu finden, die bei Euch kaum noch Bedeutung haben, oder deren Bedeutung bei Euch bis zur Unkenntlichkeit des Ursprünglichen verändert worden ist. Ein nicht allen bekannter und nicht immer unumstrittener Mensch Eurer Zeit und doch einer von den großen Theologen des 20. Jahrhunderts (Otto Weber), der auch intensiv über meine Schriften nachgedacht hat, hat darauf hingewiesen, dass eine Gemeinde, die sich bzgl. ihrer Gemeindegestaltung, ihres aktiven Gemeindelebens ausschließlich auf Römer 12 bezieht, ohne das in den vorherigen Kapiteln Gesagte zu berücksichtigen, dass solch eine Gemeinde sich ausschließlich einem unerfüllten Gesetz ausliefert, das ein einengendes Gerüst sein kann, ohne jeglichen wirklichen, Leben spendenden Inhalt. Erst die Gedanken, die ich schon zuvor geäußert habe an die Römer füllen dieses Gerüst mit wirklichem Inhalt und machen lebendiges Leben möglich. Ein anderer Großer Eurer Tage und Eurer Kirche hat diesen Inhalt mit wenigen Worten so beschrieben (Karl Barth): „Was ist der Wille Gottes mit uns? 1. Stehen im Sieg des Lebens. Dieser Sieg des Lebens ist Euch, ist allen Menschen von Gott ohne Vorbehalte zuerkannt worden, allein dadurch, dass SEIN Sohn diesen Sieg durch sein eigenes Opfer errungen hat. Ein für alle Mal! Nein, ich stimme Dir zu, Emanuel, ihr braucht keine Opfer mehr zu erbringen. Das eigentliche Opfer ist schon lange erbracht und kann niemals übertroffen werden. Denn es ist das Opfer Gottes, dargebracht aus SEINER unerschöpflichen Liebe für uns Menschen! Und dort, wo Menschen meinen, immer noch Opfer bringen zu müssen, oder in Katastrophen von Opfern sprechen, die dargebracht wurden, haben sie mich nicht, und Gott den EWIGEN schon gar nicht verstanden. ER fordert keine Opfer, denn ER wurde uns zum Opfer.

Was ist der Wille Gottes mit uns? 2. Stehen in der Gnade in der Freiheit, im Geist Gottes. Sicher, mit dem Begriff der Gnade können viele von Euch nichts mehr anfangen. Etwas unverdient geschenkt bekommen, sogar das Leben in Fülle unverdient geschenkt zu bekommen, dass ist vielen von Euch fremd geworden. Denn Euer Maßstab basiert doch häufig auf der Devise von Leistung und Gegenleistung. Und dieser Weltgeist hält Euch so gefangen, dass ihr es für unmöglich haltet, dass eine andere Lebensform überhaupt möglich sein kann. Dabei merkt ihr gar nicht,wie immer mehr Menschen unter dem Joch der propagierten, allgemein gültigen Lebenseinstellung an Leib und Seele krank werden.Hilfe und Rettung kann nur liegen in der unbedingten Annahme und Liebe, in der jeder von vorne herein etwas gilt und wert ist, ohne je eine Leistung erbracht zu haben. So wie Gott der EWIGE sie uns anbietet. Das meine ich, wenn ich sage: Überdenkt Eure Einstellung zum Geist Eurer Zeit, zum allgemeinen Weltgeist. Ihr sollt nicht das Leben meiden oder fliehen. Ihr sollt nicht eigenbrötlerisch das Leben einsam gestalten. Ihr sollt mit Eurem Leben zeigen, dass Lebensannahme in der bedingungslosen Annahme des Anderen möglich ist, weil ihr erfahren durftet, was es heißt, von Gott geliebt zu sein. Denn jener Große Eurer Zeit hat darauf hingewiesen, dass man gerade dadurch immer wieder neu Gott suchen und das Erbarmen Gottes finden kann, indem man sich bedingungslos auf seine Liebe einläßt und sie an seine Umwelt weitergibt. Und nun beachte noch, in welchen gottesdienstlichen Textzusammenhang meine Gedanken an die Römer gestellt worden sind. An beiden Sonntagen, an denen ihr über meine Worte und Gedanken nachdenkt, berichten Euch die Evangelien von Festen und Feiern. Heute habt ihr von der Taufe des Gottessohnes gehört. Und nächste Woche werdet ihr mit eingeladen zu einer Hochzeit, die ein Lebensfest werden soll, auch wenn es Stunden gibt, die an einer wirklichen Feier zweifeln lassen. Am Ende wird das Wasser wieder zu Wein werden. In der Taufe sagt Gott „Ja“ zu SEINEM Sohn. In eurer Taufe sagt Gott bedingungslos „Ja“ zu Euch. Gott spricht Euch SEINE Einladung zu umfassendem Leben aus. ER gesteht euch aber auch die Freiheit zu, diese Einladung nur bedingt oder gar nicht anzunehmen. Doch wenn ihr sie annehmt, die Einladung zum Leben, dann bin ich sicher könnt ihr gar nicht anders, als die Mahnungen, die ich einst formuliert habe, als Eure Lebensmaxime in die Tat umzusetzen. Ein erhobener Zeigefinger spielt dabei dann keine Rolle mehr. Und ich bin sicher die alten Begriffe, mit denen ihr euch heute noch schwer tut, werden dann auch wieder Bedeutung und Inhalt gewinnen. Der von der Gnade und auch der von „Gottes Barmherzigkeit“. Und beide Begriffe werden für Euch die Einladung zum Leben aus Gott und in Gottes Gegenwart zum Klingen bringen und aktuell werden lassen. In dieser Hoffnung lass mich meinen Brief nun schließen mit einer Segensformel von mir, die Euch wohl bekannt ist, die aber heute vielleicht wieder neu an Bedeutung für Euch gewinnen kann:


Der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

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